Was du nicht willst, das man dir tut – das füge auch keinem anderen zu. Alter Spruch, meist unpassend, wenn man ihn beispielsweise in einer neuklugen Eunuchen-Stimme ins eigene Ohr gehämmert, äh, geträllert bekommt, aber prinzipiell richtig.
Aber wenn man sich nun auch mal überlegt, einen Tag lange nach dieser Steinzeitoma-Weisheit zu leben, wird es schwieriger, als man eventuell dachte. Es fängt dabei an, sich morgens in der Schlange beim Coffee-Shop nicht vorzudrängeln – und wenn man es noch so eilig hat (die anderen haben es mindestens genauso eilig). In einer Team-Besprechung mit dem Chef wird eine zurückliegende Arbeit besprochen. Manche Fehler gehen auf das eigene Konto, manche auf das Konto von Kollegen – wer traut sich, immer seine Fehler einzugestehen und versucht nicht manchmal, Unsicherheiten von sich wegzuschieben? Ausreden zu erfinden, um besser dazustehen und ein falsches Bild zu vermitteln?
Weiter geht’s bei den Freunden: Man hat einen Geburtstag verschwitzt und möchte der Peinlichkeit eigentlich entgehen: Welche Option wählt man? Anrufen und wirklich ehrlich sein? Anrufen und übergangslos in die Verteidigungshaltung übergehen? Oder den wichtigen Tag einfach komplett ignorieren, bis es irgendwann wirklich zu spät ist, das Thema aufzugreifen?
Die Liste ist, wenn wir mal ehrlich sind, a never ending story: Oma schon wieder nicht angerufen, obwohl man Mama doch versprochen hat, sich endlich regelmäßig zu melden? Jemanden aus der Not heraus mal schnell angelogen, weil man sich nicht die Mühe macht, so weit zu denken, bis einem Lösungen einfallen, die abseits dessen liegen? Abends nach Hause kommen und den Partner anschnauzen, weil er halt nun mal da ist und man schon so lange den Frust an ihm auslässt? Wen soll man denn sonst anschreien, hm?
Schade. Ich versuche gerade, so einen Tag mal zu leben: ein Tag, an dem ich jeden so behandle, wie ich in der spezifischen Situation selbst behandelt werden möchte. Natürlich heißt das nicht, dass es dann so richtig ist - die allgegenwärtige Lösung - aber es zeugt von Respekt und einer großen Rücksichtnahme bezüglich seiner Mitmenschen. Gekommen ist mir der Gedanke, als ich selbst – für meine eigenen Maßstäbe – richtig blöd behandelt wurde. Von einer Person, die mir nicht mal nahe genug steht, um sich das anmaßen zu dürfen. Und dann auch noch auf so plakative Art und Weise, dass es leider bei mir ankam. Voll rein, erst mal schlucken, umdrehen, lächeln, gehen. Wozu auch die Debatte? Was bringt es mir? Einen Menschen, der seine eigenen Grenzen nicht kennt und vor allem mit sich selbst nicht zu recht kommt, den möchte ich weder ändern, noch mich groß mit ihm auseinandersetzen.
Wir sind gelangweilt, meist von uns selbst, unzufrieden, meist mit uns selbst. Wo kann man das mal kurz abladen, denn alleine mit sich herum zu tragen oder sich gar zu ändern, ist ja auf Dauer so unglaublich schwer, ach, schier unmöglich. Also, wo? Natürlich. Bei genau dem, der das hat, was man selbst nicht hat. Der Depp spiegelt einem, wie schön es sein könnte, wenn, wenn, wenn… Die Geburtsstunde des bayerischen Grantlers!
Wie auch immer. Ein bisschen aufregen (irgendwann gar nicht mehr) und dann ein bisschen drüber stehen. Und seine Konsequenzen ziehen. Sprich: Leuten aus dem Weg gehen, die nicht mehr auslösen können, als einen Shitstorm, und andere Menschen da treffen wollen, wo es weh tut. Nämlich da, wo es ihnen selbst weh tut. Denn hinschauen mag keiner. Die eigenen Wunden stopfen? Anstrengend hoch tausend, dann lieber mal in den Wunden von anderen bohren. Damit die auch ganz schnell ganz unglücklich sind und man wieder auf gleicher Schaukelebene verweilt.
Wie kommt man da raus? Indem man ein Fan von sich selbst wird. Indem man zu sich steht, auch wenn man den gleichen Fehler zum x-ten Mal gemacht hat. Indem man über sich lachen kann, wenn man wieder der einzige Mensch in der Runde ist, der den Witz nicht versteht. Und aber am lautesten lacht. Wenn man Seitenhiebe nicht ernst nimmt, dann haben Grantler keine Angriffsfläche. Klingt schwierig, ist auch so. Zumindest am Anfang.
Ich für meinen Teil fand es erst verletzend, dann schade und nun außerordentlich wichtig, diese Erfahrung mit Mr. Grantler No. 1 gemacht zu haben. Wir können uns zwar weiterhin nur bedingt aus dem Weg gehen, aber wenigstens hat er mir meine eigene Schwäche genommen: Dass ich immer nett war, obwohl ich gar keine Lust hatte. Dass ich mich unterhalten habe, nachgefragt habe, obwohl nicht einmal eine Gegenfrage zurückkam. Dass ich unweigerlich das Schiff in den Hafen bringen wollte, obwohl es schon von Anfang an ein viel zu großes Leck hatte. Ich habe mich also verstellt, habe zu einer meiner vielen Masken gegriffen und ein falsches, jedoch gut gespieltes Lächeln aufgesetzt: wozu? Ja, wozu eigentlich? Um den lieben Friedens willen. Muss ich das? Nö. Ich muss nicht jeden mögen.
In diesem Sinne: Danke, Herr Grantler, dass ich mich nicht mehr verstelle, dass ich dich nun getrost ignorieren kann und vielleicht damit etwas bei dir bewirke. Bei mir tut sich so einiges gerade. Angefangen damit, dass ich dich ehrlich behandle. Und damit das tue, was du dir selbst so gar nicht geben kannst. Zum Beispiel und nur mal angenommen… ein einziges Mal in den Spiegel zu schauen und dir zu sagen, ja verdammt, ich bin echt nicht so cool, wie ich immer tue. Zefix.