Blau! Verdammt, sie sind blau! | Huangshan China

China ist überfüllt. Das merkt man nicht nur in den Millionenstädten, sondern vor allem bei den Touristenattraktionen. Im Huang Shan Gebirge, das auch Gelbes Gebirge gennant wird, war ich hin- und hergerissen zwischen einem atemberaubenden Gipfel-Ausblick und der Angst, von einem Selfie Stick erschlagen zu werden.

In China ist das so: Du möchtest einen Berg besteigen? Pustekuchen, Treppen laufen ist angesagt. Mindestens 7000 an der Zahl und hast du es mal geschafft, warten oben (denn oben ist nie oben) noch weitere. Weiter, immer weiter, dem Oli hätte das gefallen.
Du möchtest einfach mal losgehen und das bitte kostenlos? Nein, in China kostet die Natur was. Der Eintritt zum Huang Shan hat mich umgerechnet ca. 25 Euro gekostet, die Stunde Schlange stehen, um überhaupt mal ans Kassenhäuschen zu gelangen, ist selbstverständlich inklusive.
Du möchtest ein bisschen alleine sein, mit der Natur verschmelzen und aus jedem Winkel Fotos schießen? Das ist schwer, nein, seien wir ehrlich, es ist unmöglich. Auch abseits vom Wochenende steigst du auf den Huang Shan mit mehreren Tausend anderen Menschen, die dir durchgehend die Sicht versperren.


Deine jungen Mitbestreiter beschallen dich außerdem mit verdächtig schlechter Hip Hop-Musik aus ihren iPhones, sie bleiben mitten auf der Treppe stehen, wenn du gerade im Steig-Flow bist und sie machen im Schnitt drei Selfies pro Sekunde, sodass du, am Gipfel angekommen, nicht ganz sicher bist, ob du dich oder ein paar von ihnen hinunterstürzen solltest. Außerdem siehst du Männer leiden, die vollbepackt sind mit Lebensmitteln und anderen Notwendigkeiten, während sie gemeinsam mit dir die Treppen steigen. Eine einzige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, gibt es doch die Seilbahnen auf beiden Seiten, die den Transport erleichtern könnten. Nein, diese Männer einer ganz niedrigen Arbeiterklasse laufen jeden Tag 7000 Treppenstufen, um den verwöhnten Rich Kids aus Shanghai, die sich dickbäuchig und in Nike-Sneakers nach oben schleppen, ein leckeres Essen bieten zu können. Ich konnte den Anblick teilweise kaum ertragen, denn die Schmerzen und Anstrengung stehen ihnen ins Gesicht geschrieben.

Aber, wenn du das alles geschafft hast, dann kommst du an den Punkt, an den man glücklicherweise meist kommt, wenn man einfach durchhält: Es hat sich gelohnt. Es hat sich wirklich gelohnt.
Fix und fertig am Gipfel angekommen, heißt die Devise: Noch nicht aufgeben, sondern Ausblicke entdecken. Mit dem Aufstieg am West Gate, der ein relativ unspektakuläres Bild bietet, hatten wir uns so verzettelt, dass ich oben angekommen lustlos war und mich nach einer Kaffeepause kaum dazu aufraffen konnte, die knappe Stunde auf die Ostseite entlangzulaufen. Doch ein paar Minuten später stockte mir immer wieder der Atem, angesichts der Schönheit, die in den Bildern leider nicht ansatzweise rüberkommt.

Es nennt sich das Gelbe Gebirge, was sich mir nicht erschließt. Die Felsen auf der Westseite sind, um mal ehrlich zu sein, seltsam ockerfarben, sehen ganz interessant aus, aber relativ schnell vergessen, wenn man die schmalen Wege entlang der Felsenwelt auf der Ostseite entlanggekraxelt ist. Dort bietet sich ein Ausblick auf eine in verschiedene Blautöne getauchte Berglandschaft, die mein Herz hat hüpfen lassen. Dass es ab und an kerzengerade nach unten geht und ein wackeliger Holzbalken als Geländer fungiert, garniert das Erlebnis mit einer Prise einem Sack voll Risiko.

Und ab und an, da habe ich einfach die Augen geschlossen, durchgeatmet und den Geräuschpegel ausgeblendet. Ich habe versucht, für mich zu sein, die Augen wieder geöffnet und mir gedacht. Leute, man. Die sind blau.

 

Anmerkungen:

  • Mit schnellen Bussen und langsamen Over-Night-Trains kommt man beispielsweise von Shanghai bestens nach Huangshan/Tunxi. Wir hatten den Zug gewählt, da man sich dadurch eine Übernachtung sparen kann und ich kann nach drei langen Zugreisen in China nun sagen: Es ist sehr sauber und komfortabel, war tendenziell eher zu warm als zu kalt und ich habe mich sehr sicher gefühlt. Ich finde sowieso, dass nachts Zugfahren etwas sehr Nostalgisches hat, deswegen mag ich es sehr. Übrigens bin ich noch nie in Deutschland nachts Zug gefahren. Würde mich freuen, wenn mich die DB mal dazu einlädt.
    Absolut empfehlenswert also, auch wenn es schon ulkig ist, dass das von Shanghai 400km entfernte Gelbe Gebirge erst nach 12h Fahrt erreicht wurde.
  • Aufenthalt bzw. Bergbesteigung am Wochenende vermeiden. Wenn irgendwie möglich.
  • Festes Schuhwerk. Reiht euch bitte nicht in die chinesischen Touristen ein, die teilweise mit Ballerinas und Stiefeletten die Treppen gestiegen sind. Zwar verleitet der Gedanke an Stufen zu lockeres Schuhwerk, aber sobald es regnet, ist es verdammt rutschig und nicht jede Treppe ist breit genug für alle - im Hinblick auf die Schlucht.
  • Man kann vom East Gate oder vom West Gate die 7000 Stufen erklimmen. Uns wurde so penetrant empfohlen, übers West Gate zu gehen, dass ich den Ostblick des Berges fast verpasst hätte, siehe Beschreibung oben. Da ich den Aufstieg am East Gate nicht gemacht habe, kann ich ihn zwar nicht empfehlen (steiler und gefährlicher auf jeden Fall), aber informiert euch im Vorfeld ausführlich, was euch lieber ist, denn es ist definitiv viel, VIEL schöner, als auf der anderen Seite und man kann auch hier mit der Seilbahn nach oben fahren und dann oben herumlaufen (da gibt es immer noch genügend Treppen, die schlauchen werden) und beispielsweise über das West Gate absteigen.

 

alle Fotos von Anika.

 

4 comments

  • Unglaublich! Alles! Die Selfie-Süchtigen-Stick-Schwinger-und-Hip-Hop-Hörer sowieso… Die endlich in die Schlucht geworfen - Hast du gut gemacht! - ist die Aussicht einfach nur wow! Ich möchte dorthin und kraxeln! Jutta

  • […] Was sind deine persönlichen Highlights? Meine persönlichen Highlights waren das wunderschöne Huang Shan Gebirge, da vor allem die Ostseite umwerfend ist und ich diese Art von Landschaft noch nie zuvor gesehen […]

  • […] in wunderschöne Landschaften verliebt, wie beispielsweise den Amazonas in Kolumbien oder die Gebirge in China. Wenn ich reise, freue ich mich vor allem darauf, in die mir noch fremde Natur einzutauchen. […]

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