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Die unerträgliche Unverbindlichkeit des Seins

Gerade sprießen überall Artikel aus dem Boden, in denen es darum geht, dass unsere Gesellschaft immer unverbindlicher wird. Die medienaffinen Youngsters haben sich schon lange in iPhone und Co. verliebt und nutzen vor allem Hilfsmittel wie WhatsApp, um… ja, um was vor allem? Meine Meinung, ganz ehrlich: um abzusagen. Immer und immer wieder.

Ich liebe WhatsApp und schließe mich nicht aus. Aber ich merke in letzter Zeit extrem, dass es einem damit so leicht gemacht wird, den inneren Schweinehund nicht zu überwinden. Da hat man für Sonntagnachmittag ausgemacht, mit der Freundin einen Kaffee trinken zu gehen. Man blickt eine Stunde vor dem Treffen hinaus und sieht dicke Gewitterwolken. Kurze Zeit später ein unverkennbares „Piep“ – und die Absage steht schwarz auf farbigem Fotohintergrund. Yo. So oder so ähnlich passiert mir das immer öfter. Und ich bin nicht die einzige Leidensgenossin.

Mein Freund hatte mal für eine längere Zeit kein Handy, weil er es verloren und beschlossen hatte, sich kein Neues zu kaufen. Vorerst zumindest. Das Resultat? Ein auf einmal wieder klingelndes Festnetz (auch ich vergesse ständig, dass ich so ein Gerät besitze), durch das Freunde sich vergewissern wollten, ob er noch zu Hause sei, damit sie das ausgemachte Treffen absagen oder verschieben konnten. Nur leider hatte er sich da schon meist auf den Weg gemacht, sprich, man wurde gezwungen, die Verabredung einzuhalten. Er schwärmt heute noch von der Zeit, ein regelrechter Luxus, dass sich die Welt auf einmal so schwindelnd um ihn drehte. Seine Freunde fluchen bis heute darüber.

Warum eigentlich? Nur, weil die Faulheit einen Klick entfernt ist, neigen wir auf einmal dazu, unsere Freunde ständig zu versetzen oder gar ganz zu vernachlässigen? Heißt das, dass wir früher auf mindestens die Hälfte aller Treffen gar keinen Bock hatten, es aber nicht weiter aufgefallen ist, weil man nicht kurzfristig nein sagen konnte? Finde ich irgendwie deprimierend. Wenn ich überlege, in welchen WhatsApp-Gruppen ich schon steckte und wie da manchmal über zwanzig Nachrichten hinweg ausgemacht wurde, wo man sich wann am besten treffen könne, lasse ich mich nun einfach vom Stuhl gleiten und schlafe eine Runde auf dem Boden.

Das Problem ist, dass wir alle voneinander wissen, wie oft wir auf unser Display starren. Man kann kaum jemanden vormachen, man hätte den ganzen Tag sein Handy nicht in der Hand gehabt und daher eine Nachricht übersehen. Und aus diesem Grund verlässt sich jeder darauf, kurz noch ein Beautyprogramm am Abend einzuschieben oder jemanden auf den nächsten Tag zu vertrösten, denn man hat ja abgesagt.

Bildquelle Mike Licht (cc by sa 2.0, flickr)

Bildquelle Mike Licht (cc by sa 2.0, flickr)

 

Am liebsten würde ich es wirklich mal durchziehen, zu jedem verabredeten Zeitpunkt an dem besagten Treffpunkt zu erscheinen. Denn Menschen immer und immer wieder zu versetzen, ist eine Sache, die mich tierisch wütend macht, aber jemanden vor Ort alleine stehen zu lassen, eine ganz andere. Könnte spannend werden.

Es ist nicht so, dass ich mich für ein Unschuldslamm halte. Auch ich bin big in love mit meiner digitalen Welt. Und ich habe sicherlich auch schon aus Faulheit oder schlechter Planung jemanden versetzt. Dennoch achte ich im Allgemeinen darauf, ob ich zu- oder absage. Denn, darf ich vorstellen: der Terminkalender. Steht nichts drin, kann ich zusagen. Steht was drin, kann ich absagen. Aber dieses „ich muss mal schauen“ ist pure Ausrede. Mal schauen, ob ich an dem Tag in der Stimmung bin oder nicht doch der schöne Prinz mit seinem Gaul vorbeireitet, das wäre natürlich die viel bessere Option für einen Sonntagnachmittag.

Ich kann nicht mit Halbsachen. Ich will Hü oder Hott, aber nicht Hüott. Irgendwas dazwischen befriedigt mich nicht, außerdem bin ich zu ungeduldig, um darauf zu warten, ob mein Gegenüber fertig geschaut und gewartet hat. Ne, dafür ist das Leben zu kurz. Ich bin Fan von impulsiven Entscheidungen, das sind die Richtigen, weil eben spontan und frei heraus. Kein Komma, sondern Punkt. Keine Romane via SMS, sondern konkrete Aussagen. Kein „steht das mit heute Abend eigentlich noch“, wenn es erst vor ein paar Stunden ausgemacht wurde. Kein „mal schauen“, wenn man eigentlich nicht will. Wir sind alle erwachsen und verkraften nach etlichen Nicht-Anrufen von vermeintlichen Traummännern auch mal eine konkrete Absage der Freundin.

Und weil ich finde, dass Klarheit, Schnelligkeit und Struktur etwas ist, was man lernen kann, habe ich nach einem spontanen Bedürfnis, mir die Haare schneiden zu lassen, diesem Gedanken nachgegeben. Am Vormittag angedacht, abends Schnitte gegoogelt, am nächsten Tag zum Friseur gestapft.

„Wie möchten Sie es geschnitten haben?“ Dreimal dürft ihr raten, was ich gesagt habe, aber „schauen wir mal“ habe ich ganz sicher nicht geantwortet.

Punkt.

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Ich liebe „Was-wäre-wenn…?“-Spiele!

Leider.

Durch diese Neigung schwanke ich immer zwischen einer prognostizierten Weltuntergangsstimmung und einer klaren Struktur meiner zu erledigenden Aufgaben – Fluch und Segen.

Was wäre wenn? Das ist so eine Frage, über die Frauen ihre Alleinherrschaft beanspruchen. Ich kann mich an keinen Mann erinnern, der das mal mit weit aufgerissenen Augen und zusammenhangslosen, in sich verschluckenden Sätzen panisch gestottert hat. Frauen dafür umso mehr. Ich kann mich beispielsweise gut daran erinnern, wie die Mädchen aus meiner Schauspielschule jeden Abschlussabend in der Garderobe standen und mit Tränen in den Augen stammelten: „Was soll ich machen, wenn ich heute bei meinem Monolog nicht weinen kann? Gestern kam auch nur eine Träne!“ Hätte die Gute einfach mal ihre persönliche Panikattacke mit in die Rolle genommen, wäre sie wohlmöglich auf der Bühne zusammengebrochen und danach in den Spielhimmel gelobt worden. Aber ich konnte mich da selbst nicht ausschließen, ich hatte die gleichen dämlichen Gedanken. Während die Jungs in stoischer Buddha-Ruhe mit dem iPod in ihren Ohren im Eck saßen, waren meine Hände schweißnass und ich kauerte vor und zurück schaukelnd auf meinem Stuhl.

Meinen Freund nerve ich mit „Was wäre wenn“-Spielchen auch bis zum Verderben, aber er hat mittlerweile unglaublich gut gelernt, wie er mit diesen sinnlosen Gedankenspielen umzugehen hat, um mir die Angst zu nehmen und aber auch gleichzeitig die Lust daran. Wie das geht? Er beantwortet mir meine Fragen, und zwar so detailliert und nachvollziehbar, dass mir schnell die Muse wegrennt, die meine Panik noch kurz vorher gefüttert hat. Ach man.

Die Vorzüge meiner Spinnereien zeigen sich definitiv in meiner Produktivität und Struktur. Was wäre, wenn Ende der Woche alles ein bisschen knapp wird mit zwei Drehtagen, dem Flug am Abend und den zwei Deadlines am Mittwoch? Was ist, wenn ich das nicht schaffe? Lieber mal schnell einen Plan machen, das Kuchen backen verschieben und am Samstag brav alles abarbeiten, was es vorzuarbeiten gibt. Denn ich liebe es, to-do-Listen abzuhacken. Je mehr geschafft ist, desto freier ist mein Kopf, um emotional wieder verrückt spielen zu können. Das ist wie Fenster und Türen öffnen, damit die Inspiration hineinfluten kann. Mit einer vollen to-do-Liste klopft sie nur vorsichtig, aber dreht sich lieber um und geht, verständlicherweise.

Wenn ich ab nächstem Mittwoch dann unter Langeweile leide, weil ich alles schon früher geschafft habe, dann bin ich erstens stolz und zweitens sowieso kaputt und kann daher alles machen, was ich liebe:

Am Morgen mit frischem Kaffee „The Mindy Project“ im Bett gucken.

Inspirierende Fotos suchen auf tumblr.

Packen, und zwar über Stunden hinweg, denn es kommen nur Lieblingssommerkleidchen und Bikinis ins Köfferchen. Dann wieder auspacken, weil zu viel. Dann aber wieder einpacken. Was wäre, wenn die Auswahl zu gering ist und ich etwas zwei Mal anziehen müsste? Fataler Fehler.

Und so kommt es, dass ich gestern die Recherchearbeit für die gesammelten Kolumnen meines ersten Buches abgeschlossen habe und sie ins Lektorat schicken konnte. Harr Harr. Und einen – wie ich finde – wunderbar passenden Titel dazu ausgesucht zu habe. Es macht so viel Spaß, vor dem Urlaub alles abgeschlossen zu haben. Und sich zu langweilen, weil alles getan ist.

An meiner emotionalen Panik muss ich allerdings noch etwas arbeiten. Etwas ist in diesem Bezug ein unnötiges Füllwort. Als ich diese Woche mit Freundinnen in einer Bar saß und ihnen davon erzählte, dass Urlaub und Drehtage eventuell kollidieren könnten, Ewigkeiten mein Problem ausführte und danach bereit war für Lösungsvorschläge ihrerseits, schauten mich alle drei nur an und meinten – auch hier wieder mit stoischer Ruhe: Na dann buch doch den Flug einfach um. Ist ja nicht der Rede wert, wenn du das mal durchrechnest. Außerdem passt es ja zu dir, so ne Tohuwabohu-Aktion. Fliegst du halt um sechs Uhr morgens nach, mei, kannst du gleich wieder was drüber schreiben. Haha.

Aha. War im ersten Moment richtig beschämt, dass ich da selbst nicht draufgekommen war. Hatte mich eventuell zu sehr in meinen Was-wäre-wenn-Fragen verstrickt. In einer Angelegenheit lasse ich mir meine Theorien jedoch nicht nehmen. Beim Träumen.

Was wäre, wenn du morgen die Prüfung bestehst und zwar so gut wie du dich nicht gewagt hast zu träumen?

Was wäre, wenn deine Green-Card-Antrag genehmigt wird und du auf einmal wirklich anfangen kannst, Pläne zu schmieden?

Was wäre, wenn du dich morgen in einen Surfer mit Wuschelhaaren verliebst und er dir ein Flugticket nach Kauaʻi zusteckt?

Was wäre, wenn du hier und jetzt glücklich bist?

Dann wärst du glücklich. Ab jetzt.

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Zeitreisen

10/06/2013

Wir wissen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Wir hören, dass früher alles besser war, glauben das aber nicht. Warum auch. Es geht uns doch blendend. Oder?

​An sich ist die Zeit schon so ein Geschenk. Sie ermöglicht es uns, zu strukturieren, sie erklärt uns, dass es an der Zeit ist, den Arbeitsplatz zu verlassen und den Feierabend zu genießen. Sie hilft uns, pünktlich zu sein und erlaubt es, unpünktliche Zeitgenossen verfluchen zu dürfen. Und auch wenn wir uns morgens lieber noch ein Mal im Bett verkrochen hätten, so ist es doch sie, die uns zwingt aufzustehen und den Tag zu beginnen.

Wenn wir sie anschauen, katapultiert sie uns sofort wieder in die Gegenwart zurück. Oder vorwärts, je nachdem, wo wir uns gedanklich gerade befanden.
Und das ist doch eigentlich das größtes Geschenk: Denn wem fällt es schon leicht, immer in der Gegenwart zu bleiben? Wer macht sich keine Gedanken über das Über-über-morgen oder steckt fest in der Vergangenheit von vor drei Jahren?Mit der Zeit ändert sich alles. Die Haarfarbe. Die feste Zahnspange weicht perfekten Zähnen. Das Herz bricht und wird wieder zusammengeflickt. Die Freunde. Die Lebensplanung. Meinungen. Eindrücke. Der ganze Mensch ändert sich. Und darf sich trotzdem dabei treu bleiben.

Mit der Zeit kann man aber auch an Vergangenem arbeiten, um genau dadurch in der Gegenwart leben zu können, und zwar glücklich und frei. Ich meine damit nicht, dass man abgeschlossene Dinge aufwärmen soll, sondern, dass man Ereignisse neu betrachten kann. Man steht nun weiter weg, kann das, was mal war, mit Abstand betrachten und steckt nicht mehr mitten drin und ohne Überblick. Man hat die Chance, nachvollziehen zu können, warum man selbst mal so war, so gehandelt hat oder von anderen Menschen so behandelt wurde. Man erkennt auf einmal, was dahintersteckt, kann es in die Hand nehmen, kann es drehen und wenden, von allen Seiten betrachten. Und das ist so ein befreiendes Gefühl: Sich nicht mehr bedroht oder eingeengt zu fühlen, sondern sich bedanken zu können bei der Zeit, nämlich dafür, dass sie so viel Gras über die Sache hat wachsen lassen, dass dieses Gras nun lediglich ein bisschen an den Fußsohlen kitzelt, erinnert, aufweckt, aber eben nicht mehr weh tut. Weil die Wunden längst geschlossen sind.

Und wenn sie es nicht sind, dann ist es immer irgendwann an der Zeit, sie zu schließen. Ich glaube wirklich, dass es nicht möglich ist, glücklich zu sein, wenn es Leichen im Keller gibt, die langsam auch mal wieder glücklich sein möchten, aber nicht können, weil wir ihnen keine Beachtung schenken. Weil wir das Vergangene entweder immer noch verfluchen oder nicht loslassen. Wir sagen immer, alles sei vergeben und vergessen, aber so lange es uns beschäftigt oder wir es mit negativen Gedanken behaften, ist nichts vorbei. Alles ist immer noch hier, sitzt direkt neben uns und schaut uns so lange an, bis wir endlich begreifen, dass wir es ziehen lassen können. Was gut ist, denn es ist überstanden, es ist bewältigt, egal wie. Denn wie und was und warum, das sind genau die Fragen, die der vorübergegangenen Zeit angehören. Die oftmals unergründlich sind, weil wir sie mit unserem kleinen Verstand nicht greifen können. Besser ist es.

Manchmal ist es einfach so, wie es ist. Und immer ist es einfach so, wie es war. Ohne wenn und aber. Allerdings alles mit Sinn. Das bringt uns wieder ins Gleichgewicht, die Zeit rückt es ins richtige Licht, der Spot der Gegenwart geht an und ist auf jeden einzelnen von uns gerichtet.
Was fängst du nun damit an, jetzt, wo du auf einmal im Licht stehst?

Mach Frieden mit allem, am meisten mit dir selbst. Und natürlich auch mit der Zeit. Es bringt nichts, Jahre später traurig darüber zu sein, dass manche Dinge nicht mehr so sind, wie sie waren. Oder dass man einfach keinen Einfluss auf ein zeitliches Fenster hatte. Es war halt so lange da, wie es da war, und dann war es weg. Und mit ihm die Menschen, Ereignisse und Situationen, die darin Platz genommen hatten.

Mach also Frieden mit der Zeit. Wenn du nicht gegen sie arbeitest, dann arbeitet sie für dich. Und mit dir. Und zeigt dir, dass sie am Ende des Tages viel mehr für dich getan hat. Und dir mehr geschenkt hat als weggenommen.

Meine Lieblingszeit ist die Zeit der Vorfreude. Der Moment, in dem du denkst, du würdest das Warten nicht aushalten, als würde die Nacht oder der Tag oder die Woche nicht vorbeiziehen wollen. Das Herz pocht bis in den Hals und jeder kann es dir ansehen, gleichzeitig ist der ganze Körper angespannt und wenn du könntest, dann würdest du dieses Gefühl in ein kleines Gläschen packen, zuschrauben und genau dann öffnen, wenn das erhoffte Ereignis schon Jahre vorbei ist. Und am Ganzen die Vorfreude mit Abstand am Schönsten war. Deswegen ist sie auch so lange geblieben, weil die Zeit schon wusste, was sie macht. Sie macht ihren Job ganz gut.
Auch wenn es manchmal Jahre braucht, dass man es erkennt und es sich eingesteht. Und sich bei ihr entschuldigt.

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Me and the Grantler

Was du nicht willst, das man dir tut – das füge auch keinem anderen zu. Alter Spruch, meist unpassend, wenn man ihn beispielsweise in einer neuklugen Eunuchen-Stimme ins eigene Ohr gehämmert, äh, geträllert bekommt, aber prinzipiell richtig.

Aber wenn man sich nun auch mal überlegt, einen Tag lange nach dieser Steinzeitoma-Weisheit zu leben, wird es schwieriger, als man eventuell dachte. Es fängt dabei an, sich morgens in der Schlange beim Coffee-Shop nicht vorzudrängeln – und wenn man es noch so eilig hat (die anderen haben es mindestens genauso eilig). In einer Team-Besprechung mit dem Chef wird eine zurückliegende Arbeit besprochen. Manche Fehler gehen auf das eigene Konto, manche auf das Konto von Kollegen – wer traut sich, immer seine Fehler einzugestehen und versucht nicht manchmal, Unsicherheiten von sich wegzuschieben? Ausreden zu erfinden, um besser dazustehen und ein falsches Bild zu vermitteln?

Weiter geht’s bei den Freunden: Man hat einen Geburtstag verschwitzt und möchte der Peinlichkeit eigentlich entgehen: Welche Option wählt man? Anrufen und wirklich ehrlich sein? Anrufen und übergangslos in die Verteidigungshaltung übergehen? Oder den wichtigen Tag einfach komplett ignorieren, bis es irgendwann wirklich zu spät ist, das Thema aufzugreifen?

Die Liste ist, wenn wir mal ehrlich sind, a never ending story: Oma schon wieder nicht angerufen, obwohl man Mama doch versprochen hat, sich endlich regelmäßig zu melden? Jemanden aus der Not heraus mal schnell angelogen, weil man sich nicht die Mühe macht, so weit zu denken, bis einem Lösungen einfallen, die abseits dessen liegen? Abends nach Hause kommen und den Partner anschnauzen, weil er halt nun mal da ist und man schon so lange den Frust an ihm auslässt? Wen soll man denn sonst anschreien, hm?

Schade. Ich versuche gerade, so einen Tag mal zu leben: ein Tag, an dem ich jeden so behandle, wie ich in der spezifischen Situation selbst behandelt werden möchte. Natürlich heißt das nicht, dass es dann so richtig ist - die allgegenwärtige Lösung - aber es zeugt von Respekt und einer großen Rücksichtnahme bezüglich seiner Mitmenschen. Gekommen ist mir der Gedanke, als ich selbst – für meine eigenen Maßstäbe – richtig blöd behandelt wurde. Von einer Person, die mir nicht mal nahe genug steht, um sich das anmaßen zu dürfen. Und dann auch noch auf so plakative Art und Weise, dass es leider bei mir ankam. Voll rein, erst mal schlucken, umdrehen, lächeln, gehen. Wozu auch die Debatte? Was bringt es mir? Einen Menschen, der seine eigenen Grenzen nicht kennt und vor allem mit sich selbst nicht zu recht kommt, den möchte ich weder ändern, noch mich groß mit ihm auseinandersetzen.

Wir sind gelangweilt, meist von uns selbst, unzufrieden, meist mit uns selbst. Wo kann man das mal kurz abladen, denn alleine mit sich herum zu tragen oder sich gar zu ändern, ist ja auf Dauer so unglaublich schwer, ach, schier unmöglich. Also, wo? Natürlich. Bei genau dem, der das hat, was man selbst nicht hat. Der Depp spiegelt einem, wie schön es sein könnte, wenn, wenn, wenn… Die Geburtsstunde des bayerischen Grantlers!

Wie auch immer. Ein bisschen aufregen (irgendwann gar nicht mehr) und dann ein bisschen drüber stehen. Und seine Konsequenzen ziehen. Sprich: Leuten aus dem Weg gehen, die nicht mehr auslösen können, als einen Shitstorm, und andere Menschen da treffen wollen, wo es weh tut. Nämlich da, wo es ihnen selbst weh tut. Denn hinschauen mag keiner. Die eigenen Wunden stopfen? Anstrengend hoch tausend, dann lieber mal in den Wunden von anderen bohren. Damit die auch ganz schnell ganz unglücklich sind und man wieder auf gleicher Schaukelebene verweilt.

Wie kommt man da raus? Indem man ein Fan von sich selbst wird. Indem man zu sich steht, auch wenn man den gleichen Fehler zum x-ten Mal gemacht hat. Indem man über sich lachen kann, wenn man wieder der einzige Mensch in der Runde ist, der den Witz nicht versteht. Und aber am lautesten lacht. Wenn man Seitenhiebe nicht ernst nimmt, dann haben Grantler keine Angriffsfläche. Klingt schwierig, ist auch so. Zumindest am Anfang.

Ich für meinen Teil fand es erst verletzend, dann schade und nun außerordentlich wichtig, diese Erfahrung mit Mr. Grantler No. 1 gemacht zu haben. Wir können uns zwar weiterhin nur bedingt aus dem Weg gehen, aber wenigstens hat er mir meine eigene Schwäche genommen: Dass ich immer nett war, obwohl ich gar keine Lust hatte. Dass ich mich unterhalten habe, nachgefragt habe, obwohl nicht einmal eine Gegenfrage zurückkam. Dass ich unweigerlich das Schiff in den Hafen bringen wollte, obwohl es schon von Anfang an ein viel zu großes Leck hatte. Ich habe mich also verstellt, habe zu einer meiner vielen Masken gegriffen und ein falsches, jedoch gut gespieltes Lächeln aufgesetzt: wozu? Ja, wozu eigentlich? Um den lieben Friedens willen. Muss ich das? Nö. Ich muss nicht jeden mögen.

In diesem Sinne: Danke, Herr Grantler, dass ich mich nicht mehr verstelle, dass ich dich nun getrost ignorieren kann und vielleicht damit etwas bei dir bewirke. Bei mir tut sich so einiges gerade. Angefangen damit, dass ich dich ehrlich behandle. Und damit das tue, was du dir selbst so gar nicht geben kannst. Zum Beispiel und nur mal angenommen… ein einziges Mal in den Spiegel zu schauen und dir zu sagen, ja verdammt, ich bin echt nicht so cool, wie ich immer tue. Zefix.

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