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Let’s do it the american way

Wir stehen an der Einreisekontrolle des Flughafens Fort Lauderdale. Eine Maschine aus Medellín und eine aus Haiti sind zeitgleich gelandet. Über unseren Köpfen läuft ein fragwürdiger Spot mit einem ulkigen, kleinen Hund, der gekonnt Taschen durchwühlt und alles findet, wovor „unser Land beschützt werden muss“. Ich wende mich meinem Handy zu, da der Begriff Übelkeit gerade ganz neue Formen für mich annimmt, und werde sofort darauf hingewiesen (nicht gebeten), dass Handys in diesem Bereich nicht gestattet seien. Ich murmele in mich hinein, warum es hier dann W-LAN gäbe und stecke mein iPhone weg.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommen wir an einer der Einreisestationen an.
Erst ist der Andere dran, dann ich. Er bekommt keinen Stempel, ich schon. Klar, ein Deutscher mit nicht deutschem Namen. Das reicht, das hat schon ein Mal gereicht. Freundlich wird ihm gesagt, dass man sich gerne mit ihm unterhalten würde. Ob ich mitkommen möchte?
Eine für mich rhetorische Frage. Nein, besten Dank, ich setze mich dann hier mal auf den Boden. Oder besser: Ich gehe schon mal vor. An den Strand.

Wir folgen dem Beamten zur Kammer des Schreckens. Die Tür geht auf – und ich traue meinen Augen nicht. Ein Raum ohne Fenster, sichtlich gelangweilte Beamte hinter einem Tresen und vor mir nur und lediglich und ausschließlich Menschen mit tiefschwarzer Hautfarbe. Es dämmert mir. Die halbe Maschine aus Haiti sitzt hier. Kinder, Erwachsene, alte Menschen, sogar zwei Frauen im Rollstuhl, die körperlich sichtlich erschöpft und müde sind.

Für mich gibt es keinen Sitzplatz. Ich bleibe demonstrativ in der Mitte des Raumes stehen, bis einer der Beamten eine junge, ebenfalls schwarze Frau bittet aufzustehen, schließlich würde sie hier arbeiten. Gelangweilt und wie in Zeitlupe erhebt sie ihren Hintern und ich beobachte eine ganz große Farce innerhalb der nächsten Stunden: Der Job dieser – nicht ausgesprochen intelligenten – Dame ist es, zu vermitteln. Da es anscheinend nicht möglich ist, einzelne Sätze wie „Kommen Sie zu mir“ oder „Sie können jetzt gehen“ (mehr wird mit den Leuten nicht gesprochen), zu lernen oder zu gestikulieren, steht sie bereit. Eine Landesverbündete. Eine, die Skeptikern zeigen soll:
„Hey, das ist ja eine von uns. Und die arbeitet hier auch noch. Da kann es sich ja gar nicht um eine diskriminierende Art und Weise seitens dieser Regierung handeln.“

Die erste Stunde vergeht. Die nächste halbe Stunde auch. Ich stelle fest, dass in keiner einzigen der Anweisungen, die an die Menschen in diesem Raum gerichtet werden, ein Bitte oder Danke Platz findet. In keinem einzigen Satz. Hier interessiert es auch niemanden, ob du einen Anschlussflug verpassen könntest, sprich, niemand wird vorgelassen oder ansatzweise individuell behandelt. Das hier, das fällt unter höhere Gewalt. Stellst du eine potenzielle Bedrohung für dieses Land dar, dann plane auch ein, dass du hier ein paar Stunden sitzen wirst.

Der Andere weist mich darauf hin, dass mein Reisepass nun ebenfalls kontrolliert wird. Ich brodele, kann mich sowieso seit Betreten dieser Kammer kaum zurückhalten. Ich trete an den Tresen und frage höflich einen der genervten Männer, wo denn mein Reisepass sei, schließlich hätte ich schon längst einen Stempel und sei nur Begleitperson.
„Das geht Sie nichts an.“
„Wie bitte?“
, entgegne ich. „Sie wissen, dass dies mein Eigentum ist und ich das Recht habe, mich zu erkundigen, wo er ist und warum ich ihn nicht haben kann.“
„Sie müssen sich um nichts sorgen.“
Ende der Diskussion.

Ich fasse es nicht. Die Dreistigkeit, mit der man hier behandelt wird, haut mich schlichtweg um. Nach zwei vorangegangenen Aufenthalten in den USA bin ich zwar informiert gewesen über diesen Raum, allerdings war ich schlichtweg zu naiv gewesen, was die Behandlung der Einreisenden angeht.

Ich setze mich wieder und tippe trotz der Verbotsschilder wütende SMS nach Deutschland. Währenddessen bekomme ich mit, dass die zwei Frauen im Rollstuhl schon längst hätten abgeholt werden sollen von der jeweiligen Fluggesellschaft. Das wurde aber irgendwie vergessen – im Trubel des Fressens hinterm Tresen und sich darüber Erfreuens, bald ein langes Wochenende zu haben und hier rauszukommen.

anidenkt

Ich beobachte, wie der Raum sich langsam leert. Die pseudo-angestellte Dame übersetzt gelangweilt irgendwelche Sätze, die ich verstehe, ohne ihr zuzuhören. Kinder und alte Menschen treten vor, geben (erneut) ihre Fingerabdrücke ab und unterschreiben einen Zettel, ohne auch nur eine Zeile vorher durchzulesen.

Irgendwann betritt eine weiße Frau mit orange-gefärbtem Haar den Raum. Sie sieht aus, als wäre sie direkt vom Strand hierhergeschleppt worden – ein Paradiesvogel sondergleichen. Sie ist aus Frankreich, kann kein Wort Englisch und ist sichtlich aufgeschreckt wie ein scheues Huhn, denn gleich geht ihr Flieger nach Paris. Ihre Freundin aus Florida versucht zu vermitteln – keine Chance. Die Beiden setzen sich, ich fange ihren Blick auf und wir lächeln uns kopfschüttelnd an.

Ein schwarzer Staatsbürger des Landes wird aufgerufen. Er darf gehen. Am Schalter fragt er, warum er denn rausgezogen wurde.
„Das darf ich Ihnen nicht sagen. Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie durch unser Raster fallen – und das ab jetzt für immer. Daran wird sich nie etwas ändern.“

Mittlerweile ist der Raum fast leer. Bis auf die Französin und ihre Freundin sowie wir beide und ein Türke mit amerikanischer Staatsbürgerschaft. Der Andere fragt ihn belustigt, was er denn verbrochen habe. Er antwortet, dass er bei einer Fluggesellschaft arbeite und jedes Mal hierher müsse, bevor er wieder einreisen dürfe. Ich frage ihn im lauten Ton (es interessiert niemanden), warum er sich das antue. Er zuckt mit den Schultern und meint, er sei es einfach schon gewohnt.

Wir werden aufgerufen. Man habe beschlossen, mit dem Anderen ein Interview führen zu müssen. Da er der Erste und Einzige seit mittlerweile über zwei Stunden ist, mit dem man dies machen müsse, platzt mir der Kragen. Ich bekomme zu hören, dass wenn ich so weiter mache, man mit mir auch reden würde. Zu diesem Zeitpunkt ist mir alles egal. Scheiß auf Geburtstag in New York, dann doch lieber zurück in die Sonne Kolumbiens. Ich habe keine Lust mehr.
Der Andere interveniert, erklärt dem Beamten, dass es sich um unseren Urlaub handele und wir gerade einfach sehr frustriert seien.
Er verstehe das.
Ich lache.
Dann erklärt er mir, dass ich bei dem Gespräch nicht dabei sein dürfe. Ich schlucke tonlos, weil mir das sowieso klar war, da die Fragen geheim sind. Dann gehen die beiden hinter den Tresen und laufen in dem sich dahinter anschließenden Gang zur ersten Tür links. Sie gehen hinein, setzen sich und fangen an zu reden. Die Tür bleibt komplett offen. Und ich, die draußen sitzt, versteht jedes einzelne Wort. Jedes der geheimen Worte, die ich nicht wissen darf. Ich lache erneut, allerdings leise.

40 Minuten vergehen. 40 Minuten, in denen erst mal 10 Minuten geklärt werden muss, warum ein Deutscher (ohne jegliche andere Staatsbürgerschaft) ein Auslandssemester in Kolumbien macht und nun Urlaub in den Staaten machen möchte. Ja, das sind schon schwierige Zusammenhänge, die sich auf den ersten Blick nicht erkennen lassen. Im Stillen bete ich für all die Backpacker, die fragwürdig aussehen und ihre Reisepläne mit den fallenden Preisen der Flüge ändern. Das könnte hier ein wirkliches Problem werden.
Nach einem diskriminierend-blöden Geplänkel über „Wie hat Ihnen Kanada gefallen“, „Sie waren schon dreimal in den USA und sind beim ersten Mal nicht durchs Raster gefallen?“, „Was studieren Sie denn?“, „Wir haben ja den gleichen Vornamen…“ schüttele ich innerlich nur mit dem Kopf und sehe unsere Maschine nach New York ohne uns abheben.

Doch dann geht’s los. Die wirklich wichtigen Fragen.
„Waren Sie schon mal in Syrien, im Libanon, in Pakistan, was ist mit dem Iran, Irak? Wie heißt Ihre Mutter, wann ist sie geboren und wo? Vater, Schwester… ich will alles wissen.“
Warum? Ach, einfach so.

Dann, am Ende, vernehme ich meinen Namen und höre heraus, dass der Andere mich, nun ja, besser im Zaum halten solle. Ich bin kurz davor, alles, einfach alles kurz und klein zu schlagen.
Sie kommen aus dem Zimmer und ich muss mich so beherrschen, nicht zu fragen, warum er denn nicht nach dem Wetter in Kolumbien gefragt habe, auch das sei doch ein einzufordernder Wissenstand.

Wir knallen die Tür hinter uns zu und rennen zu unseren Rucksäcken, die netterweise seit über zwei Stunden für uns bereit stehen. Neben Ihnen ein paar Angestellte der Fluggesellschaft. Auf beiden prangt ein großes Zeichen, das uns darauf hinweist, dass unser Gepäck durchsucht wurde.
Weil ich keine Kraft mehr habe auszurasten, trauere ich im Stillen darum, dass ich all meine verschwitzte Wäsche aus dem Amazonas noch kurz vor dem Packen gewaschen hatte.

Die USA und ich. Das Kapitel ist angesichts dieses Erlebnisses vorerst erledigt. Zumindest für sehr lange Zeit. Denn diese Erde hat so wunderschöne Länder zu bieten, mit denen die USA vielleicht mithalten können, jedoch einfach nicht wert sind. Nichts, absolut nichts ist es wert, sich so behandeln zu lassen. Höflichkeit sollte keine Ausnahme sein, diskriminierende Verhaltensweisen schon.
Meiner Meinung nach habe ich hier auch keinen Einzelfall in Fort Lauderdale erlebt, sondern mir vor dem Niederschreiben dieses Artikels von einigen Menschen die Atmosphäre und Art und Weise dieser Kammer bestätigen lassen.
Für manche, die nichts hinterfragen und alles wortlos hinnehmen, mag das nicht so schlimm sein. Für mich ist es das und ich ziehe meine persönlichen Schlüsse daraus.

Die Französin durfte übrigens kurz vor uns gehen. Was bei ihr das Problem war? Das letzte Mal, als sie eingereist war, hatte sie einen anderen Nachnamen.
Ja, da war sie eben noch verheiratet.



2 Kommentare zu “Let’s do it the american way”

  1. Aylin sagt:

    Ja, so was habe ich schon von Freunden gehört, die Deutsche mit Undeutschem Namen/ Haarfarbe sind. Und auch beobachtet, als ich von Mexiko in die USA geflogen bin. Mal sehen, wie Deine Ausreise wird :-)

    • anidenkt sagt:

      Ich bin schon wieder in München ;) Mit der Ausreise gibt es, so weit ich weiß, nie Probleme…
      Ich hoffe, du hast mehr Erfolg, wenn ihr noch einen Abstecher nach New York macht!

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