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wir wollen doch nur spielen

Spielen wir doch mal eine Runde Erklär-Bär oder Wissensrunde. Bei ein paar Sachen kenne ich mich gut aus, zum Beispiel bei meinem gelernten Beruf: die darstellende Kunst.

Manche lernen sie, manche sind nie auf eine Schule gegangen, bestes Beispiel für Letzteres ist Leo DiCaprio. Er wurde mit 13 Jahren zum ersten Mal für den Oscar nominiert, ob er danach Kurse belegte, ist mir leider unbekannt. Ich war beispielsweise auf einer Schauspielschule vor allem, weil ich mit 19 Jahren kein Wort hochdeutsch konnte. Das stellte sich als kleines Problem heraus, wenn man diesen Beruf ergreifen möchte. Leo hatte das wohl nicht.

Die Schulen, egal, ob es eine staatliche oder private Einrichtung ist, helfen vor allem in erster Linie denen, die merken, dass ein Talent in ihnen schlummert, allerdings einen Anstoß von außen brauchen. Es werden Rohdiamanten geschliffen, wie mir mal so schön gesagt wurde. Hier finden sich oft Menschen wie ich ein, die immer die gleichen Rollen vorsprechen, weil sie nicht wissen, was sie sonst noch so können. Also lernen sie Selbstbewusstsein und Stärke auf der Bühne im Rahmen einer Ausbildung, die zwischen 3-4 Jahren dauert. Und ja, diese Zeit braucht es, ich persönlich habe in den letzten drei Monaten am meisten gelernt – weil ich vorher einfach zu faul war und mich am klassischen Studentenleben orientiert habe. Mwahaa. Nix für ungut.

Weiter geht es zu der lästigen Frage, die einem im Akkord gestellt wird, wenn man letztendlich die Straße mit Zeugnis in der Hand betritt: „Dann muss ich dich ja kennen, wo hast du denn schon mitgespielt?“ Falsch gedacht, mein Lieber, du kennst den Til, die Nora, wahrscheinlich noch den süßen Matthias und damit hat es sich. Wenn du ab und an Tatort guckst, dann laufen dir da bekannte Gesichter über den Weg, deren Namen die meisten ebenfalls nicht abspeichern.

Außerdem denkst du, dass diejenigen, die über den roten Teppich schweben, ganz berühmt und ganz schwerreich sein müssen. Teilweise wieder falsch gedacht, denn die, die Zeit haben, jeden Pressetermin und jeden noch so abgewetzten Teppich mitzunehmen, stecken – und das ist die bittere Wahrheit – in keinem Engagement, weder am Theater noch für Film und Fernsehen. Natürlich sind einige von ihnen – sei es Schweinchen-Ferres oder Photoshop-Queen-Neubauer – gut im Geschäft, aber lasst euch bloß nicht allgemein blenden vom Strass an den Glitzerkleidchen.

3.000 arbeitslose Schauspieler fasst die deutsche Arbeitsagentur. Da der Beruf aber nicht geschützt ist und sich jeder als Schauspieler bezeichnen kann, liegt die Dunkelziffer bei ca. 12.000 Arbeitslosen, dies ist allerdings nur eine grobe Schätzung. Macht übrigens 25 % aller Menschen aus, die diesen Beruf ergriffen haben.

Zähle ich mich selbst dazu? Nun, ich bin mit meinen 26 Jahren einen großen Schritt weiter als andere Schauspieler in meinem Alter, denn ich bin in einer guten Agentur, die mich repräsentiert und all die Dinge erledigt, die ich selbst früher machen musste: Bewerben, anrufen, Absagen kassieren, manchmal auch Vermitteln.

Als arbeitslos sehe ich mich nicht, denn man ist es nicht automatisch, wenn man in keinem festen Engagement steckt. Dennoch ist es so, dass man sich ab einem bestimmten Punkt überlegen muss, ob das Warten auf Angebote den Sinn des Berufslebens darstellen soll. Manche lassen es nebenher laufen, weil sie auch andere Dinge gefunden haben, die ihnen Spaß machen und Geld einbringen. Andere können sich nichts vorstellen, als zu spielen, was ich verstehen kann, aber nicht für mich akzeptieren möchte.

Klar sind wir wütend, wir, die Ausgebildeten, die all diese auf den Markt geworfenen Rollen genauso gut spielen können, wie Leute, die von der Fußgängerzone weggecastet werden und deren Akzent auf ein Mal für süß und niedlich empfunden wird. Wir sind genervt davon, dass der Beruf nicht geschützt ist und wir haben keine Lust mehr, Aushilfsjobs zu machen, weil wir von einem Drehtag leider nicht leben können, selbst wenn die Tagesgage exorbitant hoch ist.

Bringt’s was? Nein, wir bleiben mit der Wut trotzdem zu Hause sitzen, sie öffnet keine Türen, eher verschließt sie diese. Grantler will keiner haben.

Warum ich nun darüber schreibe? Weil ich derzeit eine richtige Spielebbe erlebe, die mich dieses Jahr schon ein paar Mal emotional in die Knie gezwungen hat. Ich brauche hier nicht anzufangen mit Selbstzweifeln, Ängsten und dem Wissen, dass sich bei den meisten der Riege nie wirklich etwas ändern wird. Manchmal habe ich Zeiten, in denen mich das stumme Handy nicht aus der Bahn bringt. Und manchmal möchte ich es gegen die Wand schmeißen und am liebsten selbst dagegen rennen. Das Beste, das ich allerdings daraus machen kann, ist, alles aufzuschreiben und denen, die auch sauer zu Hause hocken, ein Kopfnicken zu bescheren. You are not alone.

Für ein Kameraseminar an der Hff, welches von Michael Ballhaus, einem der wichtigsten Kameramänner Hollywoods, geleitet wurde, habe ich mal blank gezogen. Weil es zum Stoff gehörte, der umzusetzen war, und weil es kein Nacktsein ohne Spiel war, sondern von meinem Partner und mir gehörig etwas abverlangte. Spielerisch.

Mittlerweile habe ich das dritte Angebot bekommen, bei dem ich mich unter anderem ausziehen soll – ich habe abgelehnt. Aus Frust und Ärger, weil ich eben kein Mädchen bin, was sich gerne mal schnell nackig macht, sondern so etwas unter besonderen Umständen in Kauf nimmt, um noch mehr lernen zu können.

Also habe ich heute abgelehnt. Wirklich gut dabei fühle ich mich trotzdem nicht, denn somit verzichte ich auch auf eine Gage. Allerdings kommt ein Punkt, an dem die immer gleichen Rollen nicht mehr helfen, sondern nur noch schaden. Das ist wie jahrelang in einer Soap zu stecken – kennste eine, kennste alle.

Ein Trend zum Einheitsbrei im deutschen Film und Fernsehen ist definitiv zu verzeichnen. Kaum einer lehnt sich aus dem Fenster und überzeugt die geldgebende Produktion von einem Newcomer, dessen Name kein Mensch kennt. Einzelne haben Glück, beispielsweise die bis vor kurzem (in Deutschland) eher unbekannte Carla Juri aus Feuchtgebiete.

Um den Teufelskreis zu beenden, muss man entweder sein Leben lang dran bleiben oder sich anderweitig orientieren. Der erste Vorschlag garantiert trotzdem nichts, der zweite schon viel mehr. Glücklicherweise ist das Spielen eine Kunst und wenn man in dieser Nische ein Talent hat, dann oftmals auch in anderen.

Kinski, das verrückte Genie, hat seine Berufsbezeichnung immer abgelehnt und vehement erläutert: „Ich spiele das nicht, ich bin das!“. Vielleicht ist das Leugnen der Schlüssel. Man weiß es nicht.

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