„Weißt du, was sich hinter dem Mensch-Sein verbirgt? Lass mich dir eine Geschichte erzählen, sie handelt von einer Schlange und einem Frosch. Die Schlange schnappt sich den Frosch, um ihn zu fressen. Sie schluckt ihn langsam hinunter, und so lange sie das tut, schaut der Frosch nach draußen aus ihrem Maul.
Obwohl er gefressen wird, ist er in Lauerstellung, seine Zunge bereit zum Zuschnappen, um ebenfalls zu fressen. Immer weiter wird er in den Mund der Schlange hineingezogen, doch er blickt nach draußen, schaut sich um, sucht, so lange er kann. Er will weiter fressen. Das, meine Liebe, ist die Menschheit.“
Wenn Prasad eine Geschichte erzählt, bin ich so aufgeregt, wie ein kleines Kind an Weihnachten. Und dass wir heute den 11. Dezember haben, christliche Gesänge von der Kirche über das Meer getragen werden und ich hier sitze, in Kerala, in einem Frühstücksaal mitten im Dschungel, unterstreicht meine Euphorie noch mehr.
Wenn Prasad eine Geschichte erzählt, dann tut er das immer auf die gleiche angenehme und entspannte Weise. Vom ersten Wort an vermittelt er mir das Gefühl, ein Geheimnis zu teilen. Und das ist ein Geschenk.

Er spricht bedächtig, er lehrt. Mit dem letzten Satz tritt er vom Tisch weg, klopft Deniz jedes Mal auf die Schulter und wünscht uns einen schönen Tag. Manchmal sagt er auch, wir sollten über das Gesagte nachdenken. Über die Geschichte mit der Schlange und dem Frosch zum Beispiel. Und das tun wir dann auch.
„Prasad, warum schreibst du kein Buch? Du musst dein Wissen teilen.“ Er lächelt.
„Ich teile alles. Ich liebe teilen. Und ich schreibe auch. Aber schau, ich habe kaum Zeit dafür. Ich stehe morgens auf und mache meine Töchter fertig für die Schule. Dann komme ich hierher und arbeite. Und teile.“ Ich lächele und mir wird seltsam warm ums Herz. Fühlt es sich so an? Ist das das Gefühl, wenn ein weiser Mensch vor einem steht? Einer, dem man alles glaubt?
Prasad ist der Restaurantchef des Ayurveda-Resorts, in dem ich eine Woche verweile. Er hat alle Gerichte, die es dort zu essen gibt, selbst kreiert und insgesamt 500 Rezepte im Kopf. Sein gesamtes Wissen verdankt er seinem 95-jährigen Großvater. Prasad kennt jede Pflanze, er liest in den Gesichtern das Befinden der Gäste, er hat für jeden von uns einen Ratschlag. Vielleicht der Beste, den wir bisher bekommen haben.
Aber es ist nicht nur sein Wissen, es ist vor allem seine Ausstrahlung. Er ist ein toller Geschichtenerzähler. Und während der Regen auf den Dschungel niederprasselt und das Meer in hohen Wellen an den Strand rollt, möchte ich mich in eine Decke kuscheln. Ich möchte, dass er sich neben mich setzt und mir die Welt erklärt. Ich habe auf jemanden gewartet, der sie mir erklärt.
„Diese Generation ist unglaublich kreativ. Sie ist rebellisch und lässt sich nicht mehr so viel gefallen. Sie ist klug und dynamisch. Aber sie respektiert die Alten nicht. Und das ist ihr Problem.“
Wenn Prasad so etwas sagt, dann möchte ich mich im gleichen Atemzug dafür bedanken. Dass er so mühelos auf die Ecken und Kanten des eigenen Lebens hinweist, ohne, mit der Wimper zu zucken und gleichzeitig, ohne den Finger dabei zu erheben. Er sagt es leise, aber bestimmt, er sagt es wissend, doch steckt kein Klang der Verurteilung in seinen Worten.
Kerala. God’s own country, wie die Inder selbst es nennen. Das Land der Palmen.
„Google kennt nur vier Dinge, die man aus Palmen gewinnt. Mir fallen glatt 10 auf der Stelle ein. Tamil ola zum Beispiel, das ist die Kunst, auf Palmblätter zu schreiben. Und wenn du diese einem Papagei zu fressen gibst, wird er besser sprechen.“ Dank ihm weiß ich nun auch, dass eine Palme nicht automatisch Kokosnüsse trägt, dass aber jede Kokosnuss an einer Palme wächst. Dann schreibt er ein Rezept auf gegen Deniz’ Erkältung. Eine Mischung aus Palmrohrzucker, gemahlenen Kaffeebohnen, sehr viel Ingwer und Wasser. Er lässt es jeden Morgen und Abend in der Küche für ihn zubereiten. Und Deniz trinkt. Und wird gesund.
„Das ist Energie. Das ist Meditation.“ Ich schrecke leicht auf, weil ich mich dabei ertappe, dass ich ihm nicht zugehört habe. Ich war zu sehr damit beschäftigt, seine weichen Gesichtszüge rund um seinen Schnauzer zu studieren. Beschäftigt damit, zu analysieren, wie ich binnen Sekunden sehr glücklich geworden bin. Das grenzt an Zauberei, wenn ich meine Stimmungsschwankungen aufgrund der Ayurvedakur betrachte.
Was ist Energie, was ist Meditation?, will ich unbedingt wissen, doch er spricht weiter, ist schon längst bei der nächsten Geschichte angelangt. Er schlängelt sich perfekt durch Erzählstränge, verbindet federleicht mystische Fabeln mit der Realität und lässt mich in dem Glauben zurück, dass alles wahr ist.
„Bist du der Autor?“, fragt er Deniz. Deniz deutet auf mich. Prasad schenkt mir ein Lächeln und nickt mit dem Kopf. „Ich schreibe alles auf“, sage ich.
„Ausgezeichnet.“
Dann treten wir nach draußen. Es ist der vierte Regentag innerhalb einer Woche und ich war mürrisch aufgewacht. Doch was sich zu meinen Füßen ausbreitet, ist der Blick auf den Dschungel, das Meer und der Horizont. Regen tropft von den Palmen, Blüten glänzen. Eine Weile lausche ich den Geräuschen der Natur. Dem Meer, das so aufgewühlt ist, dass ich es ehrfürchtig betrachte, anstatt mich hineinstürzen zu wollen.
Das ist Energie, denke ich mir. Das ist Meditation. Dann spanne ich meinen Regenschirm auf.

(leider streikt der Zähler hier)



Spannende Begegnung von der du da berichtest
So einen Menschen möchte ich auch gerne mal treffen. Jemanden, der Weisheit und Gelassenheit ausstrahlt. Ich reise im Herbst nach Malaysia und Thailand. Das erste Mal raus aus Europa. Und ich hoffe sehr auf ähnlich bereichernde Begegungen 
Das wünsche ich dir auch! Aber in Asian kann man sich da ziemlich sicher sein, weil die Menschen sehr offen sind und gerne erzählen. Wobei ich noch nie in Malaysia und Thailand war. Ganz viel Spaß dir!
Was für ein stimmungsvoller Post!
Beim Lesen fühlte ich mich wie das unsichtbare Mäuschen, das diesen magischen Moment und dieses Gefühl der Erkenntnis miterleben konnte.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, was ein solcher Mensch wie Prasad für eine Ausstrahlung haben mag, wenn er Geschichten voll Weisheit von sich gibt.
Danke fürs Lesen-dürfen!
Wow, ich bin total gerührt von deinen Worten, herzlichen Dank!
Wunderschön!
Danke, Mama <3
[…] “Das ist Storytelling in Perfektion”, dachte ich mir, als ich Anikas Geschichte über Prasad las. Ich will gar nicht zu viel verraten sondern nur sagen: Wenn ihr nur einen Artikel lesen wollt, dann diesen hier. Poetisch, herzerwärmend, wunderschön: Danke, Anika für deine tollen Artikel! Hier geht es zum Artikel. […]