Dear London,
wir hatten keinen guten Start, das muss man leider sagen. Zum ersten Mal saß ich am Flughafen herum, weil mein Flug Verspätung auf unbestimmte Zeit hatte. Unsinniges Warten ist für mich die Hölle, denn ich komme immer pünktlich.
„Planen Sie genügend Zeit ein, es kann nicht auf Sie gewartet werden.“ Stand auf meinem Ticket. Ich glaube, das war ein Scherz. Er würde jedenfalls zu England passen.
Wie auch immer. Der britische Akzent um mich herum hüllte meine Müdigkeit und meine wütende Lethargie ein und ich musste lächeln, als ein zauberhafter Brite hinter mir zu einer älteren Dame meinte: „Well, you should make yourself comfortable here. The flight is postponed to 7pm“.
Fair enough. Meine neueste Redewendung, auf die ich total stehe.
Im Flugzeug wurde ich zwischen zwei englische Geschäftsmänner gesetzt, deren Charme mich völlig einnahm. Der Eine zu meiner Linken passte kaum in seinen Sitz und fing schon zu schnarchen an, bevor wir überhaupt das Rollfeld erreicht hatten. Der Andere zu meiner Rechten entschuldigte sich dafür. Wie sich später herausstellte, schnarchte die dreijährige Tochter des übergewichtigen Mannes auch schon, daher folgerten wir gemeinsam, dass es wohl in der Familie liegen würde.
Ein paar Minuten später stieg ich aus, heimste noch ein paar Tipps für die Stadt ein und hetzte zwischen den Terminals hin und her.
Anstrengend. Ich wollte auf einmal nur noch ins Bett. Glücklicherweise kam ich auch dort schon wieder in den Genuss der englischen Lockerheit, Fröhlichkeit und immensen Hilfsbereitschaft. Darling, can I help you? Can you step back, darling, thank you! Oh, I’m so sorry, excuse me!
Hach. Das zog sich durch meinen kompletten Aufenthalt. Wenn ich eine Dame auf der Straße umrannte, dann entschuldigte sie sich bei mir. Und wenn ich ein bisschen orientierungslos aussah, wurde ich angesprochen. Meine Güte, ich bin wirklich gefährdet auszuwandern.
Die meiste Zeit ließ ich mich mit meiner Freundin treiben. Am ersten Tag liefen wir von Southwark nach Notting Hill, was einmal quer durch den sonnendurchfluteten Hyde Park hieß. Ein absolut goldener Oktober herrscht da gerade in London, alles ist noch in sattes Grün getaucht und wenn schon Blätter verfärbt sind, dann tänzeln sie in allen erdenklichen Farben durch die Luft. Wonderful.
Und Notting Hill. Kein Wunder, dass sich die gute Julia in den smarten Hugh dort verliebt hat. Ich habe mich ja schon in jedes einzelne Häuslein verguckt und sehe mich abends durch mein großes Altbaufenster spähen, darauf warten, dass mein Ehemann durch dieses entzückende Türchen schlüpft.
Uuuuund die Buchhandlung, in der gedreht wurde, die ist so typisch verschroben und atmosphärisch.
Warum habe ich gleich noch mal ein eBook herausgebracht? Ich schweife ab.
Der erste Tag wurde gekrönt durch eine unglaublich tolle Pub Tour, die ich jedem ans Herz legen möchte, sollte er mal in London sein. Am Anfang war ich kurz skeptisch, denn Pub Tour heißt in den meisten Städten ein Besäufnis sondergleichen, eine Tour auf allen Vieren von Pub zu Pub. Nicht so im East End, wo Finanzwelt auf Armut trifft und man das auf dem silbernen Tablett serviert bekommt. Gary, unser Guide, Anfang 30 und british charming at his best, zeigte uns versteckte Ecken von Bricklane und erzählte uns über die Anfänge dieses Viertels. Wir tranken in vier Pubs vier verschiedene Biere, die sich qualitativ enorm steigerten – vom dunklen Spülwasser bis zum leckeren Hellen am Ende war alles dabei. Zwischen den einzelnen Stopps wies er uns auf die Street Art hin, die überall zu entdecken war und für aufgerissene Augen sorgte. Gedruckte Sätze auf den Straßen wie „one day we will get off the streets“ trieben mir Tränchen in die betrunkenen Äuglein und das Kunstwerk mit Swaroski-Steinchen besetzt, funkelte mit diesen um die Wette. „Don’t even think of getting them out, it is completely impossible“, scherzte Gary und wir fühlten uns wohl alle ertappt.
Übrigens sind wir in jener Nacht an einer unbearbeiteten Fläche vorbeigelaufen und am nächsten Abend – keine 24 Stunden später – nochmals. Blieben stehen und staunten ungläubig auf ein Werk, welches über Nacht entstanden war und wirklich atemberaubend gut war.
Im East End ist es ein absolutes Muss, bei einer der zwei jüdischen Bäckereien einen Baigel zu essen. Diese Bäckereien konkurrieren seit Jahrzehnten, haben 24/7 offen und sind bei Einheimischen immens begehrt. Der Subway, der vor kurzer Zeit direkt gegenüber öffnete, wird gekonnt ignoriert – wenigstens hier zählt, was wirklich wichtig ist: Die Individuen hinter den Geschäftsideen und die Unterstützung der local heroes. Also stehen wir nachts auch in der Schlange. Und schlemmen. Und sind glücklich.
Auch an den anderen Tagen ließen wir uns eher treiben, als dass wir große Pläne verfolgten. Nach dem Shopping in Camden liefen wir nach Little Venice und streunten dort ein wenig umher, um Kate Moss zu treffen. Vergeblich. Es zog uns auch nach Brixton, einem karibischen Viertel, das zu den eher gefährlichen Teilen gehören soll. Uns egal, der Kaffee schmeckte auch dort.
London, du mit deinem Charme und deiner Ausstattung an britischem Humor, den ich so liebe. Mit den vielen Sonnenstunden, von denen keiner die leiseste Ahnung hat, wenn er nicht vor Ort ist. Du mit deinen Trends von morgen, da hast du mir so fancy Gummistiefel beschert, wo ich doch nie ein Fan von ihnen war. Egal. Du bist toll. Bin jetzt super hip in München und schwärme allen vor von dir.
I love you.
Yours,
Ani
PS: My Mitbringsel!







Du warst ne Woche zu früh da, nächstes Wochenende hätten wir ein Käffchen trinken können. Aber: Danke fürs Erhöhen der Vorfreude.
oh nein! schade.
viel spaß, bin gespannt, was du berichtest!
Sooo schön und wundervolle Bilder!