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Viola

23/05/2013

Als ich gestern das Haus verlies und mich auf den Weg machte zum herausforderndsten Drehtag meines Lebens, da musste ich die ganze Zeit grinsen. Menschen liefen mir entgegen, die einkaufen gingen, ihre Kinder aus der Schule abholten oder ihre Mittagspause genossen. Und ich fragte mich rhetorisch, ob man mir ansehen würde, dass ich kurz davor war, etwas zu tun, wovor die meisten Sterblichen (auch ich) kreischend davonlaufen würden: Eine Sexszene am Filmset. Eine Szene, zu welcher der betreuende Professor den Regiestudenten prophezeite, dass sie keine Schauspieler dafür finden würden. Ha! Da haben sie nicht mit mir gerechnet, jemandem, der gerne mal einfach so zusagt und dann nächtelang wach liegt und sich fragt: Warum tue ich das eigentlich?

Ja, warum eigentlich? Wir Schauspieler sind nur so gut wie unser Gegenüber. Das macht das Ganze manchmal schwierig, manchmal hilft es enorm, eben, wenn man sich selbst schwer tut. Wir suchen immer Herausforderungen, immer neue Rollen, hinter denen man sich erst verstecken und dann sich selbst finden kann. Und: Es macht verdammt viel Spaß.

Also hatte ich zugesagt, denn ich hatte die Nase voll von den immer gleichen Rollen, die mir angeboten wurden in den letzten Jahren: Das süße, nachdenkliche Mädchen. Das Mädchen in der Bar, mit dem man ein bisschen flirtet. Das schwangere Mädchen, das nicht weiß, was es machen soll. Alles toll und nicht unbedingt immer einfach, aber irgendwo immer… gleich.

Als ich dann das Angebot für diese neue Rolle bekam, habe ich nicht gezögert. Ich sagte mir, Ani, verdammt nochmal, du weißt, dass du das kannst, auch wenn du dir in die Hosen scheißt. Und mir ging es gut mit dieser Entscheidung. Bis gestern. Da stand ich am Set im heißesten Kleid und Make-Up der Nation, so aufreizend, dass man wohl sehen konnte, wie mein Herz pochte und drohte, mein Dekolleté zerspringen zu lassen.

Atmen. Was genau war das Problem? Die Leute, die um mich herum standen? Das Thema, das entweder tabuisiert oder dir knallhart ins Gesicht geschleudert wird? Die Nacktheit meines Co-Darstellers? Als dieser nämlich dezent aufgefordert wurde, sich nun bitte zu entkleiden, und dann nur noch dastand in seinem entzückendem, hautfarbenen String, da lachte ich in mich hinein und dankte für das Erleben solcher absurder Situationen.
Humor macht alles so viel einfacher und so beschloss ich, alles und alle auszublenden, den Fakt, dass man mir diese Rolle zutraute, als Chance zu nehmen und mich darauf zu konzentrieren, was ich in diesem Moment war: eine Schauspielerin, die in eine Rolle schlüpft.
Am Ende bekamen wir Applaus. Und vorbei war sie, die schwierigste Schauspielstunde meines Lebens. Und heute, einen Tag später, kann ich mich vor Muskelkater kaum bewegen, denn so tun als ob ist wesentlich anstrengender, als die Realität.

Was ich nun daraus lerne, über das bisher größte Hindernis so erfolgreich gesprungen zu sein? Dass wir uns viel zu oft unterschätzen. Dass wir grundsätzlich zu oft davon ausgehen, etwas nicht zu können, was wir uns gedanklich nicht vorstellen können. Dass wir manchmal einfach springen müssen, um es danach besser zu wissen. Dass es manchmal gut ist, Angst zu haben. Dass wir uns so viel nicht zutrauen, weil wir Selbstsicherheit mit Arroganz verwechseln. Und dass wir viel mehr Facetten in uns haben, als wir uns eingestehen.

Ich liebe meine neu entdeckte Facette. Die ist frech. Die weiß, dass ich alles kann, wenn ich es nur will, denn der Wille zählt. Die weiß auch, dass mir alle anderen egal sein können, auf deren Meinungen ich keinen Wert lege. Vor allem weiß sie aber viel, bevor ich es weiß und das ist wahrscheinlich gar nicht mal so schlecht, denn sie bringt mich ja eh dorthin, wo ich hin möchte. Dorthin, wo es einen Sinn macht. Eben zum Beispiel zu einer Rolle, die ich mir so rational betrachtet nicht zugetraut hätte. Bäm.

Folgendes habe ich Letzt gelesen:

Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus proportional zum eigenen Mut (Anaïs Nin). Yes. Nicht ohne Grund beneide ich heute weniger Annika Settergren, sondern ihre Freundin, Pipi Langstrumpf – mit all ihren verdammt coolen Erlebnissen. Weil nichts geht ohne Mut. Und wenn der da ist, dann geht alles. So einfach, so einfach.
Daher sollte ich wohl auch zur Filmpremiere gehen. Und danach mit auf die Bühne, um allen Menschen in die Gesichter zu gucken. Wehe, wenn nicht Eines von ihnen rot ist.​

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