Wir steigen in ein Auto am Flughafen von Delhi und vor uns liegen erst einmal zwei Wochen Sightseeing durch Rajasthan bis hoch in den Punjab an die pakistanische Grenze. Das Erste, das ich erlebe, ist ein kleiner Junge, der an die Fensterscheibe klopft und mich bittet, ihm Geld für Essen zu geben. Abgesehen davon, dass ich noch überhaupt keine Rupien in der Tasche habe, atme ich tief durch und nehme mir vor, niemandem einfach so Geld zu geben, weil es einfach zu viele sind, die betteln. Allerdings die Erlaubnis, von mir Bilder zu machen. Das ist nämlich so eine Sache hier, die ich noch nie woanders erlebt habe: Die Menschen starren mich an. Als käme ich nicht aus Europa, sondern von einem anderen Planeten. Sie bitten höflich, Fotos mit meinem Freund und mir machen zu dürfen, Babys werden mir in den Arm gelegt. Ich verstehe es nicht, aber schnell wird klar: Hier gibt es wenig zu verstehen, hier geht es um Gefühle. Um Eindrücke. Berührungsängste waren.
Mir geht es in den ersten Tagen genau so, wie es mir prophezeit wurde: Ich bin wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, erst mal die Ereignisse rein in den Kopf und ins Herz, verarbeiten kann man später. Das Ganze zusammenzufassen ist nicht so leicht, aber es gibt besonders nachwirkende Erlebnisse:
Da wären die skeptischen Blicke von gleichaltrigen Mädchen. Und wenn ich sie dann anlächle, strahlt ihr ganzes Gesicht.
Das Licht, das ich so noch nie gesehen habe. Es ist durch den Dunst über den Städten unglaublich weich und je nach Tageszeit taucht es den Himmel in verschiedene Orange-Töne.
Und die Tempel der Sikh, wo jeder willkommen ist und kostenlos ein Essen bekommt. Man sitzt in Reihen auf dem Boden, bekommt Daal, Brot, Wasser und manchmal eine Art Milchreis, bis man satt ist. Egal, ob man Tourist ist oder einer anderen Religion als der des Sikhismus angehört: Jeder kriegt Essen und keiner muss zahlen. Danach werden die Blechschüsseln in Asche gewälzt und abgewaschen. In den goldenen Tempel von Amritsar - dem wichtigsten Tempel der Sikh - pilgern zig Tausende pro Tag. Die Ruhe und Harmonie, die Gesänge in diesem Tempel sind unglaublich friedvoll und strahlen etwas Magisches aus. Wer nicht zum Beten kommt, kommt wenigstens zum Essen. Das Kochen, Servieren und Spülen für Millionen von Menschen im Jahr funktioniert übrigens reibungslos und nur auf der Basis freiwilliger Arbeit sowie Spenden.
Auf der anderen Seite ist es nicht möglich, die Müllberge, den Dreck und die beispiellose Armut zu übersehen. Auch der Verkehr bleibt unvergessen. Binnen Sekunden werden alle Regeln gebrochen, die es an sich gar nicht gibt. Während ich unterwegs auf schlechten Strassen betend im Auto sitze und hoffe, dass das Überholmanöver des Fahrers gut ausgeht, kommt uns ein vollkommen surreal überladener LKW entgegen. Er rast so schnell auf uns zu, dass er erst gefühlte 10cm vor dem Aufprall wieder auf die eigene Spur wechselt. Die heiligen Kühe, die mitten auf der sogenannten Autobahn stehen, tun ihr Übriges dazu. Hier sagt man daher, dass man auf den Straßen nur drei Dinge braucht:
good horn, good break, good luck.
Einen Tag vor dem Holi-Festival kommen wir in Jodhpur an. Und auch hier überrascht dieses Land und somit befinden wir uns innerhalb von Sekunden auf einem Hausdach, wo auf einmal schon groß gefeiert wird. Mit meinen Lieblingsklamotten an, beschließe ich, nur Fotos zu machen, aber diese Rechnung geht nicht auf. Die Kinder klatschen mir die verschiedenen Farbpulver ins Gesicht und ein alter Mann zieht mich auf ein Podest, wo ich mit Blumen beworfen werde und anfange zu tanzen. Wie ironisch, dass ich eigentlich extra alte Kleidung für dieses Farbenfest eingepackt hatte. Aber so ist das hier - alles spontan, alles schnell, alles laut. Und alles möglich.
Apropos alles möglich: Aufgrund einer allergischen Reaktion von Deniz wissen wir nun auch, wie ein indisches Krankenhaus von innen aussieht (ein kleines bisschen sauberer als von außen) und dass ein Antiallergikum stolze 43 Cent kostet. Wir fragen nach und bekommen zur Antwort, dass es sich um ein privates Krankenhaus handele, das für die ganz Armen der Region gebaut wurde.
Ich glaube mittlerweile, wir nehmen hier alles mit, was wir kriegen können. Und kommen trotzdem - oder gerade deswegen - wieder heil heraus.
Reiseroute:
Wir sind mit einem Fahrer plus Auto von Delhi durch Rajasthan bis in das nördliche Punjab gefahren und haben auch die pakistanische Grenze besucht. Wer mehr als zwei Wochen dafür Zeit hat, kann auf die billigen Züge zurückgreifen und Indien hautnah erleben. Allen anderen empfehle ich ebenfalls ein Auto, denn die Strecken sind schnell unterschätzt.
Unsere Orte auf der Route: Delhi - Agrar, Taj Mahal, Jaipur (die rote Stadt), Pushkhar (600 Tempel!), Jodhpur (die blaue Stadt), Amritsar, Chandigarh, Delhi)
Tipps:
- Generell gilt: Inder sind freundlich und höflich. Trotzdem kann es schnell nerven, wenn sie statt einem Foto auf einmal 10 mit dir haben möchten. Im Allgemeinen fährt man am besten mit der Weise, ebenfalls höflich, allerdings immer bestimmt zu sein. Sag nein, wenn du etwas nicht möchtest, auch, wenn dein Gegenüber dann traurig oder niedergeschlagen wirkt. Du kannst nicht zu allem und jedem ja sagen, das ist unmöglich.
- Sobald jemand Geld fordert für Dinge, die ganz klar kostenlos sind (Reiseführer beachten) oder gesagt wird, man würde einen Ort „entweihen, wenn man nicht spenden würde“, dann ganz klar verneinen und sich zurückziehen bzw. nicht auf die Forderungen eingehen. So spirituell und gläubig das Land ist, so oft wird der Tempelkult und die vielfältige Kultur im Allgemeinen ausgenutzt. Vor allem in Pushkar aufpassen, hier sind viele Abzocker anzutreffen!
- In den Templen immer angemessen kleiden, sprich Textilien tragen, die sowohl übers Knie, als auch über die Schultern reichen. Wegen der Hitze sowieso zu empfehlen. Oftmals sind die Böden sehr heiß: Socken parat haben.
- Zugtickets nicht von Indern buchen lassen! Einheimische kommen wegen der Überfüllung in den Zügen auf Wartelisten, während Touristen der Vortritt gewährt wird. Also ruhig trauen, sich durch die teilweise sehr unsinnige Bürokratie zu kämpfen.
- absoluter Must-do-anidenkt-Tipp: Nach Wagah gehen! Das muss man gesehen haben, es wird dich umhauen!
Hast du noch Tipps für Nordindien?
(Fortsetzung: hier entlang)
[…] kurz den Bungalow und lies uns dann alleine – keinen Pass, keine Unterschrift, nichts. Das war in Indien um einiges strenger, aber gut, mir soll’s Recht […]
[…] er in einem meiner vielen vorangegangenen Leben schon passiert. Beispielsweise meine Reise nach Indien, die am 18. März am Flughafen in München begonnen hatte. Noch nie zuvor war ich so lange am […]
[…] waren zu spät dran. Als wir in Amritsar losfuhren, reihte sich unser Auto ein in unübersehbar vielspurige Straßen und schlängelte sich […]
[…] viel Monat übrig hat, denn bei mir - bei uns - sieht das oftmals genauso aus. Nur in Indien, Kolumbien oder Marokko ist das lange nicht so brenzlig wie in […]
Hallo Anika,
der erste Teil unserer Reise durch Indien führte uns ebenfalls durch Rajasthan. Dabei hatten wir keine Ahnung von irgendwas. Wir bekamen vom Hotel ein Auto gestellt, mit einem Fahrer und los ging es, eine Woche lang. Alles, was uns übrig blieb, war diesem Fahrer zu vertrauen. Der Verkehr auf Indiens Straßen ist unglaublich, aber er funktioniert, meistens jedenfalls. Neben den Städten, die Du aufgezählt hast, besuchten wir auch Udaipur, die Weiße Stadt, im Südwesten von Rajasthan. Für uns war das die schönste Stadt auf der ganzen Route, mit den großen Seen, dem Taj Palace und dem riesengroßen Stadtpalast. Dafür sind wir nicht durch Punjab gekommen.
Es ist war, bei der Menschenmasse in Indien kann man wirklich nicht jedem helfen.