Frisch gebrühter Kaffee in einem "la dolce vita"-Glas - was will man am Morgen mehr?
#KaffeesätzeTexte

[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeekränzchen mit Sojamilch und Schoki. Deswegen gibt es ab jetzt unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]

 

Frisch eingezogen wirkt das laut Gina improvisierte Wohnzimmer für mich urgemütlich!
Frisch eingezogen wirkt das laut Gina improvisierte Wohnzimmer auf mich urgemütlich!

 

Gina erzählt:

Liebe Ani, kennst du eigentlich die RTL-Serie „Unsere erste gemeinsame Wohnung“? Die haben sie irgendwo ins Vormittagsprogramm geschoben, weil sie keiner ansieht, und ich auch erst vor ein paar Wochen das erste Mal, zu Recherchezwecken sozusagen. Denn mein Freund und ich haben entschlossen, den Schritt zu wagen, von der Fernbeziehung gleich rein in die Pärchenbehausung. Jeder packte seine sieben Sachen, wir machten vierzehn draus, und verteilten die dann schön adrett wieder in unserer neuen 60 Quadratmeterbehausung in der Kölner Südstadt. Wir teilen uns Bett und Küchentisch, und wenn wir uns mal in die Haare bekommen, dann können wir nicht mehr in den eigenen vier Wänden wieder auf Normaltemperatur herunter kühlen. Nein, wir müssen, egal wie widerlich das klingt, einen Kompromiss schließen.

Wir sind jetzt nämlich so ein Pärchen. Wir reden über den besten Stromtarif und ob das jetzt ökonomischer ist einmal die Woche groß einzukaufen oder jeden Tag ein bisschen, und streiten uns im Ikea ob denn jetzt der 40 Euro Weidenwäschekorb oder das 3,95 Plastikprovisorium mit nach Hause kommt. Ich muss damit klarkommen, dass ein hochmoderner PC-Tower in meinen flohmarktdekorierten Vintagetraum eines Wohnzimmers einzieht. „Storm Trooper“ nenne ich ihn mittlerweile mehr oder weniger liebevoll, erstens weil er aussieht wie einer dieser Star Wars Krieger und zweitens, weil er für mich definitiv die dunkle Seite der Macht darstellt. Dafür muss mein Freund damit leben, dass derzeit alle dekorativen Gegenstände, die ich einkaufe, türkis sind. Ha!

Aber jetzt mal ernsthaft: Ich frage mich, was das machen wird mit unserer Beziehung. 24 Stunden beieinander, miteinander, manchmal gegeneinander leben. Meistens kommen die Gedanken nachts, wenn er schläft, und ich die Haare zähle, die ihm wild und verstrubbelt vom Kopf abstehen. Denn trotz manchen Meinungsverschiedenheiten war unser mittlerweile 21-tägiges Zusammenleben vor allem eins: Erschreckend harmonisch. Und: Wo ich bisher das Alleinsein so sehr liebte, hab ich nun schon ein Loch im Bauch, wenn der Freund mal für ein Wochenende für die Arbeit weg ist. Ich balanciere auf dem Drahtseil irgendwo zwischen Ich und Wir, zwischen alten Gewohnheiten und neuen Routinen, Rücksichtnahme und Platzschaffen für sich und für den anderen.

Während ich hier so sitze, kommt er in die Küche, nur um mal nachzusehen, wie es so geht. Ich sage: „Ich schreibe grad über dich.“ Er fragt: „Eine Kolumne über das Zusammenleben mit einem Verrückten?“ Ja, so ungefähr.

 

Ani erzählt:

Frisch gebrühter Kaffee in einem "la dolce vita"-Glas - was will man am Morgen mehr?
Frisch gebrühter Kaffee in einem „la dolce vita“-Glas - was will man am Morgen mehr?

 

Liebe Gina, ich kann mich an diese Sendung sehr gut erinnern, weil ich sie früher regelmäßig geschaut und mir dabei meine Zukunft – genauso wie du – türkisfarben angestrichen habe. Den Mann, der das stillschweigend hinnehmen werden würde, gab es in meiner Fantasie obendrauf.

Zum Thema Zusammenziehen könnte ich einen ganzen Roman schreiben und ich möchte etwas ausholen. Als ich vor acht Jahren nach München gekommen bin, bin ich gemeinsam mit meinem damaligen Freund und meiner besten Freundin in eine Dreizimmerwohnung gezogen. Später stellte sich heraus, dass das nicht sehr klug gewesen war, denn erst war die Freundin weg und zwei Jahre später der Freund. Manch einer mag sich nun fragen, ob ich vielleicht doch unsympathischer bin, als ich bisher vielleicht gewirkt habe, aber es hat von allen Seiten grundsätzlich nicht gepasst. Die Freundin schlief gerne mal bis Mittags, während mein Freund um neun Uhr den Staubsauger anschmiss und die Beziehung scheiterte letztendlich, weil sie eben zum Scheitern verurteilt war.
Doch genau das leitet mich dazu über, warum ich einige Jahre später den Schritt erneut wagte, mit meinem Partner zusammenzuziehen – von der Ein-Zimmer-Partywohnung im allerschönsten und mit kleinen Alleen gesäumten Straßen im Kneipenviertel, rein in die letzte Querstraße vor Schwabing (das ist ein äußerst wichtiger Punkt) und dabei schnell wieder erwachsen werden auf 75 Quadratmeter Lieben, Zanken, inkl. Co-Working-Space:

Das Zusammenleben mit dem Freund, deiner doch eigentlich besseren Hälfte, ist gar nicht so kompliziert und schwierig und muss auch nicht monatelang überdacht werden. Die „was wäre, wenn“-Frage darf an dieser Stelle mit dem Biomüll zur Tür gebracht werden. Denn eine Sache wurde mir ganz bewusst: Ich kann mit ihm viel besser über einen dreckigen Boden streiten als mit meiner Freundin. Weil ich sowieso ständig an ihm herummeckere, da passt das doch wunderbar zusammen.

Ich finde die Eindrücke aus eurem blutjungen Zusammenleben wunderbar normal, allerdings glaube ich, dass du dich mit der dunklen Macht anfreunden musst, denn die wird anscheinend noch etwas länger bleiben. Ansonsten gibt es immer die Möglichkeit, dass Dinge auf ganz merkwürdige Weise verschwinden. Nach dem Socken-in-der-Waschmaschine-Prinzip. Und eben alles, was frau nicht beliebt.

 

anidenkt
#KaffeesätzeTexte

[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeekränzchen mit Sojamilch und Schoki. Deswegen gibt es ab jetzt unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]

 

Ani erzählt:

 

anidenkt
Leider bin ich gerade nicht an diesem Ort, aber ich war mal da und die rechte Kaffeetasse war meine. Alicante Hafen, Spanien.

 

Ich habe ein paar wirklich harte Wochen hinter mir, um ehrlich zu sein. Aber derzeit dreht sich das Blatt gewaltig und allein daran merke ich, wie der Phönix in mir aus der Asche steigt. Um es mal anhand der letzten Woche zu verdeutlichen:
Ich bin durch ein absolutes Bauchgefühl und so kostengünstig an Rosie, mein neuestes Herzstück gekommen, dass ich nur noch vor mich hin schmunzeln kann. Außerdem hat der Postbote mit neuen Nikes geklingelt – die Sneakers, die ich seit einem halben Jahr suche und nicht mal in New York finden sollte.

Ich habe auf einmal wieder Inspiration für 10, nach einer Durststrecke, die nicht mal genügend Stoff für eine Person liefern konnte. Ich habe eine wunderschöne E-Mail eines Lesers bekommen, die meine Zweifel an meiner Arbeit im Keim erstickt. Und um dem Ganzen sein Krönchen aufzusetzen, hole ich in ein paar Tagen den Anderen am Flughafen hab, nach fünf Monaten, in denen er knapp 10.000 Kilometer weit weg war, während ich in der Zukunft lebte und in die Vergangenheit telefonierte.

Alles in allem eine tolle Bilanz für eine Woche, oder? Das Glück küsst mich nicht nur, es knutscht mich gerade nieder. All diese fabelhaften Umstände, Begegnungen und Geschenke katapultierten mich von einer Gefühlshölle in den rosaroten Himmel und auf einmal stehen da wieder frische Blumen auf dem Tisch und die Sonne scheint mir nicht nur am Morgen ins Gesicht, nein, sie durchflutet mich und ich bin glück.lich.

Das Glück, ja, keine Ahnung, was das eigentlich ist. Der Begriff ist so groß und wird so oft verwendet, so trivial manchmal, dass wir doch letztlich keine Ahnung mehr haben, was die wahre Glückseligkeit ausmacht. Oder? Spirituell betrachtet ist man nur glücklich, wenn man sich von den Umständen befreit und aus freien Stücken beschließen kann, glücklich zu sein. Daran glaube ich zu 100 Prozent, leider hapert es an der Umsetzung.
Ich finde, es ist gefährlich, sein Glück nur von anderen und anderem abhängig zu machen und ich sehe tagtäglich Menschen, die das tun und am Ende immer fallen. Das ist etwas, was ich selbst kenne, aber einfach nicht mehr möchte.

Ein kluger Mensch hat mal gesagt: Willst du glücklich sein, dann sei es.

Es klingt so simpel und so schön, dass wir uns selbst doch eigentlich verpflichtet sind, es zumindest ununterbrochen zu versuchen. There’s no harm in trying, eh?

 

Gina erzählt:

Neue Wohnung, neue Küche: Kaffee und Oreos bei Gina.

 

Es geht mir gut, sagt er, aber ich weiß, dass es nicht stimmt. Glück, das sei doch so ein großer Begriff, und überhaupt, der Alltag lässt wenig Zeit für weltumarmendes Himmerhochjauchzen. Wenn der Himmel grau ist, und die Straßen auch, und man nicht weiß, wo einem der Kopf steht vor lauter Stress, dann scheint das nicht die Zeit zu sein und vielleicht auch nicht der Ort. Er sagt: Morgen, morgen. Er tut mir leid.

Glück, dieser ominöse Punkt in der Zukunft, an den man irgendwann sicherlich kommen wird, wenn man endlich dieses erreicht hat oder sich jener Wunsch erfüllt. Glück als das große Ziel im Leben, dem fast jeder Mensch nachjagt, und das doch die wenigsten finden. Auch ich will glücklich sein, na klar, ist ja auch schön, wenn die Beziehung stimmt und die Finanzen, man Reisen kann und liebe Menschen um sich gescharrt hat. Oder was sonst macht das Glück aus?

Und doch ist es ja häufig wie du sagst, liebe Ani, manche Menschen haben augenscheinlich alles und finden einfach keine Zufriedenheit darin. Auch ich bin früher so oft verloren gegangen zwischen Alltagsstress und Zukunftsbauchschmerzen, die mir das doch eigentlich sehr angenehme Präsenz verleideten. Ich wandelte durch eine der schönsten Städte der Welt, und war irgendwann fast blind für die romantischen Gässchen und das Meer, weil ich so in meiner Gedankenwelt versunken war. Es stimmt also wirklich, das Finden von Glück, das ist überhaupt nicht abhängig von äußeren Faktoren, zumindest so lange man weiß wo man nachts schläft und wo die nächste Mahlzeit herkommt.

„Yesterday is history, tomorrow is a mystery“ - wo wir schon einmal beim Spirituellen sind. Das ist doch die Quintessenz von Eckhardt Tolles Buch „The Power of Now“. Lebe im Hier und Jetzt. Das Glück, die Summe von all den kleinen bewusst gesammelten Momenten, das kommt dann von ganz allein. Also, hoffentlich.

Ich übe grade noch.

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Gina beim Schreiben ihrer Hausarbeit - Schreibblockade nicht erlaubt, schnurrender Kater und Kaffee schon.
#KaffeesätzeTexte

[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeekränzchen mit Sojamilch und Schoki. Deswegen gibt es ab jetzt unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]

Gina erzählt:

Gina beim Schreiben ihrer Hausarbeit - Schreibblockade nicht erlaubt, schnurrender Kater und Kaffee schon.
Gina beim Schreiben ihrer Hausarbeit - Schreibblockade nicht erlaubt, schnurrender Kater und Kaffee schon.

Ich krame im Kopf nach Gedanken, die ich verwerfe in dem Moment, in dem sie sich an die Oberfläche meines Bewusstseins kaempfen. Jeder getippte Satz wird noch in der selben Sekunde durch energisches Drücken auf die Löschen-Taste wieder zurückgenommen. Und eigentlich bin ich einfach nur müde und träume mich im fahlen Scheine meines Computerbildschirms an weit entfernte Orte. Es ist (wieder mal) soweit: Ich habe eine Schreibblockade.

Manchmal fragen mich Menschen, wie ich auf die Ideen komme, für Artikel oder Blogposts oder Geschichten. Ich weiss nicht, ob es dir da ähnlich geht, liebe Ani, aber ich muss dann oft schmunzeln. Spannende, beschreibenswerte Dinge lauern doch selbst im Alltag hinter jeder Ecke, denke ich, da muss man ja eher Filtern, als sie mühsam zu suchen. Und mit einer guten Idee ist dann an guten Tagen der Rest auch ganz einfach: Die Finger fliegen über die Tasten und es entsteht etwas Lesenswertes, nach dessen Fertigstellung man dasitzt mit so einem glücklichen, leicht debilen Ausdruck auf dem Gesicht, ähnlich als wäre man frisch verknallt.

Derzeit nützt das aber alles nichts: Ich habe eine Krise. Grobe Themenumrisse wollen einfach nicht zur konkreten Umsetzung kommen. Keine der hastig in mein Notizbuch gekritzelten Ideen inspiriert. Und wie ich jetzt schon seit Tagen dasitze und der Muse nachjage, da mache ich mir plötzlich Sorgen. Weil ich merke, wie abhängig man als Kreativer doch ist, von den Launen der Inspiration - und wenn sie morgen ganz weg wäre, dann könnte ich nichts tun.

Statt kreativ sein also lieber „kreativ sein“ googeln. Da gibt es tolle Tipps, etwa, man solle die Schreibsession stets mit einem angefangen Satz beenden, damit man am nächsten Tag leichter wieder in den Text findet. Andere sagen, bloß nichts erzwingen, wer die Muse jagt, der kriegt sie nicht. Das nützt allerdings herzlich wenig, wenn in der Ferne schon die Deadlines winken.

Stattdessen versuche ich es jetzt mit der Haudraufmethode - einfach weiterschreiben, auch wenn’s erstmal nicht behagt. Es entsteht: Ein durch Schreibblockade motivierter Text über Schreibblockaden. Das trifft tatsächlich schon wieder meinen Geschmack.

Ani erzählt:

Bei mir zuhause, mit kolumbianischem Kaffee und bester Schokolade.

„Wenn jeder andere Mensch einer zu viel ist.“
Ein Satz aus dem Roman „Jeder Tag, jede Stunde“, den ich gerade lese und mich währenddessen frage, warum nicht mir diese Worte einfallen konnten. Jetzt kann ich mich nur von ihnen inspirieren lassen, aber nicht behaupten, sie seien meiner kreativen Ader entsprungen.
Ach, verdammt.

Ja, Schreibblockaden: Inspirationslöcher, schwarze.
Es ist nicht die Frage, ob jemand diesen Zustand kennt, sondern eher, wann jemand diesen Zustand nicht kennt.

Natürlich gibt es Zeiten, da flitzen meine beiden Zeigefinger über die Tastatur und ich komme kaum hinterher, meine Gedanken in den Bildschirm hinein zu brennen. Und erst kürzlich lag ich nachts eine geschlagene Stunde wach und schrieb in Gedanken einen Artikel nieder. Ich stand nur deswegen nicht auf und hielt ihn wirklich fest, weil ich bei solch nächtlichen Überfällen weiß, dass das meiste am nächsten Tag noch da ist.
Aber, um ehrlich zu sein, ist es natürlich nicht die Regel, sondern im Schreiber-Dasein eher die Ausnahme.

In Kolumbien hatte ich mir vorgenommen, fieberhaft an meinem Roman zu arbeiten. Ich stellte mir vor, am Strand zu sitzen und voller nicht enden wollender Inspiration zu schreiben, zu schreiben, zu schreiben… nichts ging. Zwei Kapitel habe ich in zwei Monaten geschrieben, das war’s. Woran es lag? Ja, woran liegt es eigentlich, wenn sich die Muse hinter jeder Ecke versteckt? Vielleicht stehen einfach andere Dinge an, vielleicht hat etwas Vorrang, vielleicht… ich habe keine Ahnung, Gina.

Das Zauberwort, wenn man nicht auf die launische Muse warten kann, weil die Deadline an der Tür klopft, ist meiner Erfahrung nach: Struktur.
Klingt furchtbar, ist man aber durch, fühlt es sich an wie ein Segen. Im Konkreten heißt das – und ich steuere gleich mal eine halbgare Lebensweisheit hinterher – sich an der Ordnung entlanghangeln, bis man sich im Chaos der Inspiration wieder verlieren kann. Und darf. Doch bis dahin heißt es, Sätze, Gedanken, Kapitel strukturieren, Inhalte niederschreiben, alles ganz faktisch und ohne Schnörkel auf’s Blatt bringen. Einen äußeren Rahmen schaffen, damit der Innere entstehen kann.

Klingt wie im wahren Leben, oder? Deswegen haben to-do-Listen auch wirklich einen Platz in meinem Herzen!

#KaffeesätzeTexte

Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeedates mit Süßkam. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze. Wenn eine von uns etwas beschäftigt und ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei genüßlich einen Kaffee.

Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mitreden. Diesmal: Fernbeziehung.

Kaffeesätze #2: Fernbeziehung

Gina erzählt:

Foto von Gina: Das typische Frühstück in Italien.

Ein gehauchter Kuss, ein letzter Blick, dann ertönt der „Aufgelegt“-Sound von Skype und weg ist er. Ich sitze noch ein Weilchen da, starre auf den Bildschirm und spüre das unangenehme Gefühl, das sich in der Magengegend breit macht und mir für ein paar Minuten die Luft nimmt. Ich weiß, wenn ich nur ganz still versuche dazusitzen, geht es gleich vorbei. Das tut es jedes Mal.

Man könnte denken, Fernbeziehungen seien das Epitom der Generation „Maybe“, die (wie so häufig von Journalisten beklagt) egoistisch eigene Ziele verfolgt und dabei aus lauter Angst sich zu früh auf irgendetwas festzulegen Zwischenmenschliches ganz weit hinten anstellt. Schließlich gehören das Auslandssemester oder Praktikum in Übersee auf den Lebenslauf - wie sonst soll der zukünftige Chef erkennen, dass man auch interkulturell so richtig was drauf hat und fünf Sprachen fließend spricht? Tatsächlich ist es aber oft das Reisen selbst, das uns antreibt und die Chance, vielleicht ein letztes Mal auszubrechen, bevor Alltags- und Jobroutinen uns für immer verschlucken. Und weil die Liebe zur Ferne bei vielen so groß ist, muss die andere Liebe dann eben vorübergehend einen Platz auf der Rückbank einnehmen.

Dass es weh tut, wenn der oder die Weitgereiste bei ellenlangen Skypesessions durchblicken lässt, dass die Aufregung des Neuen das Vermissen die meiste Zeit überschattet, steht außer Frage. Auch, dass Beziehungen kaputt gehen können an der räumlichen Trennung, weil der eine mit dem Kopf schon längst woanders ist oder irgendwann einfach die Worte fehlen.

Dennoch: „Wenn man etwas liebt, muss man es gehen lassen“ – oder wie heißt dieser kitschige Spruch noch gleich? Am Ende enthält er viel Wahres. Denn eine Fernbeziehung ist auch eine Chance auf Wachstum. Weil man merkt, was man aneinander hat. Weil man nochmal so richtig zum Reden kommt und schmutziges Geschirr auf der Spüle außerhalb des Alltags plötzlich keine Rolle mehr spielt. Das Loch im Bauch wird in Kauf genommen, weil man irgendwie weiß, dass es all das wert gewesen sein wird, wenn man nach Monaten wieder am Flughafen steht - mit glänzenden Augen und tausend kleinen und großen Geschichten im Gepäck.

Ani erzählt:

Raststätte. Irgendwo zwischen Berlin und Würzburg.

Ich sitze an einer Raststätte und frage mich, ob es einen Ort gibt, an dem man sich verlorener vorkommen kann. Bin irgendwo im Nirgendwo. Und das ehrlich gesagt nicht nur an diesem Ort.

Fernbeziehung, das ist ein Begriff, bei dem die meisten zusammenzucken. Ich selbst bin unfreiwilliger Wiederholungstäter, sprich zum zweiten Mal in einer. Es ist sicherlich mein Vergangenheits-Päckchen, zugeschnürt bis oben hin mit negativen Erfahrungen, welches es mir am Anfang der jetzigen räumlichen Trennung so schwer gemacht hat, das Ganze zu akzeptieren. Erneut.

Meinen Freund und mich trennen zehntausend Kilometer. Ja, wenn man sich die Zahl anschaut, fühlt es sich wirklich so an, als würde sie mit dem Knüppel ausholen und einen erschlagen. In dem Fall mich. Denn wenn ich mir masochistischer Weise ab und an vor Augen halte, dass wir uns auf verschiedenen Kontinenten in verschiedenen Zeitzonen befinden, zieht sich in meiner Brust – eventuell mein Herz – etwas ganz stark zusammen. Wenn ich den Gedanken allerdings nur ein bisschen loslassen kann und feststelle, dass er meist nur einen Klick weit entfernt ist, kann ich mich entspannen. Und dem Fortschritt der Technik meinen aufrichtigen Dank erweisen.

Es ist kein Spaß, das ist klar. Aber man kann etwas Schönes aus etwas anfangs Hässlichem zaubern. Beispielsweise, wenn man bereit ist, sich neu kennenzulernen. Die eigenen Grenzen erforschen und schauen, was geht, wenn man auf sich alleine gestellt ist. Ab und an mal wieder eine Entscheidung trifft nur für sich. Und wenn man am Ende feststellt, dass man es schafft, irgendwie eine Balance zu halten, irgendwie sein Plätzchen in diesem beschissenen Gefühlschaos zu finden, dann fühlt sich das an, als hätte man Goliath bezwungen anstatt ihm nur ans Bein zu pinkeln.

Und du hast Recht, liebe Gina, jemanden festzuhalten, jemanden an seinen Träumen zu hindern, ist schlichtweg falsch. Keine Liebe, irgendwas anderes.

Ich persönlich möchte an dieser Stelle sagen, weil ich erst gestern mit einem Bloggerkollegen darüber geredet habe, wie schwer es ist, sich selbst zu loben und Lob von außen anzunehmen: Ja, ich habe in den letzten Wochen einen verdammt guten Job gemacht.

 

#KaffeesätzeTexte

[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeekränzchen mit Sojamilch und Schoki. Deswegen gibt es ab jetzt unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]

1. Studium? Ausbildung? Arbeitslosigkeit.

Ani erzählt:

Ich habe nie studiert. Und manchmal erwische ich mich dabei, dass ich mich dafür schäme, denn in meiner Generation hat fast jeder zumindest mal irgendwann irgendwas studiert – vor allem mit einem soliden, bayerischen Abitur, wie ich es habe. Haha.

Naja. Meine Ausbildung zur Schauspielerin war einem Studium insofern ähnlich, dass ich am Anfang nur gefeiert habe und zum Ende hin die Panik bekam, ich würde nicht gut genug sein. Zukunftsängste haben wir Schauspieler ja erfunden. Mittlerweile bin ich seit über drei Jahren fertig mit meiner Ausbildung und empfange meine vorerst arbeitslosen, studierten Freunde mit den Worten „Willkommen im Club!“. Die meisten um mich herum haben hervorragende Abschlüsse hingelegt und sind trotzdem erst mal famos in die Arbeitslosigkeit geschlittert. Da stehe ich dann bereit, um ihnen zu erklären, dass das nicht so schlimm ist, dass es nicht der Anfang vom Ende ist, sondern ganz bald das Ende vom Anfang.

Mittlerweile weiß ich, dass ich einer dieser Studenten gewesen wäre, der nie weiß, welche Fächer er belegen soll und wahrscheinlich ständig abgebrochen hätte.
Einen ganz entscheidenden Grund gab es allerdings für den Wunsch eines Studiums:
Das Auslandssemester. Das, was du liebe Gina und mein Freund gerade genießen können. Vielleicht reise ich deswegen in jeder freien Minute.

Rückblickend glaube ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Auch die Fehler sind ja irgendwie richtig, das wissen wir meist im Nachhinein. Auch wenn ich nicht weiß, wie regelmäßig ich weiterhin vor der Kamera stehe, so hat mir die Ausbildung viel gebracht in puncto Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und dem Erlernen, an sich selbst zu glauben. Die Schauspielschule ist eine Therapie, eine fiese und manchmal hinterlistige Schule, von der man allerdings Einiges mitnehmen kann. Hätte ich sie nicht gemacht, hätte ich mich mein Leben lang gefragt, was wäre gewesen, wenn… Und das ist eine Frage, die ich schon immer versuche zu vermeiden. Sie raubt die nächtliche Ruhe und zaubert Sorgenfalten. Von denen habe ich bis jetzt keine. Hell yeah.

Gina erzählt:

mit Ginas Kulisse kann ich derzeit nicht mithalten!

Draußen scheint die Sonne, aber davon bekommen wir in dem fensterlosen 200-Mann-Hörsaal nicht wirklich viel mit. Seit 45 Minuten redet vorne ein Professor über den Anbruch der Neogothik, während meine Sitznachbarin Level 105 bei Candy Crush knackt. Dazwischen ich, die sich wieder mal die bohrende Frage stellt: Was mache ich hier eigentlich?

Zu Schulzeiten war ich der festen Überzeugung, das Studium würde die Zeit meines Lebens werden. Tagsüber würde ich wie Rory Gilmore mit Bücherstapeln beladen von einem spannenden Seminar zum nächsten hetzen, und abends mit dem zukünftigen Hemingway in verrauchten Kneipen über Literatur und Philosophie streiten. Die Realität holte mich da allerdings schneller ein als ich „Existenzialismus“ sagen konnte.

Das Witzige ist, liebe Ani, dass du sagst, du wärest wohl so eine, die ständig abgebrochen hätte, denn nach einem Jahr schoss ich Philosophie und Medienwissenschaften in den Wind und fing mit Kunstgeschichte und Germanistik noch einmal von Neuem an. Weniger, weil mir meine Fächer nicht gefielen, sondern mehr, weil mich einfach eine Menge interessiert.

Und obwohl ich den Laden manchmal gerne auf die Grundmauern niederreißen würde, ist mir vor allem die Freiheit wichtig, die man im Studium hat. Ich hab Zeit um einen Jahrhundertroman zu schreiben oder auszuschlafen – und mich in manch zukunftspanischem Moment zu fragen, ob es die Ausbildung zur Bankkauffrau nicht auch getan hätte. Denn, wie du es ja bereits beschrieben hast, auch mit einem Studienabschluss in Kunstgeschichte und Literatur hat wirklich niemand auf einen gewartet.

Diesen Text schreibe ich übrigens während einer Vorlesung, bei der ich nur Bahnhof verstehe. Dank Studium befinde ich mich derzeit in Italien und fahre jeden Tag mit dem Boot zur Uni. Ein klein bisschen neidisch darfst du da sein, liebe Ani, denn es ist wirklich ganz toll. Bin ich umgedreht aber auch auf dich, weil du stattdessen deinen Weg in der Schauspielschule gemacht hast – das war ganz lange auch ein Traum von mir.

„Studieren Sie auf Lehramt?“, fragte mich jüngst mein Erasmus-Koordinator. „Nein, auf Hartz IV“, antwortete ich. Da musste er lachen: „Sie finden ihren Weg, ich hab da vollstes Vertrauen in Sie.“ Und ich möchte ihm das wirklich gerne glauben.

Die #Kaffeesätze gibt es alle paar Wochen immer Sonntags bei Gina und mir auf dem Blog!