kolumnen

Endstation Sehnsucht.

18/07/2013

Der Zug windet sich durch alpine Täler und ich werde auf Knopfdruck melancholisch. Alle Artikel, die ich bis jetzt auf Zugfahrten geschrieben habe, wurden melancholisch, nachdenklich und philosophisch – warum ist das so?

Ich versuche mich regelmäßig in neue Situationen zu werfen und schaue dann mal, was die mir so bringen. Das ist gar nicht so risikoreich oder ungeheuer abenteuerlich, wie die meisten meiner Freunde oft denken. Es ist einfach ein bisschen spannender, als zu Hause zu sitzen und da ich das sowieso die meiste Zeit mache, ist so ein Springen und Eintauchen in neue Kapitel doch ganz nett.
Also sitze ich nun im Zug auf dem Weg nach Norditalien, um dort ein Wochenende zu verbringen mit Menschen, die ich nicht kenne.

Bekannte, die ihre Heimatstadt nicht verlassen haben, sagen mir immer, dass das alles so aufregend sei, was ich erlebe.
Nun ja, dass ich die meiste Zeit meiner tollen Erlebnisse und Erfahrungen zu Hause vor meinem Laptop sitze, recherchiere, erstelle, schreibe und gähne, das wird wohl ausgeblendet. Aber sollen doch alle denken, ich sei kosmopolitische Nomadin, die sich die Freiheit nimmt, nur das zu machen, was ihr Spaß macht!

Es gibt kein Patentrezept für ein spannendes Leben. Mutter zu werden beispielsweise, ist wohl eines der spannendsten Erlebnisse. Genauso aufwühlend, neugierig und lebenswert ist es sicherlich, eine Weltreise zu machen. Einen Heiratsantrag zu bekommen in einem lichtdurchfluteten Feld voll wilder Blumen mitten im Spätsommer. Einen Beruf zu haben, von dem man sicher weiß, dass er der Menschheit in irgendeiner Form etwas bringt. Mit einem Talent gesegnet zu sein, das so unausweichlich ins Auge sticht, dass jeder dich darin bestärkt.
Mit 80 Jahren auf einer Parkbank zu sitzen und die Berührung einer vertrauten Hand auf deiner zu spüren.
Such dir was aus. Oder nimm dir alles, es hat nie jemand gesagt, dir würde nicht alles zustehen.

Keiner weiß, wie es laufen wird. Nur die, die alt genug sind, um zurückzuschauen, wissen, wie es war. Fangen an, die „was wäre gewesen, wenn“-Fragen zu stellen, Dinge zu bereuen, Erlebnisse zu verdrängen. Aber manche sitzen auch einfach im alten Ohrensessel, rauchen Pfeife und beobachten ihre spielenden Enkel im Garten. Zu kitschig? Ach was.

Ich weiß nicht, ob ich jemals Enkel haben werde, ich habe ja noch nicht mal selbst Kinder. Vielleicht bin ich in einem Jahr Mutter, vielleicht nie. Ich weiß auch nicht, ob ich nicht irgendwann ganz woanders lande, als der Ort, an dem ich jetzt bin. Ich weiß nicht, ob ich jemals heiraten werde, genau so, wie ich es mir seit Jahren ausmale. Und ich weiß nicht, ob jemand in 50 Jahren noch meine Hand hält und mir über die Wange streicht.

Diese Fragen ans Leben verunsichern die einen so sehr, dass sie immer rastlos wirken, und die anderen bleiben wie in einer Art Schockstarre einfach auf dem Hosenboden sitzen und wundern sich Jahrzehnte später, warum auf einmal alles vorbei ist. Und irgendwie doch gar nichts war, was vorbei sein könnte.

Vor ein paar Minuten habe ich in einem Buch von Ildikó von Kürthy einen sehr intelligenten Satz gelesen, der besagt, Mittelwege zu finden sei entgegen ihres Rufes das Schwierigste und Mutigste, was es gibt. Denn wer maßlos ist, lässt sich gehen und neigt zu Extremen. Wer aber ganz genau weiß, wann ein Abenteuer ansteht, wann es genug ist, wann es besser ist, nein zu sagen und wann genau es spannend wird, ja zu sagen, derjenige steht – und zwar mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

Wo meine halbgare Zugphilosophie nun hingehen soll? Keine Ahnung. Nur weil ein Zug einen Endhaltepunkt hat, muss man es als Insasse ja nicht so genau nehmen. Was mir hilft, meine eigene Unsicherheit der Lebensreise ins hinterste Eck meines Bewusstseins zu verscheuchen, ist das Einhalten einiger Dinge und Erkenntnisse (nicht, dass ich das immer könnte, manche der Punkte existieren nur in meinem Kopf)

- Loslassen von Dingen, aus denen man herausgewachsen ist

- Sich selbst überraschen

- Verzeihen, egal wem und was

- In den Spiegel schauen und sich mögen, auch morgens, auch nachts

- Was riskieren, in welcher Form auch immer

- Dinge aufschreiben und damit festhalten, was bewegt

- Sich verlieben, dass einem die Luft wegbleibt

- Etwas ausprobieren, von dem jeder sagt, es sei zu schwierig (denn es klappt

meistens)

- Ziele setzen und trotzdem zulassen, sich zu verirren

Pläne helfen. Endstationen auch. Aber nichtsdestotrotz gibt es genügend Ein- und Ausstiege, wenn man erst mal unterwegs ist. Und das ist der Schlüssel: Sei überhaupt mal unterwegs.

Standard
kolumnen

Zeitreisen

10/06/2013

Wir wissen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Wir hören, dass früher alles besser war, glauben das aber nicht. Warum auch. Es geht uns doch blendend. Oder?

​An sich ist die Zeit schon so ein Geschenk. Sie ermöglicht es uns, zu strukturieren, sie erklärt uns, dass es an der Zeit ist, den Arbeitsplatz zu verlassen und den Feierabend zu genießen. Sie hilft uns, pünktlich zu sein und erlaubt es, unpünktliche Zeitgenossen verfluchen zu dürfen. Und auch wenn wir uns morgens lieber noch ein Mal im Bett verkrochen hätten, so ist es doch sie, die uns zwingt aufzustehen und den Tag zu beginnen.

Wenn wir sie anschauen, katapultiert sie uns sofort wieder in die Gegenwart zurück. Oder vorwärts, je nachdem, wo wir uns gedanklich gerade befanden.
Und das ist doch eigentlich das größtes Geschenk: Denn wem fällt es schon leicht, immer in der Gegenwart zu bleiben? Wer macht sich keine Gedanken über das Über-über-morgen oder steckt fest in der Vergangenheit von vor drei Jahren?Mit der Zeit ändert sich alles. Die Haarfarbe. Die feste Zahnspange weicht perfekten Zähnen. Das Herz bricht und wird wieder zusammengeflickt. Die Freunde. Die Lebensplanung. Meinungen. Eindrücke. Der ganze Mensch ändert sich. Und darf sich trotzdem dabei treu bleiben.

Mit der Zeit kann man aber auch an Vergangenem arbeiten, um genau dadurch in der Gegenwart leben zu können, und zwar glücklich und frei. Ich meine damit nicht, dass man abgeschlossene Dinge aufwärmen soll, sondern, dass man Ereignisse neu betrachten kann. Man steht nun weiter weg, kann das, was mal war, mit Abstand betrachten und steckt nicht mehr mitten drin und ohne Überblick. Man hat die Chance, nachvollziehen zu können, warum man selbst mal so war, so gehandelt hat oder von anderen Menschen so behandelt wurde. Man erkennt auf einmal, was dahintersteckt, kann es in die Hand nehmen, kann es drehen und wenden, von allen Seiten betrachten. Und das ist so ein befreiendes Gefühl: Sich nicht mehr bedroht oder eingeengt zu fühlen, sondern sich bedanken zu können bei der Zeit, nämlich dafür, dass sie so viel Gras über die Sache hat wachsen lassen, dass dieses Gras nun lediglich ein bisschen an den Fußsohlen kitzelt, erinnert, aufweckt, aber eben nicht mehr weh tut. Weil die Wunden längst geschlossen sind.

Und wenn sie es nicht sind, dann ist es immer irgendwann an der Zeit, sie zu schließen. Ich glaube wirklich, dass es nicht möglich ist, glücklich zu sein, wenn es Leichen im Keller gibt, die langsam auch mal wieder glücklich sein möchten, aber nicht können, weil wir ihnen keine Beachtung schenken. Weil wir das Vergangene entweder immer noch verfluchen oder nicht loslassen. Wir sagen immer, alles sei vergeben und vergessen, aber so lange es uns beschäftigt oder wir es mit negativen Gedanken behaften, ist nichts vorbei. Alles ist immer noch hier, sitzt direkt neben uns und schaut uns so lange an, bis wir endlich begreifen, dass wir es ziehen lassen können. Was gut ist, denn es ist überstanden, es ist bewältigt, egal wie. Denn wie und was und warum, das sind genau die Fragen, die der vorübergegangenen Zeit angehören. Die oftmals unergründlich sind, weil wir sie mit unserem kleinen Verstand nicht greifen können. Besser ist es.

Manchmal ist es einfach so, wie es ist. Und immer ist es einfach so, wie es war. Ohne wenn und aber. Allerdings alles mit Sinn. Das bringt uns wieder ins Gleichgewicht, die Zeit rückt es ins richtige Licht, der Spot der Gegenwart geht an und ist auf jeden einzelnen von uns gerichtet.
Was fängst du nun damit an, jetzt, wo du auf einmal im Licht stehst?

Mach Frieden mit allem, am meisten mit dir selbst. Und natürlich auch mit der Zeit. Es bringt nichts, Jahre später traurig darüber zu sein, dass manche Dinge nicht mehr so sind, wie sie waren. Oder dass man einfach keinen Einfluss auf ein zeitliches Fenster hatte. Es war halt so lange da, wie es da war, und dann war es weg. Und mit ihm die Menschen, Ereignisse und Situationen, die darin Platz genommen hatten.

Mach also Frieden mit der Zeit. Wenn du nicht gegen sie arbeitest, dann arbeitet sie für dich. Und mit dir. Und zeigt dir, dass sie am Ende des Tages viel mehr für dich getan hat. Und dir mehr geschenkt hat als weggenommen.

Meine Lieblingszeit ist die Zeit der Vorfreude. Der Moment, in dem du denkst, du würdest das Warten nicht aushalten, als würde die Nacht oder der Tag oder die Woche nicht vorbeiziehen wollen. Das Herz pocht bis in den Hals und jeder kann es dir ansehen, gleichzeitig ist der ganze Körper angespannt und wenn du könntest, dann würdest du dieses Gefühl in ein kleines Gläschen packen, zuschrauben und genau dann öffnen, wenn das erhoffte Ereignis schon Jahre vorbei ist. Und am Ganzen die Vorfreude mit Abstand am Schönsten war. Deswegen ist sie auch so lange geblieben, weil die Zeit schon wusste, was sie macht. Sie macht ihren Job ganz gut.
Auch wenn es manchmal Jahre braucht, dass man es erkennt und es sich eingesteht. Und sich bei ihr entschuldigt.

Standard