Den Machu Picchu von allen Seiten fotografieren. Ein paar Wochen nach Buenos Aires ziehen. Vor dem Uluru stehen. Alles Erlebnisse, die irgendwo auf meiner imaginären Bucket List stehen. Weit oben sind sie jedoch nicht. Immer wieder neue Destinationen schleichen sich ein oder ganz alte Herzenswünsche quetschen sich dazwischen.
Die Backwaters von Kerala. Zum Beispiel.

Ich brauchte Ruhe und flog nach Indien. Irrsinn, ich weiß, aber einen ganzen langen Tag durfte ich durch einen Teil der 900 Kilometer langen und sehr verzweigten Wasseradern gleiten. Auf einem Hausboot. Durfte die Stille neu erfahren – und das mitten in einem der lautesten und anstrengendsten Länder der Welt.
Wir gingen pünktlich zur stechenden Mittagshitze auf das Hausboot und wurden von Sam begrüßt. Sam, ein großer, kräftiger Mann, der so untypisch indisch aussah und mich irgendwie an Denzel Washington erinnerte. Er redete ruhig, bedacht, war unaufdringlich und doch präsent. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, er wäre anders, als die typischen Inder, die man so kennenlernt. Meist sind es doch schüchterne, manchmal nervöse, oftmals neugierige Menschen. Sam nicht, zumindest zeigte er es nicht. Er erklärte uns das Hausboot und servierte uns ein sehr leckeres, typisch keralisches Mittagessen auf einem Bananenblatt.
„Wenn ihr fertig seid, klappt ihr von unten nach oben, also entlang der Kante, zu. Das bedeutet, dass ihr keinen Hunger mehr habt.“
Ich hatte Hunger. Fünf Stunden hat die kurze Strecke nach Alappuzha (früher: Alleppey), dem Venedig des Ostens und einem der drei Tore zu den Backwaters, gedauert. Ich aß schnell und lies meinen Blick über den Kanal, den wir bereits langsam befuhren, schweifen. So friedlich, so still. Ich fand es wunderschön.
Nach dem Essen bin ich ans Oberdeck und habe mich quer über eine mit weißen Laken bezogene Matratze gelegt. Ich lugte zwischen dem darüber gespannten Holzdach und dem Bett hindurch und fühlte mich in das alte Indien zurückversetzt. Langsam vor sich hingleitende Hausboote, die von riesigen Kokospalmen gesäumten Wasseradern, so viele verschiedene Vögel, die vorbeiflogen.
Es gibt Momente auf Reisen, die ausmachen, warum ich überhaupt darüber schreibe. Diesen einzig schönen Moment, auf diesem Bett, der plötzlich für alles steht, warum ich hergekommen war, und der für alles entschädigt, was nicht funktioniert hatte.
Sei’s drum. Es ist dieser Moment, der tapfer glitzert, durch all die Wochen hindurch, wenn der Blick aus dem Fenster grau verschleiert ist und die Wärmflasche nur noch lauwarm. Es ist das, was bleibt.
Und am liebsten hätte ich in dem Moment die Augen geschlossen, aber ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Ich hatte nur einen Tag auf diesem Boot – und ich musste alles in mich aufsaugen.

„Kaffee oder Tee?“, fragte Sam, der auf der Wendeltreppe stand und mich anlächelte.
„Kaffee“, sagte ich und folgte ihm nach unten, wo er mit Deniz über das Fotografieren fachsimpelte, denn Sam war Reisefotograf, wie sich herausstellte, und die beiden waren von da an nicht mehr voneinander zu trennen. Sam gab ihm einen Crashkurs in Fototechnik und sagte, seine Bilder seien mit die besten, die er in diesem Jahr gesehen hatte. Da war’s natürlich vorbei mit Deniz, der selig vor sich hinlächelte, und mir, die genauso glücklich in ihrem Kaffee rührte und unseren Kapitän beobachtete, der stolze 85 Jahre alt war und mit dem Sonnenschirm in der einen Hand und dem Steuer in der anderen das Hausboot lenkte.
Später am Nachmittag übernahm ich dann selbst das Ruder und musste unter dem Lachen der Crew aus Sam, dem alten Mann und einem Angestellten feststellen, wie unglaublich schwer es war, auf dem Kurs zu bleiben. Oder generell zu lenken. Unnötig zu erwähnen, dass unser Hausboot kurze Zeit so schlecht gesteuert wurde, man hätte meinen können, die Besatzung sei sturzbetrunken gewesen.

Am Abend gingen wir von Bord und quetschten uns mit Sam in ein Tuk Tuk, das uns erst an den Strand brachte, wo ein hereinbrechendes Gewitter dem Wasser die Show stahl, und danach zum Indian Coffee House, wo wir alle einen Kaffee tranken und die Kellner in ihren weißen, gestärkten Hemden und der prachtvollen Uniform bestaunten.
Danach ging es zurück auf das Boot, Abendessen und schließlich Hineinfallen in ein großes, bequemes Bett unter einem noch größeren Mosquitonetz.
Gute Nacht, Alappuzha, und die Lichter verschwammen.










Wissenswertes:
- Hausboot
Es gibt viele verschiedene Hausboote in Alappuzha und dahingehend auch verschiedene Angebote. Unbedingt Preise checken und das besagte Hausboot vorher ansehen. Auf keinen Fall buchen, ohne das Boot nicht zumindest auf Fotos gesehen zu haben. Wir haben hierüber gebucht.
24 Stunden umfassten bei uns, dass wir mittags an Bord gingen und ein Mittag- sowie Abendessen bekamen. Bis zum nächsten Morgen gegen 10 Uhr waren wir an Bord – nach dem Frühstück war der Ausflug vorbei. Ich würde allerdings zu mindestens zwei Tagen raten, mir persönlich war es zu kurz. Wichtig: Aufgrund der vielen Hausboote, steigt natürlich auch die Umweltverschmutzung. Fragt mal den Betreiber eures Hausbootes, ob er das „Green Palm Certificate“ besitzt.
- Indian Coffe House
Die einzelnen Filialen haben alle noch alte indische Preise - der Kaffee mit Milch kostet rund 10 Rupien (ca. 14 Cent). Angefangen als Coffee Board, mussten in den 50er Jahren immer mehr Filialen schließen. Daraufhin wurde eine Gewerkschaft gegründet, um den Arbeitern bessere Chancen bieten zu können und den Kaffeeverkauf zu fördern. Noch heute gibt es die Kette, wo Kellner mit weißen Hemden und Kopfschmuck bedienen inklusive typisch indischen Snacks und Getränken.
- Alkohol
Aufgrund des extrem hohen Pro-Kopf-Konsums in Kerala und der ebenfalls hohen Selbstmordrate ist die Schanklizenz mittlerweile so teuer, dass die Gastronomie sie sich kaum mehr leisten kann. Nur ab und an liest man beer and wine parlour oder wird anderweitig darauf hingewiesen, dass man Alkohol bekommen würde. Mir war es dann allerdings immer zu teuer. Wer auf Alkohol nicht verzichten will, kann ihn nach wie vor in recht zwielichten Shops (legal) kaufen, muss aber teilweise mit langen Wartezeiten rechnen. Übrigens soll in den nächsten 10 Jahren der Verkauf und Konsum mit Ausnahme von Luxushotels verboten werden.
- Alappuzha
In Alappuzha (das Venedig des Ostens) lohnt es sich, an den schönen Kanälen entlangzuschlendern und im Café Paradiso einzukehren.
- Lektüre
„Der Gott der kleinen Dinge
„* kaufen. Ein Roman, der in Kerala, unweit von Alappuzha spielt, und vor einigen Jahren zum Weltbestseller avancierte.
- Allgemeines
1957 war Kerala der erste Staat weltweit, der bei einer demokratischen Wahl eine kommunistische Regierung gewählt hat. Auch wurde der Staat schon als „sozial fortschrittlichster Staat Indiens“ benannt und die Alphabetisierungsrate liegt bei unglaublichen 91 Prozent. Trotz allem gibt es hier kaum industrielle Entwicklung, weswegen der Tourimus für Kerala umso wichtiger ist.
Fotocredit: Deniz & SamPhotography (Sonnenuntergangsbilder).
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Hach so wunderschön
Ich liebes es immer hier mitzulesen, das ist wie ein Kurzurlaub vom Schreibtisch aus *_*
Das ist toll, danke! Sitze auch gerade am Schreibtisch und denke mir auch immer wieder: Sah das wirklich so schön aus?
Wunderschön! ❤️
Danke Ani, ich liebe solch schöne Momentaufnahmen!
Ich träume schon lange von einer Reise nach Indien – nun sogar noch mehr
Oh, gerne!
[…] eine Ayurveda Kur (die mit einer Reise verbunden werden möchte) sollte es wirklich nach Kerala gehen, denn dort hat die über 3.000 Jahre alte Wissenschaft ihren Ursprung. Wer sich für das […]
dieser Beitrag ist ja fast GEO-würdig…
wow, diese Bilder!
Ich kenne Indien überhaupt nicht und lasse mich gerne inspirieren…
Vielen Dank!