Willkommen in Indien (2): Von Mumbai nach Goa

goa

Mumbai. Bombay. Wie auch immer, ich habe mich verliebt. Die Stadt am Meer, verteilt auf mehreren Inseln, ist kosmopolitisch und die Architektur durch den einzigartig schönen Kolonialstil der Portugiesen geprägt. Im Herzen ist sie indisch und doch irgendwie anders als alles, was ich bisher im Norden gesehen hatte. Es ist schon fast so sauber hier, wie in einer abgelegenen, spanischen Stadt – als doch tatsächlich eine Müllabfuhr meinen Weg kreuzt, kann ich meinen Augen kaum trauen.

Colaba
Street Art zwischen den Vororten

Im Bankerviertel legen sich die geschäftigen Inder mittags in die schattigen Parks oder verspeisen Köstlichkeiten an den Straßenständen. Hier wird mit den Füßen abgestimmt, d.h. je mehr Menschen an einem Stand stehen, desto leckerer und vertrauenswürdiger ist es dort. Für umgerechnet 37 Cent bekommen wir eine riesige Portion Reis mit was auch immer. Nachschlag? Gerne. Kostenlos. Wenn man fast drei Wochen lang morgens und abends essen geht und dann an einem solch nichtig aussehenden Straßenstand die kulinarische Erfüllung seines Lebens findet, kann man sich nur wiedermal Eines denken: typisch Indien. Und so schlendern wir durch die von üppigen Pflanzen und riesigen Bäumen umrahmten Straßen, atmen die Meeresluft ein und weichen regelmäßig den hupenden Tuk-Tuks und Taxis aus. Für eine ca 16. Mio. große Stadt ziemlich relaxt.

 

Am India Gate I Mumbai

Man vergisst schnell, dass über die Hälfte der Einwohner von Mumbai in Slums leben, z. B. in Dharavi, einem der größten Slum Asiens und Schauplatz von „Slumdog Millionaire“. Also setzen wir uns für ca. 30 Minuten in einen mit Menschen vollgestopften Zug und fahren dorthin, zum echten, rohen Indien, wie manch einer sagen würde, der Mumbai nichts abgewinnen kann.

Wer denkt, es könnte in Dharavi gefährlich zugehen, der liegt falsch. Zumindest ist das meine Erfahrung in den Teilen, in denen ich war. Die Menschen dort erwarten nichts von Touristen, es gibt keine Schlepper oder aufdringliche Verkäufer. Niemand schaut uns neidisch oder gar argwöhnisch an. Hier ist alles echt und deswegen auch so angenehm authentisch. Mitten reingeworfen in die Armut und den Dreck, erkenne ich wiedermal die Farben. Alles ist bunt, auch die kleinen Häuser, sofern es keine Lehmhütten oder Zelte sind. Die Kinder sind nicht von den Eltern auf das Betteln trainiert, sondern strahlen uns nur an, geben uns die Hand oder rufen fröhlich „hey, how are you?„.

Es kommen uns junge, muslimische Mädchen entgegen, die adrette Schuluniformen tragen. Eine Gruppe Kinder spielt Cricket auf der Straße, während die Älteren im Schatten schlafen. Unglaublich schön ist es hier, die Nähe zum unverfälschten Leben, zum greifbaren Glück und dem puren Sein. Leider bleiben uns aus Zeitgründen nur drei Tage für diese tolle Stadt und so steigen wir um kurz vor Mitternacht in den Nachtzug nach Goa.

 

Die Sitzplatzreservierungen der 24 Zugteile sind eine Kunst für sich. Da die Züge immer restlos ausgebucht sind, haben Ausländer den Vortritt. Blöderweise wussten wir das nicht, als wir unser Ticket von einem Einheimischen haben kaufen lassen, und somit erfahren wir am Gleis, dass wir doch ernsthaft auf der Warteliste stehen würden. Ein paar Konversationen später, findet ein sehr hilfsbereiter Zeitgenosse heraus, dass wir den Wartepositionen 94 und 95 zugeteilt sind, allerdings schon über 100 Tickets storniert wurden (was wohl total normal ist). Und somit haben wir sie sicher: zwei mehr oder weniger harte Pritschen in einem großen, offenen Zugabteil. Gute 12 Stunden liegen vor uns, das reinste Abenteuer: Wenig Schlaf, schmerzende Körper, minütliche, monotone „Chai-Chai-Chai“-Rufe der Verkäufer und die längste Zeit meines Lebens, in der ich nicht auf der Toilette war (insgesamt knapp 14 Stunden, ich muss das mal mit dem Guinness-Buch der Rekorde abklären)
Doch voller Hoffnung (und immenser Vorfreude auf eine Dusche) kommen wir da an, wo wir unsere letzte Woche verbringen wollen: im Paradies.

Süd-Goa mit seinen teilweise verlassen wirkenden Stränden bietet abseits vom Trubel alles, was ich mir nun wünsche: Einen Ort, an dem die Zeit still steht. An dem ich immer das Meeresrauschen höre – scheinbar führen auch in Indien alle Wege ans Meer.

Es macht unglaublich Spaß, dieses einfache Leben zu leben: Wäsche mit der Hand waschen und in der Brise des Meeres trocknen lassen. Mit dem Roller das Hinterland erkunden und sich mit Einheimischen unterhalten. Den lokalen Bus nehmen und in sich hineinlachen, weil der Fahrer auf einmal 90er-Schnulzen von Celine Dion und Enrique Iglesias aufdreht. Ein bisschen Feilschen um die letzten Schnäppchen… bei alledem muss ich immer wieder an den Satz von Daniel denken, einem unglaublich sympathischen Rastafari aus Australien, den wir mit seiner Freundin in Mumbai kennengelernt hatten. Nach 10 Jahren „on the road“ ist ihm nämlich eine Sache klar:
„It’s so much fun missing your flight on purpose!“

Und ich möchte jetzt auch meinen Flug verpassen. Für immer hier am Meer sitzen. In die großen Wellen blicken und den überraschend starken Wind die Hitze davontragen fühlen.

Aber Deniz sagt, dass es so schön war, weil es einen Anfang und ein Ende hat. Also packe ich meinen Rucksack zum allerletzten Mal. Und verpasse meinen Flug nicht. Zumindest diesmal.

Kühe everywhere // Agonda Beach

Sonnenuntergang // Agonda Beach, Goa

 

Reiseroute und Tipps:

  • Flug von Delhi nach Mumbai, zu empfehlendes Hostel: Sea Shore Hotel, unbedingt Zimmer mit Meerblick buchen!
  • wer auf Nummer sicher gehen möchte, der schaut sich in Colaba um, ein sehr schönes Fleckchen mit viel gängigem Tourismus und dem berühtem Four Seasons, zu dem Marianna vom Weltenbummlermag hier ein paar tolle Fotos gemacht hat)
  • die Straßenstände, an denen man das oben erwähnte, fantastische Essen bekommt, befinden sich alle in kleinen Seitenstraßen südlich des Hauptbahnhofes.
  • Achtung: In Dharavi keine Fotos machen!
  • Zugfahrt von Mumbai nach Margao (Goa): Meine zwei Lieblingsstrände (Agonda Beach, nahe dem bekannten, meist überfüllten Palolem Beach, und Benaulim Beach)
  • Wahnsinnig gutes, hochwertiges, veganes und vegetarisches Restaurant in Agonda: Blue Planet.
  • wer Ruhe und Erholung sucht, sollte den Norden Goas generell meiden. Der komplette Ministaat ist sowieso schon überfüllt mit ballermann-ähnlichen Touristen aus Russland, die einen überall mit abgefahren schlechtem Techno taub spielen und dem Koch ihren Hummer mit „make it yummy yummy!“ entgegenstrecken. Südgoa ist sehr relaxt und vor allem abseits der Hochsaison findet man hier einen Platz ganz für sich.

-> unbedingt einen Roller mieten, das ist in Indien so unglaublich einfach, billig und reibungslos. Man kommt damit gut in Goa voran und die Fahrt durch das Grün mit einem warmen Wind in den Haaren ist unbezahlbar!

Hast du noch weitere Tipps?

 

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