10/06/2013
Wir wissen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Wir hören, dass früher alles besser war, glauben das aber nicht. Warum auch. Es geht uns doch blendend. Oder?
An sich ist die Zeit schon so ein Geschenk. Sie ermöglicht es uns, zu strukturieren, sie erklärt uns, dass es an der Zeit ist, den Arbeitsplatz zu verlassen und den Feierabend zu genießen. Sie hilft uns, pünktlich zu sein und erlaubt es, unpünktliche Zeitgenossen verfluchen zu dürfen. Und auch wenn wir uns morgens lieber noch ein Mal im Bett verkrochen hätten, so ist es doch sie, die uns zwingt aufzustehen und den Tag zu beginnen.
Wenn wir sie anschauen, katapultiert sie uns sofort wieder in die Gegenwart zurück. Oder vorwärts, je nachdem, wo wir uns gedanklich gerade befanden.
Und das ist doch eigentlich das größtes Geschenk: Denn wem fällt es schon leicht, immer in der Gegenwart zu bleiben? Wer macht sich keine Gedanken über das Über-über-morgen oder steckt fest in der Vergangenheit von vor drei Jahren?Mit der Zeit ändert sich alles. Die Haarfarbe. Die feste Zahnspange weicht perfekten Zähnen. Das Herz bricht und wird wieder zusammengeflickt. Die Freunde. Die Lebensplanung. Meinungen. Eindrücke. Der ganze Mensch ändert sich. Und darf sich trotzdem dabei treu bleiben.
Mit der Zeit kann man aber auch an Vergangenem arbeiten, um genau dadurch in der Gegenwart leben zu können, und zwar glücklich und frei. Ich meine damit nicht, dass man abgeschlossene Dinge aufwärmen soll, sondern, dass man Ereignisse neu betrachten kann. Man steht nun weiter weg, kann das, was mal war, mit Abstand betrachten und steckt nicht mehr mitten drin und ohne Überblick. Man hat die Chance, nachvollziehen zu können, warum man selbst mal so war, so gehandelt hat oder von anderen Menschen so behandelt wurde. Man erkennt auf einmal, was dahintersteckt, kann es in die Hand nehmen, kann es drehen und wenden, von allen Seiten betrachten. Und das ist so ein befreiendes Gefühl: Sich nicht mehr bedroht oder eingeengt zu fühlen, sondern sich bedanken zu können bei der Zeit, nämlich dafür, dass sie so viel Gras über die Sache hat wachsen lassen, dass dieses Gras nun lediglich ein bisschen an den Fußsohlen kitzelt, erinnert, aufweckt, aber eben nicht mehr weh tut. Weil die Wunden längst geschlossen sind.
Und wenn sie es nicht sind, dann ist es immer irgendwann an der Zeit, sie zu schließen. Ich glaube wirklich, dass es nicht möglich ist, glücklich zu sein, wenn es Leichen im Keller gibt, die langsam auch mal wieder glücklich sein möchten, aber nicht können, weil wir ihnen keine Beachtung schenken. Weil wir das Vergangene entweder immer noch verfluchen oder nicht loslassen. Wir sagen immer, alles sei vergeben und vergessen, aber so lange es uns beschäftigt oder wir es mit negativen Gedanken behaften, ist nichts vorbei. Alles ist immer noch hier, sitzt direkt neben uns und schaut uns so lange an, bis wir endlich begreifen, dass wir es ziehen lassen können. Was gut ist, denn es ist überstanden, es ist bewältigt, egal wie. Denn wie und was und warum, das sind genau die Fragen, die der vorübergegangenen Zeit angehören. Die oftmals unergründlich sind, weil wir sie mit unserem kleinen Verstand nicht greifen können. Besser ist es.
Manchmal ist es einfach so, wie es ist. Und immer ist es einfach so, wie es war. Ohne wenn und aber. Allerdings alles mit Sinn. Das bringt uns wieder ins Gleichgewicht, die Zeit rückt es ins richtige Licht, der Spot der Gegenwart geht an und ist auf jeden einzelnen von uns gerichtet.
Was fängst du nun damit an, jetzt, wo du auf einmal im Licht stehst?
Mach Frieden mit allem, am meisten mit dir selbst. Und natürlich auch mit der Zeit. Es bringt nichts, Jahre später traurig darüber zu sein, dass manche Dinge nicht mehr so sind, wie sie waren. Oder dass man einfach keinen Einfluss auf ein zeitliches Fenster hatte. Es war halt so lange da, wie es da war, und dann war es weg. Und mit ihm die Menschen, Ereignisse und Situationen, die darin Platz genommen hatten.
Mach also Frieden mit der Zeit. Wenn du nicht gegen sie arbeitest, dann arbeitet sie für dich. Und mit dir. Und zeigt dir, dass sie am Ende des Tages viel mehr für dich getan hat. Und dir mehr geschenkt hat als weggenommen.
Meine Lieblingszeit ist die Zeit der Vorfreude. Der Moment, in dem du denkst, du würdest das Warten nicht aushalten, als würde die Nacht oder der Tag oder die Woche nicht vorbeiziehen wollen. Das Herz pocht bis in den Hals und jeder kann es dir ansehen, gleichzeitig ist der ganze Körper angespannt und wenn du könntest, dann würdest du dieses Gefühl in ein kleines Gläschen packen, zuschrauben und genau dann öffnen, wenn das erhoffte Ereignis schon Jahre vorbei ist. Und am Ganzen die Vorfreude mit Abstand am Schönsten war. Deswegen ist sie auch so lange geblieben, weil die Zeit schon wusste, was sie macht. Sie macht ihren Job ganz gut.
Auch wenn es manchmal Jahre braucht, dass man es erkennt und es sich eingesteht. Und sich bei ihr entschuldigt.