Wo fange ich an? Vielleicht beim Ende. Ich sitze wieder in München und möchte zurück.
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Wo fange ich an? Vielleicht beim Ende. Ich sitze wieder in München und möchte zurück.
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Ich sitze in einem alten Mercedes-Benz-Taxi, welches so aussieht, als sei es weder vom genannten Unternehmen hergestellt, noch überhaupt in diesem Jahrhundert auf die Welt gekommen.
Continue reading „Marokko: Ein mürrischer Artikel über ein mürrisches Land“
Mumbai. Bombay. Wie auch immer, ich habe mich verliebt. Die Stadt am Meer, verteilt auf mehreren Inseln, ist kosmopolitisch und die Architektur durch den einzigartig schönen Kolonialstil der Portugiesen geprägt. Im Herzen ist sie indisch und doch irgendwie anders als alles, was ich bisher im Norden gesehen hatte. Es ist schon fast so sauber hier, wie in einer abgelegenen, spanischen Stadt – als doch tatsächlich eine Müllabfuhr meinen Weg kreuzt, kann ich meinen Augen kaum trauen.
Im Bankerviertel legen sich die geschäftigen Inder mittags in die schattigen Parks oder verspeisen Köstlichkeiten an den Straßenständen. Hier wird mit den Füßen abgestimmt, d.h. je mehr Menschen an einem Stand stehen, desto leckerer und vertrauenswürdiger ist es dort. Für umgerechnet 37 Cent bekommen wir eine riesige Portion Reis mit was auch immer. Nachschlag? Gerne. Kostenlos. Wenn man fast drei Wochen lang morgens und abends essen geht und dann an einem solch nichtig aussehenden Straßenstand die kulinarische Erfüllung seines Lebens findet, kann man sich nur wiedermal Eines denken: typisch Indien. Und so schlendern wir durch die von üppigen Pflanzen und riesigen Bäumen umrahmten Straßen, atmen die Meeresluft ein und weichen regelmäßig den hupenden Tuk-Tuks und Taxis aus. Für eine ca 16. Mio. große Stadt ziemlich relaxt.
Man vergisst schnell, dass über die Hälfte der Einwohner von Mumbai in Slums leben, z. B. in Dharavi, einem der größten Slum Asiens und Schauplatz von „Slumdog Millionaire“. Also setzen wir uns für ca. 30 Minuten in einen mit Menschen vollgestopften Zug und fahren dorthin, zum echten, rohen Indien, wie manch einer sagen würde, der Mumbai nichts abgewinnen kann.
Wer denkt, es könnte in Dharavi gefährlich zugehen, der liegt falsch. Zumindest ist das meine Erfahrung in den Teilen, in denen ich war. Die Menschen dort erwarten nichts von Touristen, es gibt keine Schlepper oder aufdringliche Verkäufer. Niemand schaut uns neidisch oder gar argwöhnisch an. Hier ist alles echt und deswegen auch so angenehm authentisch. Mitten reingeworfen in die Armut und den Dreck, erkenne ich wiedermal die Farben. Alles ist bunt, auch die kleinen Häuser, sofern es keine Lehmhütten oder Zelte sind. Die Kinder sind nicht von den Eltern auf das Betteln trainiert, sondern strahlen uns nur an, geben uns die Hand oder rufen fröhlich „hey, how are you?„.
Es kommen uns junge, muslimische Mädchen entgegen, die adrette Schuluniformen tragen. Eine Gruppe Kinder spielt Cricket auf der Straße, während die Älteren im Schatten schlafen. Unglaublich schön ist es hier, die Nähe zum unverfälschten Leben, zum greifbaren Glück und dem puren Sein. Leider bleiben uns aus Zeitgründen nur drei Tage für diese tolle Stadt und so steigen wir um kurz vor Mitternacht in den Nachtzug nach Goa.
Die Sitzplatzreservierungen der 24 Zugteile sind eine Kunst für sich. Da die Züge immer restlos ausgebucht sind, haben Ausländer den Vortritt. Blöderweise wussten wir das nicht, als wir unser Ticket von einem Einheimischen haben kaufen lassen, und somit erfahren wir am Gleis, dass wir doch ernsthaft auf der Warteliste stehen würden. Ein paar Konversationen später, findet ein sehr hilfsbereiter Zeitgenosse heraus, dass wir den Wartepositionen 94 und 95 zugeteilt sind, allerdings schon über 100 Tickets storniert wurden (was wohl total normal ist). Und somit haben wir sie sicher: zwei mehr oder weniger harte Pritschen in einem großen, offenen Zugabteil. Gute 12 Stunden liegen vor uns, das reinste Abenteuer: Wenig Schlaf, schmerzende Körper, minütliche, monotone „Chai-Chai-Chai“-Rufe der Verkäufer und die längste Zeit meines Lebens, in der ich nicht auf der Toilette war (insgesamt knapp 14 Stunden, ich muss das mal mit dem Guinness-Buch der Rekorde abklären)
Doch voller Hoffnung (und immenser Vorfreude auf eine Dusche) kommen wir da an, wo wir unsere letzte Woche verbringen wollen: im Paradies.
Süd-Goa mit seinen teilweise verlassen wirkenden Stränden bietet abseits vom Trubel alles, was ich mir nun wünsche: Einen Ort, an dem die Zeit still steht. An dem ich immer das Meeresrauschen höre – scheinbar führen auch in Indien alle Wege ans Meer.
Es macht unglaublich Spaß, dieses einfache Leben zu leben: Wäsche mit der Hand waschen und in der Brise des Meeres trocknen lassen. Mit dem Roller das Hinterland erkunden und sich mit Einheimischen unterhalten. Den lokalen Bus nehmen und in sich hineinlachen, weil der Fahrer auf einmal 90er-Schnulzen von Celine Dion und Enrique Iglesias aufdreht. Ein bisschen Feilschen um die letzten Schnäppchen… bei alledem muss ich immer wieder an den Satz von Daniel denken, einem unglaublich sympathischen Rastafari aus Australien, den wir mit seiner Freundin in Mumbai kennengelernt hatten. Nach 10 Jahren „on the road“ ist ihm nämlich eine Sache klar:
„It’s so much fun missing your flight on purpose!“
Und ich möchte jetzt auch meinen Flug verpassen. Für immer hier am Meer sitzen. In die großen Wellen blicken und den überraschend starken Wind die Hitze davontragen fühlen.
Aber Deniz sagt, dass es so schön war, weil es einen Anfang und ein Ende hat. Also packe ich meinen Rucksack zum allerletzten Mal. Und verpasse meinen Flug nicht. Zumindest diesmal.
Reiseroute und Tipps:
-> unbedingt einen Roller mieten, das ist in Indien so unglaublich einfach, billig und reibungslos. Man kommt damit gut in Goa voran und die Fahrt durch das Grün mit einem warmen Wind in den Haaren ist unbezahlbar!
Hast du noch weitere Tipps?
Wir steigen in ein Auto am Flughafen von Delhi und vor uns liegen erst einmal zwei Wochen Sightseeing durch Rajasthan bis hoch in den Punjab an die pakistanische Grenze. Das Erste, das ich erlebe, ist ein kleiner Junge, der an die Fensterscheibe klopft und mich bittet, ihm Geld für Essen zu geben. Abgesehen davon, dass ich noch überhaupt keine Rupien in der Tasche habe, atme ich tief durch und nehme mir vor, niemandem einfach so Geld zu geben, weil es einfach zu viele sind, die betteln. Allerdings die Erlaubnis, von mir Bilder zu machen. Das ist nämlich so eine Sache hier, die ich noch nie woanders erlebt habe: Die Menschen starren mich an. Als käme ich nicht aus Europa, sondern von einem anderen Planeten. Sie bitten höflich, Fotos mit meinem Freund und mir machen zu dürfen, Babys werden mir in den Arm gelegt. Ich verstehe es nicht, aber schnell wird klar: Hier gibt es wenig zu verstehen, hier geht es um Gefühle. Um Eindrücke. Berührungsängste waren.
Mir geht es in den ersten Tagen genau so, wie es mir prophezeit wurde: Ich bin wie ein Schwamm, der alles aufsaugt, erst mal die Ereignisse rein in den Kopf und ins Herz, verarbeiten kann man später. Das Ganze zusammenzufassen ist nicht so leicht, aber es gibt besonders nachwirkende Erlebnisse:
Da wären die skeptischen Blicke von gleichaltrigen Mädchen. Und wenn ich sie dann anlächle, strahlt ihr ganzes Gesicht.
Das Licht, das ich so noch nie gesehen habe. Es ist durch den Dunst über den Städten unglaublich weich und je nach Tageszeit taucht es den Himmel in verschiedene Orange-Töne.
Und die Tempel der Sikh, wo jeder willkommen ist und kostenlos ein Essen bekommt. Man sitzt in Reihen auf dem Boden, bekommt Daal, Brot, Wasser und manchmal eine Art Milchreis, bis man satt ist. Egal, ob man Tourist ist oder einer anderen Religion als der des Sikhismus angehört: Jeder kriegt Essen und keiner muss zahlen. Danach werden die Blechschüsseln in Asche gewälzt und abgewaschen. In den goldenen Tempel von Amritsar - dem wichtigsten Tempel der Sikh - pilgern zig Tausende pro Tag. Die Ruhe und Harmonie, die Gesänge in diesem Tempel sind unglaublich friedvoll und strahlen etwas Magisches aus. Wer nicht zum Beten kommt, kommt wenigstens zum Essen. Das Kochen, Servieren und Spülen für Millionen von Menschen im Jahr funktioniert übrigens reibungslos und nur auf der Basis freiwilliger Arbeit sowie Spenden.
Auf der anderen Seite ist es nicht möglich, die Müllberge, den Dreck und die beispiellose Armut zu übersehen. Auch der Verkehr bleibt unvergessen. Binnen Sekunden werden alle Regeln gebrochen, die es an sich gar nicht gibt. Während ich unterwegs auf schlechten Strassen betend im Auto sitze und hoffe, dass das Überholmanöver des Fahrers gut ausgeht, kommt uns ein vollkommen surreal überladener LKW entgegen. Er rast so schnell auf uns zu, dass er erst gefühlte 10cm vor dem Aufprall wieder auf die eigene Spur wechselt. Die heiligen Kühe, die mitten auf der sogenannten Autobahn stehen, tun ihr Übriges dazu. Hier sagt man daher, dass man auf den Straßen nur drei Dinge braucht:
good horn, good break, good luck.
Einen Tag vor dem Holi-Festival kommen wir in Jodhpur an. Und auch hier überrascht dieses Land und somit befinden wir uns innerhalb von Sekunden auf einem Hausdach, wo auf einmal schon groß gefeiert wird. Mit meinen Lieblingsklamotten an, beschließe ich, nur Fotos zu machen, aber diese Rechnung geht nicht auf. Die Kinder klatschen mir die verschiedenen Farbpulver ins Gesicht und ein alter Mann zieht mich auf ein Podest, wo ich mit Blumen beworfen werde und anfange zu tanzen. Wie ironisch, dass ich eigentlich extra alte Kleidung für dieses Farbenfest eingepackt hatte. Aber so ist das hier - alles spontan, alles schnell, alles laut. Und alles möglich.
Apropos alles möglich: Aufgrund einer allergischen Reaktion von Deniz wissen wir nun auch, wie ein indisches Krankenhaus von innen aussieht (ein kleines bisschen sauberer als von außen) und dass ein Antiallergikum stolze 43 Cent kostet. Wir fragen nach und bekommen zur Antwort, dass es sich um ein privates Krankenhaus handele, das für die ganz Armen der Region gebaut wurde.
Ich glaube mittlerweile, wir nehmen hier alles mit, was wir kriegen können. Und kommen trotzdem - oder gerade deswegen - wieder heil heraus.
Reiseroute:
Wir sind mit einem Fahrer plus Auto von Delhi durch Rajasthan bis in das nördliche Punjab gefahren und haben auch die pakistanische Grenze besucht. Wer mehr als zwei Wochen dafür Zeit hat, kann auf die billigen Züge zurückgreifen und Indien hautnah erleben. Allen anderen empfehle ich ebenfalls ein Auto, denn die Strecken sind schnell unterschätzt.
Unsere Orte auf der Route: Delhi - Agrar, Taj Mahal, Jaipur (die rote Stadt), Pushkhar (600 Tempel!), Jodhpur (die blaue Stadt), Amritsar, Chandigarh, Delhi)
Tipps:
Hast du noch Tipps für Nordindien?
(Fortsetzung: hier entlang)