Es ist 4:45 Ortszeit, als ich ein Geräusch höre, das ich so noch nie zuvor gehört habe. Eine Art Knall, allerdings immens laut und irgendwie blechern. So durchdringend, dass ich mir vorstellen kann, wie laut es gewesen sein muss, wäre man direkt dort gewesen. Am Ort des Geschehens und nicht ein paar hundert Meter oder vielleicht ein paar Kilometer weit weg.
Ich bin hellwach. Nicht wirklich aus Sorge, eher aus Nervosität. Neugier und Anspannung. Was war das? Im Halbschlaf murmelt mein Freund, dass es ein Donner in den Bergen gewesen sei. Doch nachdem innerhalb von Sekunden aus allen Himmelsrichtungen Sirenen zu hören sind, ist mir klar, dass es kein Donner war, der mich aus dem Schlaf hat hochschrecken lassen.
In den 80er Jahren war Medellín die gefährlichste Stadt der Welt. Ich hatte diesem Label bezüglich immer Mexico City im Kopf. Oder auch mal Rio. Wahlweise wäre auch Johannesburg eine Option gewesen. Medellín war da nie dabei gewesen, im Gegenteil, ich hatte mich jahrelang nicht mit Kolumbien beschäftigt. Noch vor 10 Jahren ist hier die Armee mit Panzern durch die Straßen gefahren. 10 Jahre - das ist keine Zeit.
Und heute? Medellín hat Charme, vor allem die Kolumbianer selbst, diese kleinen, fröhlichen Menschen. Und kaum ein Europäer ist hier zu sehen, zumindest nicht, wo ich mich aufhalte. Das ist irgendwie mal so richtig angenehm.
Aber die Stadt selbst? Eine Stadt zum Wohnen, ganz simpel. Hier ist nichts mit touri-typischem Sightseeing. Kein Eiffelturm, keine geheime Bucht, kein höchstes, größtes oder schönstes Gebäude der Welt. Es gibt nicht wirklich was zum Anschauen, mal abgesehen von dem immer noch seltsam auf mich wirkenden Bild eines Polizisten mit Maschinengewehr an jeder Straßenecke.
Ich habe noch nicht herausgefunden, ob ich mich durch die allgegenwärtige Anwesenheit der Polizei sicher oder eher unsicher fühle.
Allerdings kann man sich hier gut treiben lassen, so lange man die Augen offen- und seine Wertsachen festhält:
Dann fängst du an, die Menschen zu beobachten. Dein eigenes Treiben und das um dich herum. Dann siehst du auf einmal die freundlichen Gesichter, die dir dein Spanisch im Anfangsstadium ansehen und dir vor dem ersten Wort freundlich die Karte reichen. Du siehst die Crackabhängigen, die unter der Metrotrasse wohnen und so fertig sind, dass sie sich studenlang für die einfachsten Streichholzspiele begeistern können. Und du riechst den allgegenwärtigen Duft der Blumen, denn die Stadt hat dem Land mindestens eine Sache zu verdanken:
Die Pracht der Pflanzen, das überbordende Grün, das sich durch Medellín zieht und als Hoffnungsschimmer zwischen immens hässlichen Betonbauwerken die Tristesse unterbricht. Noch nie habe ich eine Stadt gesehen, die so grün und gleichzeitig so voll von trostlosen und grenzüberschreitend hässlichen Gebäuden ist. Denn ja, hier steht man auf Beton. In allen Variationen.
„So weit ich gehört habe, haben sich Obdachlose in die Luft gesprengt“. Sagt Margarita, unsere zwangsneurotische Vermieterin, und liest weiter in ihrem Buch, als sei nie etwas gewesen. Ich bin überwältigt, schockiert und irgendwie vor allem interessiert … an dieser Stadt, die als Leitbild für alle anderen gefährlichen Städte weltweit gilt. Medellín, das so an sich gearbeitet hat und alles dafür tut, seinen todernsten Ruf zu verlieren. Und doch … ist da immer noch so viel übrig, von dem wir alle gar keine Ahnung haben. Schon gar nicht, wie man damit umgehen soll. Also gehe auch ich zu meinem Tagesablauf über. So, als ob nie etwas gewesen wäre.

Weiterführende Lektüre:
- Für Marianna habe ich einen Liebesbrief an Medellín geschrieben: „Diese Stadt ist verdammt hässlich.“
- Für ZEITjUNG habe ich die Escobar-Führung von „Palenque Tours“ getestet und sehr viel über die Geschichte der Stadt erfahren: „So einfach ist die Geschichte nicht.“
Außerdem sehr zu emfehlen: Narcos auf Netflix - zeichnet ein sehr authentisches Bild der Zeit um Escobar und den Aufstieg und Fall des Drogenkartells Medellín. Außerdem sind tolle Aufnahmen der Stadt dabei!

If I were a Teenage Mutant Ninja Turtle, now I’d say „Kbgaounwa, dude!“
[…] Medellín, Kolumbien […]
[…] wollte nicht zurück. Weder nach Taganga, noch nach Medellín und schon gar nicht nach […]
[…] schon einiges über Kolumbien und Medellín im Speziellen geschrieben. Von einem Post über die nächtlichen Geräusche bis hin zum […]
[…] übrig hat, denn bei mir - bei uns - sieht das oftmals genauso aus. Nur in Indien, Kolumbien oder Marokko ist das lange nicht so brenzlig wie in […]
[…] habe ich mir gesagt, das sei normal, das sei eben so, weil ich ein Stadtmensch bin. Und Stadt gibt es dort nicht. Ich sagte mir, dass ich für immer in den Großstädten dieser Welt wirklich […]
[…] Laune hebt sich automatisch, wenn ich an dieses Fleckchen Erde zwei Stunden außerhalb von Medellín denke. So viel grün, so viel Sonne, so viel […]