„Zieht alles an, was ihr dabei habt“ – Porvoo, Finnland

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Es ist 7:05, als mein Wecker klingelt. Ich kann kaum die Augen öffnen, erkenne aber die Silhouetten der schweren Holzbalken über mir. Durch das kleine Fenster sehe ich, dass es stockdunkel draußen ist und in der Nacht erneut geschneit hat.

Große Schneeberge und kleine, strahlend weiße Zuckerhütchen bedecken das noch schlafende Städtchen zu meinen Füßen so zauberhaft, dass ich mich frage:

Gibt es einen romantischeren Ort? Gibt es ein Plätzchen, das genauso verschlafen, dunkel und gleichzeitig so warm und farbenfroh sein kann? Denn das ist Porvoo, sage ich mir, und drehe mich noch einmal im warmen Bett um. Die Kälte da draußen kann noch etwas warten.

Porvoo liegt ca. 50km von Helsinki entfernt und ist in ganz Finnland bekannt. Nicht zuletzt aufgrund eines sehr engagierten Tourismusverbandes, aber auch, weil es an der Alten Königstraße liegt und daher schon im 13. Jahrhundert ein bedeutendes Handelszentrum war. Das Städtchen ist außerdem nicht nur das zweitälteste im ganzen Land, sondern ein Zuhause für viele finnische Dichter und Denker. Warum? Es gibt hier ein Dichterhaus, in das Künstler eingeladen werden zu wohnen. Und wie sich einige sicher vorstellen können, war das der Punkt, an dem mein kleines Buchstabenherz höher schlug, an dem es Porvoo fest in den Arm schloss (auch wenn es noch so kalt sein kann) und ich einen neuen Ort auf meine Liste schrieb, die gefüllt ist mit Plätzen weltweit, an die ich irgendwann zurückkommen möchte. Lediglich, um zu schreiben, nur, um ganz bei mir zu sein.

backyard

ida_maria

Mein Wecker klingelt erneut und ich quäle mich aus dem Bett. Ich bin schon immer sehr verschlafen und kann ohne Probleme 12 Stunden durchschlummern, ohne bis spät in die Nacht wach gewesen zu sein. Und obwohl ich dieses Fleckchen hier im Süden Finnlands ab der ersten Stunde mochte, ist es nicht so einfach, die Tür des warmen Zimmers zu öffnen, denn die Tage sind kurz und dunkel.

Ich öffne sie trotzdem und der Duft warmer Croissants steigt mir in die Nase. Meine Mitreisenden tapsen ebenfalls aus ihren Zimmern und lächeln mich müde aber glücklich an, als wir die steile Treppe hinuntersteigen und in einer in weißen Tönen gehaltenen Küche stehen, wo ein für die kleine Pension verhältnismäßig großes Frühstück auf uns wartet.

„Kaffee gibt es hier“, höre ich Kathrin, die Organisatorin unserer Tour sagen, und alle reihen sich sofort in eine Schlange vor dem Tisch mit der Kanne ein. Auf dem Herd kocht ein Topf mit Porridge vor sich hin und im Wohnzimmer knistert ein großer Ofen.

Ich kneife mich nicht, ich will nicht aufwachen.

 

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Die Altstadt Porvoos steht unter Denkmalschutz. In zwei schönen Gassen reihen sich bunte Holzhäuser aneinander, deren Anstrich so farbenfroh strahlt, dass man meinen könnte, es sei der weiße Schnee, der ihn reflektiert und gekonnt in Szene setzt. Verträumte Cafés, Restaurants, Designläden, die aussehen wie frisch geschlüpft aus einem High-End-Dekoblog, ein grandioser Secondhand-Laden und weitere kleine Shops reihen sich aneinander. Es ist ein Mekka für alle, die unaufdringliche Accessoires und Designs lieben, die gerne Erinnerungsstücke mit nach Hause nehmen, die nicht nach ‚Souvenir‘ schreien und die es ein bisschen ruhiger mögen. Entspannt, verschlafen, leise. Und wenn es mal so richtig kalt wird, -15 Grad waren es bei uns, dann kehrt man in die kleine Schokoladenfabrik ein, stöbert durch den Laden, was heißt, dass man sich einmal im Kreis dreht, und trinkt die beste Schokolade ganz, nun ja, Finnlands, schätze ich mal.

 

schokoladenfabrik

Meet lovely Kathrin. She is from Luxemburg but lives in Helsinki and organized a big part of NBEfinland this year.

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Ich setze mich mit einer Tasse frisch gebrühten Filterkaffees und zwei warmen Croissants auf einen der weißen Holzstühle und blicke erneut nach draußen, luge durch die kleinen Gardinen hindurch, auf den Platz vor dem alten Rathaus. Ein Mann, wahrscheinlich der Besitzer des Café Fanny, das nur einen Steinwurf entfernt ist, hängt Laternen in die vorgesehenen Halterungen an der Hausfassade und die kleine Gasse wird in warmes Licht getaucht. (Ich weiß nicht mehr genau, ob diese Sequenz wirklich passiert ist oder ob ich sie mir ausgedacht habe, aber je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird das Bild.)
Porvoo, frage ich mich, wie kann man so hübsch sein, ohne sonderlich viel dafür zu tun? Es ist so einfach, so unglaublich simpel: Schnee, Dunkelheit, Kerzen und Laternen, Gardinen aus Spitze, ein Ofen und ein paar warme Leckereien.

Das glückliche Leben kann man herunterbrechen auf einzelne Dinge, die es wert machen, auf alles andere zu verzichten.

 

dreamhouse
2006 wurde die Kirche der Stadt durch einen Brand zu großen Teilen zerstört. Ein betrunkener Finne hatte auf einer Bank gesessen und sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn er einen der Holzbalken anzünden würde. Der Rest ist eine traurige und sehr kostspielige Geschichte, denn nachdem er nach Hause gegangen war und am nächsten Tag realisierte, was passiert war, stellte er sich der Polizei, wanderte ins Gefängnis und schuldet der Stadt noch für den Wiederaufbau des aufwendigen Holzdachs Unmengen an Geld.
Sogar eine Postkarte vom Brand gibt es, aber mal ernsthaft, wer kommt auf die Idee, das Foto eines Großbrandes an Freunde und Familie mit „Liebe Grüße aus Porvoo!“ zu schicken?

 

Meet Alex and Marco and check out their amazing work: Vagabrothers.
Meet Alex and Marco and check out their amazing work: Vagabrothers.

„Zieht alles an, was ihr dabei habt“, ist ein Satz, der so oder so ähnlich öfter gefallen ist. Also ziehe ich mich an, was ein paar Minuten dauert. Zwei paar Strumpfhosen (die lange Unterhose zu kaufen, habe ich verpennt), ein dickes Paar Wollsocken, Hose, Unterhemd, Pullover, Strickjacke, Daunenjacke, Schal, Mütze, Handschuhe, gefütterte Winterstiefel. Obwohl ich mich in meinem Winterkostüm kaum bewegen kann, trete ich in die klirrende Kälte und drücke auf den Auslöser meiner Kamera. Die kühle Luft macht mich schlagartig wach, zaubert rosige Wangen und macht, was soll ich sagen, verdammt glücklich.
Wir sehen uns wieder, das nächste Mal vielleicht im Sommer.

 

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Picture by Tina Seidling, lunchforone.de

 

Tipps:

*2-Tagesausflug von Helsinki aus
*Unterkunft: Ida-Maria Bed&Breakfast
*Essen: Zum Beispiel oder (gehobene, unglaublich leckere Küche im Bistro Sinne)
*Art Factory mit Galerien und Ateliers. Die Künstler laden zum Selber-Machen ein. Außerdem gibt es dort ein schönes Café
*Kannonokka ist ein Reservoir in den Wäldern, ca. 7km von Porvoo entfernt. Ich habe dort einen halben Tag verbracht mit Schneeschuhwandern, Zip-Lining, fabelhaftem 4-Gänge-Menü im Holztipi, das auf einer riesigen Feuerstelle zubereitet wurde sowie Saunagängen am Abend. Außerdem gibt es dort einen Whirlpool, in dem man sitzen kann und gleichzeitig den Sternenhimmel betrachten kann. Kannonokka muss im Voraus gebucht werden und ist leider erst ab einer Gruppe von 10 Leuten machbar, vor allem hinsichtlich des Preises. Es ist aber sehr empfehlenswert, beispielsweise für Gruppenausflüge, Bachelorparties etc.

Vielen Dank an #nbefinland, #visitporvoo, #visitfinland und vor allem Kathrin Deter, die diesen Trip möglich gemacht haben. Meine Ansichten sind meine eigenen.

**Mehr Fotos von Finnland gibt es auf Instagram**

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