Was macht man, wenn man im Hinterland Brooklyns im Bett liegt, weiß, dass die Reise in drei Wochen vorbei ist und sich bewusst macht, eine Jacke anziehen zu müssen, wenn man nach draußen möchte? Man bucht einen Flug zurück nach Kolumbien und schwelgt währenddessen in Erinnerungen an einen der schönsten Tage in diesem Land: Mein Aufenthalt auf der Kaffeeplantage Campo Amor.
Meine Laune hebt sich automatisch, wenn ich an dieses Fleckchen Erde zwei Stunden außerhalb von Medellín denke. So viel grün, so viel Sonne, so viel Leben.
Wir fahren Schotterserpentinen entlang und werden ordentlich durchgeschüttelt, weil unser Fahrer – wie so viele Fahrer – Formel 1 spielt. In einem Jeep. Aber egal, alles egal, denn vor uns liegen so viele verschiedene Fincas an den Hängen und ich weiß, dass eine davon das Campo Amor sein wird.
Da, das ist sie. Ich habe mich sofort verliebt. Ich glaube, so schnell habe ich mich noch nie verliebt. In diese üppigen Pflanzen und den warmen Steinboden. Wenn man die Terrasse entlangläuft, kommt man zu einer einladenden Sitzgruppe und wenn man dann den Blick hebt, blickt man erstens in das hellblaue Wasser des Pools vor sich und sieht zweitens die davor zu Füßen liegende, in einem satten Grünton angemalte, kolumbianische Landschaft. Kaffeeplantagen, so weit das Auge reicht. Ich bin angekommen, ich bin absolut entzückt.
Wir beginnen mit einem sagenhaft leckeren und sehr traditionellem Frühstück, bei dem wir in den Tagesablauf eingeweiht werden: Aromen testen mit Adriana, Kaffeesorten bewerten im kleinen Labor, dann Mittagessen, danach auf den hauseigenen Pferden von Station zu Station der Kaffeeentstehung reiten. Ich kann es kaum erwarten. Irgendwie kann ich hier in der Finca gar nichts erwarten und bin gleichzeitig seltsam ruhig und ausgeglichen. Mein Blick schweift zur Sitzgruppe und ich denke mir, dass ich unbedingt hierhin zurückkommen und genau hier schreiben möchte. Autoren haben sich immer besondere Plätze – meist Gärten oder goldene Studierzimmer – gesucht, um Inspiration zu finden.
Ich bin für den Garten. Ich will hier nicht mehr weg.
Beim Testen der verschiedenen Aromen und Geschmacksrichtungen merke ich, wie sehr ich mich auf meine Augen verlasse und eigentlich nur unterteilen kann in schmeckt mir oder eben nicht. Aber dass neben der Zitrone auch noch ein Hauch Bitterkeit drin steckt? Hmpf. Keine Ahnung – wo ist der Kaffee? Ah, hier kommt er. Wir riechen an zwei verschiedenen Sorten, kategorisieren sie in die Stufen, die wir kurz zuvor gelernt haben, und schmecken sie ab, nachdem sie aufgebrüht sind. Ich bin die Einzige, die Kaffee Eins besser findet als Kaffee Zwei. Was soll’s, ich musste schon immer aus der Reihe tanzen.
Adriana, die im Labor für die letzten Schritte der Qualitätssicherung zuständig ist, fasziniert mich immer mehr. Ihre geschulte Nase und ihre ausgeprägten Geschmackssinne, machen es ihr mittlerweile möglich, aus einem Essen herauszulesen, wie es zubereitet wurde. Wurden die Zutaten beispielsweise mit gechlortem Wasser aus dem Hahn gewaschen, lässt sie das Gericht stehen. Sie sagt außerdem:
„Schmeckt ein Kaffee nach Zwiebeln, Finger weg!“ Na da.
„Reitet ihr gerne? Wir haben Pferde für euch.“
„Ich lieeeebe Pferde“, antworte ich. Meine Güte, reiß dich zusammen.
Ich reiße mich nicht zusammen, sondern sitze mit durchgedrücktem Rücken und breitem Grinsen auf meinem Ross. Wir reiten zuerst zum Saatbeet, danach wird ein Bäumchen gepflanzt, später kommt die Ernte und am Ende, irgendwann und nach gefühlt tausend Zwischenschritten voller Reinigung und Selektierung, halte ich eine geröstete Kaffeebohne in der Hand. Mein Pferd, das stehen bleibt, wann es will und eigentlich nur fressen möchte und mich damit an die steilsten Abhänge zieht, passt zwar zwar a) sehr gut zu mir, ist aber b) mittlerweile nun wieder unspektakulär. Denn ja, hier ist sie, die Bohne, die ich so liebe. Und wie ich sie in den Händen halte, kann ich kaum begreifen, welchen langwierigen und anstrengenden Prozess es braucht, um sie entstehen zu lassen. Die vorwiegende Handarbeit, die man in diesem Teil Südamerikas noch findet, ist wirklich pure Liebe zum Detail. Beziehungsweise zur Bohne.
Auf dem Campo Amor geht die Sonne unter. Wir sitzen verschwitzt und glücklich auf der Terrasse und trinken einen frisch gepressten Saft aus irgendeiner Frucht, die ich wiedermal nicht kenne. Alle Gesichter wirken müde aber glücklich.
Deniz fragt den Gutsbesitzer:
„Wisst ihr eigentlich, wie schön ihr es hier habt?“
Seine Antwort. „Jeden Tag.“
Vielen Dank an Antioquia la más educada, deren Einladung diesen Tag möglich gemacht hat. Meine Ansichten sind natürlich meine eigenen. Das Campo Amor ist übrigens hier zu finden.
Die Fotos stammen von Deniz.
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