Das vice-Magazin hat einen Hassartikel über München gebracht. Und alle Münchner regen sich auf. Dass die vice nun meist mit Ironie arbeitet und eigentlich nur Artikel in die virtuelle Welt kotzt, damit sich jeder darüber aufregt und eine Debatte in Gang gebracht wird, checken leider nicht immer alle.
Ich bin mir bei meinem folgenden Artikel durchaus bewusst, dass ich ihn nicht schreiben würde, hätte ich den „Warum München wirklich die allerbeschissenste Stadt der Welt ist“-Artikel nicht gelesen.
Gut, ich habe ihn ehrlich gesagt nur überflogen, weil er nicht besonders clever oder gut geschrieben ist, und weil ich gelangweilt bin zu hören, wie unglaublich beschissen die bayerische Hauptstadt doch sei.
So. Ich habe mich aufgeregt, ich gebe es zu. Nicht über den Artikel. Nicht, weil ich ein München-Liebhaber bin, der das Gefühl hat, die Stadt vor ihren Internettoren verteidigen zu müssen. Ich hatte mich auch gar nicht angesprochen gefühlt, eine Debatte zu starten. Vorerst. Viel mehr störte mich das Feiern des Artikels einzelner Personen meines Münchner Umfeldes. Personen, die in München seit Jahrzehnten leben und irgendwie nur gequirlte Scheiße über die Stadt ablassen können. Und ich frage mich da schon ein bisschen, warum keiner von ihnen seine sieben Sachen packt und in eine andere Stadt zieht? Hm? Macht für mich keinen Sinn. Außer den, dass der Durchschnittsdeutsche sich ja prinzipiell gerne über das aufregt, was er eigentlich mag. Oder bei dem er nicht die Kraft hat, sich ihm zu entziehen. Auf Wiedersehen zu sagen ist ja leider nicht so einfach, denn dafür braucht man Eier in der Hose. Die reichen derzeit allerdings nur zum Shitstorm. Klar, dazu kann in man der Unterbuxe vor dem Laptop sitzen, dazu muss man keine Koffer packen und sich mal wirklich um sein Leben kümmern.
„Das komplette Münchner Nachtleben ist ausgerichtet auf Ficken und Angeben“.
Was für eine überaus kompetente und enorm detaillierte, recherchierte Beschreibung! Drängt sich bei mir nur leider die Frage auf: Warum sollte es in irgendeiner Stadt anders sein? Nur, weil mal zwei Wochen Ausnahmezustand herrscht und sich alle im Wettlauf gegen die Zeit ins Koma saufen? Ist eigentlich irgendjemandem schon mal aufgefallen, dass das meist der Rest Europas und der Rest Deutschlands ist, der sich nicht beherrschen kann? Die das Oktoberfest nie verstehen werden? Warum steht am Berliner Hauptbahnhof ein Münchner Oktoberfestzelt, wenn München so scheiße ist und sich die beiden Städte angeblich nicht leiden können?
Und in London, Paris, New York oder Bielefeld geht es nicht darum, irgendjemanden abzuschleppen oder die neueste geile Hipster-Klamotte zu zeigen? Dort geht es nicht darum, wer sich welche Drogen einschmeißt und am längsten dabei stehen bleibt?
Meine Güte, wie unglaublich armselig. So viele typische Städteattribute über einer Stadt auszuleeren, ist für mich eine grenzdebile Schreibweise.
„Ohne München hätte es Hitler nie gegeben“. Das lasse ich unkommentiert, dazu fehlen selbst mir die Worte.
Das Traurige an der Sache ist, dass der werte Autor des ach so anerkannten und so unglaublich mutigen vice-Magazins uns Münchner alle ein bisschen verarscht hat. Vielleicht ist er der Erste, der im P1 Schlange steht. Man weiß es nicht und mir persönlich ist es auch herzlich egal.
Aber liebe Menschen, die ihr alle München so unglaublich uncool findet und eine Stadt nicht einfach eine Stadt sein lassen könnt: Wenn ihr keine Nische findet, in die ihr euch hier im Süden Bayerns (uh, das gefährliche Wort) nicht verkriechen und versuchen könnt, darin glücklich zu werden, darf ich vorstellen: Die Welt. Ein Planet, der so viele Millionenstädte zur Verfügung stellt, dass einem schwindelig werden kann. Alle anders, alle unterschiedlich, alle prall gefühlt mit den Leckereien, die das Leben zu bieten hat. Kriegt euren Arsch hoch und zieht um! Vor allem für folgende Erkenntnis:
Jede Stadt hat seine Schattenseiten. In jeder Stadt geht es nachts ums Vögeln und in jeder Stadt geht es ums Angeben. Warum? Weil das ein Problem der egozentrischen und schlichtweg dummen Menschheit ist. Weil die meisten von uns nicht verstanden haben, worum es wirklich geht. Und so lange ihr das nicht kapiert, habt ihr zwei Möglichkeiten: Euer Schicksal in dieser so gemeinen und schlimmen Stadt mit dieser unglaublich niedrigen Lebensqualität annehmen und die Klappe halten. Oder umziehen, vielleicht mal nach Neu-Delhi.
Viel Spaß dabei.
München, du hast deine Macken. Du kannst oberflächlich und spießig sein, auch wenn der Autor sagt, das sei nur Fassade. Egal. Du bist in Ordnung, du bist ganz hübsch anzusehen. Du bist halt nichts Besonderes, deswegen hacken alle auf dir herum. Also halt die Ohren steif. Die anderen sind auch nicht besser, die tun nur so.
Schöner Artikel!
Stimm dir da ganz zu.
LG aus der Münchner Nachbarschaft
Marianna
Danke dir!
Oh, du bist auch in München? Dann lass uns doch mal nen Kaffee trinken! Toller Blog!
Ja, bin ich noch.
Kaffee trinken klingt großartig! Sehr gern. Schreib mir doch ne Mail. Würd mich freuen.