Splitterfasernackt. | Lesung von Lilly Lindner

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Lilly Lindner, Jahrgang 85, steht vor mir und ich erschrecke. Ich wusste Eckdaten ihres Lebens, ich wusste ansatzweise, was sie erlebt hatte, aber ich merkte sofort, dass ich nicht vorbereitet war für das, was kommen würde.Lilly ist ungefähr zwei Köpfe kleiner als ich. Und ich selbst bin nicht die Größte. Sie ist magersüchtig, wirkt unglaublich zerbrechlich, aber wenn man weiß, was sie erlebt hat, huscht nur ein Gedanke durch wirre Gedankengänge: Wahnsinn, dass sie noch lebt. Und wie schön das ist.

Lilly wird mit sechs Jahren zum ersten Mal vergewaltigt. Von einem Nachbar, dessen Höflichkeit die Mutter immer lobt. Sie versteht es nicht, zieht sich zurück, fängt an zu malen. Mit 17 Jahren wird sie wieder vergewaltigt. Danach weiß sie nicht mehr wohin mit sich, mit dem Körper, der zwar irgendwie an ihrer Seele klebt, ihr jedoch bei der ersten Misshandlung genommen wurde, wie sie selbst sagt. Also startet sie eine Art Gegenangriff und fängt an, in einem Edelbordell zu arbeiten. Sie geht dort hin, wo Männer für Sex zahlen müssen. Sie macht das zum Beruf, was ihr am meisten Angst macht. Wie ihre Geschichte weitergeht und was für grausame Dinge selbst nach all diesen Erlebnissen noch auf sie warten, hat sie vor zwei Jahren in ihrem Buch Splitterfasernackt erzählt. Und das auf so brutal ehrliche und nackte Art und Weise, dass man hin- und hergerissen ist zwischen Weiterlesen und Zuklappen.

Letzte Woche war ich bei einer ihrer Lesungen. Wobei Lesung das falsche Wort ist, denn sie kann jedes ihrer mittlerweile drei Bücher auswendig. Mit einer kindlichen Stimme und einem leichten Lächeln auf den Lippen erzählt sie bildgewaltige Passagen aus ihren neueren Büchern, bevor sie zu ihrem Bestseller, ihrem eigenen Leben, übergeht. Dazwischen werden immer wieder Songs eingespielt, von denen man merkt, dass sie eine tiefe Bedeutung für das Mädchen haben. Sie legt unter anderem ihre selbstgemalten Bilder aus und stellt Fragen an das Publikum.

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„Wer weiß, wie es sich anfühlt, unter Wasser zu atmen?“ Einige stehen auf. Ich bleibe sitzen. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt. Oder vielleicht doch?

Lilly ist nicht greifbar und doch steht sie da, ist unglaublich nett und vor allem dankbar. Mein Blick wandert während unserer Gespräche immer wieder zu ihren alten und frischen Wunden an den Armen, ihrem Dekolleté und Hals. Ich kann nicht wegschauen. Aber ich glaube, es ist genau das, was sie braucht. Wenn sie sagt, dass sie keiner sieht. Und man merkt, was für eine Präsenz sie hat. Und dankbar ist, dass ihr ein unfassbares Talent mitgegeben wurde, damit sie ihre Geschichte aufschreiben konnte. „Ein literarisches Ausnahmetalent“, betitelt die Süddeutsche die Frau, die immer noch irgendwie ein Kind ist und darauf hofft, dass ihr der Körper irgendwann zurückgegeben wird.

„Wir haben damals im 11. Stock gewohnt. So hoch oben war ich nie wieder.“ (Auszug aus „Bevor ich falle“)

„Davonkommen ist ein hässlich verpacktes Geschenk“

„Ich reiße Männer auf. Und Kondomverpackungen. Ich reiße und reiße, und alles zerbricht. Vielleicht sollte ich davonrennen und mich in einem nachtschwarzen Welt vor mir selbst verstecken. Dann könnte ich tagelang keinen Sex mehr haben - ich würde aufhören, den kleinsten gemeinsamen Nenner von mir und mir und mir zu suchen. Es würde anfangen zu regnen. Und ich würde dort an einem wunderschönen verlassenen See sitzen, und der Regen würde leise flüsternd die Schande von meinem Körper tragen.“

„Schönheit ist das, was wir sehen, wenn wir aufhören, nach etwas zu suchen, das schöner ist“

(Auszüge aus „Splitterfasernackt“)

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