Surreal. Auch ein bisschen absurd. Heiß. So richtig. Ich glaube, dass jeder, der zum ersten Mal hier ankommt, das Gefühl hat, in eine seltsame Parallelwelt kopfüber einzutauchen. Du trittst nach draußen und dann musst du blinzeln, weil die Sonne wie ein Blitz ins Auge schießt. Für einen Moment schließt du die Augen. Du öffnest sie wieder, ordnest dich, und steigst ins Taxi. Das passiert, wenn du am LAX ankommst.
22 Jahre war ich jung. Im Mai 2010 hatte ich beschlossen, endlich nach Kalifornien zu fliegen, schließlich hatte ich knapp 800 Euro übrig, nicht einfach nur auf dem Konto, sondern übrig. Ich buchte einen Flug, ich musste wirklich raus, zum allerersten Mal, mit 22 Jahren, hatte ich das Gefühl, ein Kapitel in meinem Leben zuschlagen zu müssen.
Und wo ließe es sich besser neu beginnen, als im sonnigen Kalifornien, wo keiner Probleme hat und wenn er sie hat, dann verpuffen sie wie Wassertropfen auf braungebrannten Alabasterkörpern.
Kurz vor meinem Flug habe ich an einem Workshop an der Filmhochschule München teilgenommen und einen Kurzfilm gedreht. Der Leiter des Workshops erfuhr von meinen Reiseplänen und steckte mir umgehend die E-Mail-Adresse eines guten Freundes zu.
„Der ist Agent in L.A., bei dem schläfst du, wenn du schon alleine unterwegs bist. Melde dich dort.“
Natürlich habe ich mich dort gemeldet. Ich konnte schließlich 1 und 1 zusammenzählen und wusste, dass die Worte Agent und L.A. eins bedeuten würde: Villa, die.
Groß und wahrscheinlich sogar in Beverly Hills. Schubiduu, dachte ich mir, stieg in den Flieger, stieg wieder aus, fuhr unter der Sonne L.A.s zur besagten Adresse - und wurde aus meinem Hollywoodtraum wachgerüttelt.
Eine Villa betrat ich, ja, und sogar ein schöner, wenn auch etwas dümmlicher, Golden Retriever schlitterte übers Paket und sprang an mir hoch, mit so einer Wucht, dass ich fast rückwärts die Treppen hinunterfiel. Doch der besagte Agent war reichlich wenig mit meiner Anwesenheit angetan. Er zeigte mir mein Zimmer - eins von vielen, kargen Räumen - und hing am Telefon, ernährte sich von einer seltsamen Diät, die ich nicht verstand, und verschwand nach ein paar Minuten.
Ich muss zugeben, ich hatte ein unglaublich mulmiges Gefühl. Am ersten Abend saß er mir wortkarg gegenüber, bat mir etwas von seinem traurigen Essen an und blieb einsilbig, als ich ihn mit meinen Erfahrungen des ersten Tages und meiner Dankbarkeit für ein Dach über dem Kopf überschüttete. Dann telefonierte er wieder und ich saß ihm wie ein begossener Pudel gegenüber. Ich fühlte mich unwohl und nicht willkommen, als ich meinen Blick über die tellergroßen Staubflocken schweifen lies - die mexikanische Putzfrau samt Tochter kam nur einmal die Woche und der bullige Hund wirbelte jeden Tag aufs Neue den Dreck auf, indem er über den Boden fetzte.
„Und wen vertreten Sie zum Beispiel so?“
„Bruce Willis.“
„Ach.“
„Wer ist denn dein Lieblingsschauspieler?“
„Emile Hirsch.“
„Kenne ich. Hatte letzten Monat ein Geschäftsessen mit ihm.“
„Oh Gott.“
„Möchtest du morgen Abend mal mitkommen?“
„Unglaublich gerne!“
Es kam nie dazu. Er war undurchdringlich und seltsam, hatte sein Angebot in dem Moment vergessen, in dem er es ausgesprochen hatte.
Kurz danach stiefelte ich in die Küche, schnappte mir das größte Küchenmesser, das ich finden konnte, und kroch in die Federn. Ich kam mir in dem Moment absolut bescheuert vor, aber mein Bauchgefühl sagte Vorsicht, und ich höre immer auf mein Bauchgefühl. Um 6 Uhr morgens ging seine Schlafzimmertür auf und ich war hellwach, als er durch die Gänge wanderte, immer wieder an meinem Zimmer vorbei. Mein Herzschlag pochte wild bis in meinen Kehlkopf und ich lag reglos im Bett, umklammerte das Messer mit steifen Händen. Irgendwann ging die Haustür auf.
Er geht joggen mit seinem Hund. Wie jeder, der in L.A. wohnt.
30 Minuten später war er wieder da, duschte, und ging zur Arbeit. Ich kam mir so albern vor, als ich aufstand und in die Küche trottete.
Ich vertraute ihm nicht, aber ich misstraute ihm auch nicht. Die Tage vergingen in friedlicher Koexistenz. Bis zum vierten Tag, an dem er mir eine SMS schrieb, dass er dringend nach Argentinien müsse und ob ich auf seinen Hund aufpassen könnte. Für mich war das der Jackpot, ich hatte die große Villa für mich alleine und konnte mich endlich frei bewegen. Gesagt, getan, ich habe ihn nie wieder gesehen, denn bis ich am Abend zuhause war, saß er schon im Flieger. Am gleichen Tag schrieb mir meine Freundin, sie säße im Flugzeug nach L.A., sie hätte „drauf geschissen, dass sie kein Geld hat und kommt jetzt zu mir.“
Ich jubelte innerlich, kaufte ungesundes Zeugs bei Ralphs und ging in der Abenddämmerung mit dem Hund Gassi, während mir die blondierten Babes der Nachbarschaft - ebenfalls 1-5 Hunde an der Leine - freundlich zuwinkten.
Am nächsten Tag kam ich vollkommen verschwitzt und fertig in der Mittagshitze an der Villa an, um dem Hund sein Essen zu geben. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, aber die Tür klemmte. Da half kein Winseln dahinter, ich bekam sie einfach nicht auf. Zwei Passanten, die ich um Hilfe bat, rackerten sich ebenfalls erfolglos ab. Meine Versuche, den Retriever dazu zu animieren, das Schloss von innen zu öffnen, blieben lediglich ein kläglicher Versuch.
Was sollte ich tun? Den Schlüsseldienst rufen? Warten, bis meine Freundin kommen würde? Bei den Nachbarn klingeln? Langsam stieg Panik in mir auf. Ich lief zum Tor, das in den Hinterhof und zur offenen Hintertür führte, welches aber ebenfalls verriegelt war. Aber ich musste da drüber, irgendwie würde ich da schon hochklettern können, sagte ich mir. Jeder zweite Film, der in L.A. gedreht wird, handelt von einem Einbrecherduo, also wo würde es klappen, wenn nicht hier?
Einziger Nachteil war, dass meine Einstiegaktion am hellichten Tag stattfand und bei dem Gedanken, jemand könnte mich beobachten und die Polizei rufen und die dann wiederum den grantigen Agenten in Argentinien (!) verständigen, machte ich mir fast in die Hosen. Egal, ich konnte nicht ewig herumsitzen. Ich stieg auf die Mauer neben dem Tor und zog mich am Eisengitter nach oben, balancierte auf den Metallverzierungen, um mich umdrehen zu können, und sprang aus der Hocke in den Hof - übrig blieb eine zerrissene Hose und ein paar leichte Schürfwunden. Den Adrenalinkick hatte ich allerdings dazugewonnen.
Am nächsten Abend saßen meine Freundin und ich in der Villa. Wir spielten auf einer der vielen herumstehenden Gitarren, sinnierten über unser kaputtes Liebesleben und packten meinen Rucksack. Am nächsten Tag ging es nach San Francisco - und wie das war, könnt ihr hier lesen. Und hier.
Lisa und der Hund, dessen Name mir partout nicht mehr einfallen möchte.
Nachtrag: Ich hatte in der Villa meine Schatulle mit all meinem Schmuck stehen gelassen. Unnötig zu erwähnen, dass der Agent auch nach der dritten E-Mail mir nie meine Sachen geschickt hatte. Beziehungsweise seine Sekretärin, die sich darum kümmern sollte. Darunter war eine Kette von Tiffany und Co. und die Ohrringe, die meine Mama und ich uns gegenseitig zu Weihnachten geschenkt hatten, ohne, dass wir uns abgesprochen hatten. Ich trauere allem noch heute hinterher und war nach dem Urlaub erstmal mehrere Wochen komplett schmucklos.




[…] der größten Filmagenten der USA sei, aber spätestens, als ich vor seiner Villa stand und er mit Bruce Willis telefonierte, lächelte ich mir ins Fäustchen und dachte: mehr L.A. geht […]