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Adieu mit bleu

hello inspiration.

(Von Menschen, die auf leere Blätter starren.)

Alles muss hip sein. Trend von morgen. Wie ich diese Begriffe hasse. Fast schon wie freche Fransen und pfiffige Strähnen bei der Trulla vom Friseur gegenüber.

Was gestern schon im Netz gelesen wurde, kannst du heute eigentlich nicht mehr bringen. Zumindest ist das irgendwo der eigene Anspruch. Klar kann man alles frisch aufbereiten, mit einer Prise Selbstironie und ein paar Zutaten der persönlichen Note. Reicht das schon? Dir und vor allem mir?

Ich starre häufig auf ein leeres Blatt. Oder ich schaue über den Bildschirm hinweg aus dem Fenster. Da regnet es übrigens, pardon, neuerdings schneit es. Also schaue ich wieder auf das Blatt vor mir.

Leere kann doch so was Schönes sein, oder etwa nicht? Ja. Sage ich. Nur setzt sie uns Ego-Menschlein automatisch unter Druck. Wenn irgendwas fehlt oder eine Lücke entsteht, herrscht der Druck, den Raum zu füllen. Und zwar schnell. Nur was dabei entsteht, können wir gerade wunderbar in der Netzwelt beobachten: Wir stopfen und füllen auf und atmen nicht durch und am Ende platzen wir. Vor lauter non-sense. Manche mögen es Überarbeitung nennen.

Ich bin ein derzeitiges Blog-Opfer. Zwar leide ich weniger unter dem Bedürfnis, auf meiner eigenen Plattform ständig guten Inhalt zu präsentieren (das ist eine Lüge), als unter dem Überangebot an Blogs, das es mittlerweile gibt. Ich lese stundenlang am Tag durch alle möglichen Artikel. Hier einer, der unfassbar schlecht geschrieben ist, aber mit Fotos aufgehübscht und die nicht vorhandene Rechtschreibung kaschiert. Da einer mit tollem Text aber beschissenem Layout, das einfach so übertreibt, dass ich gar nicht weiß, wo oben und unten ist. Und hier ist was, was mir richtig gefällt, aber kann ich es genießen? Hm, eher fange ich an, die Arbeit mit meiner zu vergleichen, ich suche Parallelen und Unterschiede, bis mir müde die Augen zufallen.

Menschen, die auf Blogs starren. Und in ihnen ertrinken. Lesen, schreiben, Fotos knipsen, meine Güte, wer hätte je gedacht, dass aus diesem Hipstertum ein wirklicher Beruf entstehen könnte? Ich kann nicht mehr und gleich wird mir schlecht, weil ich die vergangenen tausend Stunden, die vollgestopft waren mit dem Lesen von Reiseartikeln und dubiosen Fashion-Posts, auskotzen möchte.

Wir Blogger schreiben zwar nicht mehr nur für uns selbst, aber für die Gemeinschaft. Wir schreiben für die anderen Blogger oder vielleicht wegen ihnen. Die Beiträge werden untereinander geliked, geteilt und dann wird gezwinkert, was das Zeug hält. Richtige Internetstars sind sie geworden, die Blogger von Welt, äh, Deutschland. Nur wer denkt eigentlich an die wirklich wichtige Leserschaft? Interessiert es meinen silent user, dass ich gerade in einem Land meiner Wahl in einem Bikini meiner Wahl ein Fotoshooting hinlege? Oder wieder ein mal einen Beitrag schreibe, mit dem der Otto-Normalverbraucher irgendwie nichts anfangen kann? Sondern nur die internet-friends, die den dann gleich retweeten?

Ach ja. Ich hasse es zu vergleichen. Und mich zu vergleichen. Mehr Tunnelblick, im positiven Sinne. Mehr Individualismus. Und mehr Mut. Das Internet und die Kunst, die es mit hervorbrachte, haben uns unglaubliche Türen geöffnet. Aber wir sind es gerade selbst, die sie schließen, weil wir irgendwie nicht richtig wissen, wie wir aus einer Chance etwas zaubern. Statt im Einheitsbrei zähe Kreise zu schwimmen.

Seitdem ich (auch) in einer kleinen Buchhandlung arbeite, habe ich den Zauber von Büchern wiederentdeckt. Wie gut es sich anfühlt, ein Buch zuzuklappen und zu wissen, man hat es wirklich zu Ende gelesen. An den Seiten zu riechen. Ihm anzusehen, dass es nicht nur hübsch im Regal stand.

Ab heute suche ich mir wieder mehr Inspiration aus der alten, der verschrobenen, der charmanten Welt, vielleicht auch aus der Traumwelt. Da hatte ich nämlich neulich ein Einhorn vor mir sitzen. Und ich werde wieder ein bisschen melancholisch, was den Texten ja angeblich Tiefe verleiht und dem Prasseln der Regentropfen endlich wieder gerecht wird.

Adieu mit bleu.

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Die unerträgliche Unverbindlichkeit des Seins

Gerade sprießen überall Artikel aus dem Boden, in denen es darum geht, dass unsere Gesellschaft immer unverbindlicher wird. Die medienaffinen Youngsters haben sich schon lange in iPhone und Co. verliebt und nutzen vor allem Hilfsmittel wie WhatsApp, um… ja, um was vor allem? Meine Meinung, ganz ehrlich: um abzusagen. Immer und immer wieder.

Ich liebe WhatsApp und schließe mich nicht aus. Aber ich merke in letzter Zeit extrem, dass es einem damit so leicht gemacht wird, den inneren Schweinehund nicht zu überwinden. Da hat man für Sonntagnachmittag ausgemacht, mit der Freundin einen Kaffee trinken zu gehen. Man blickt eine Stunde vor dem Treffen hinaus und sieht dicke Gewitterwolken. Kurze Zeit später ein unverkennbares „Piep“ – und die Absage steht schwarz auf farbigem Fotohintergrund. Yo. So oder so ähnlich passiert mir das immer öfter. Und ich bin nicht die einzige Leidensgenossin.

Mein Freund hatte mal für eine längere Zeit kein Handy, weil er es verloren und beschlossen hatte, sich kein Neues zu kaufen. Vorerst zumindest. Das Resultat? Ein auf einmal wieder klingelndes Festnetz (auch ich vergesse ständig, dass ich so ein Gerät besitze), durch das Freunde sich vergewissern wollten, ob er noch zu Hause sei, damit sie das ausgemachte Treffen absagen oder verschieben konnten. Nur leider hatte er sich da schon meist auf den Weg gemacht, sprich, man wurde gezwungen, die Verabredung einzuhalten. Er schwärmt heute noch von der Zeit, ein regelrechter Luxus, dass sich die Welt auf einmal so schwindelnd um ihn drehte. Seine Freunde fluchen bis heute darüber.

Warum eigentlich? Nur, weil die Faulheit einen Klick entfernt ist, neigen wir auf einmal dazu, unsere Freunde ständig zu versetzen oder gar ganz zu vernachlässigen? Heißt das, dass wir früher auf mindestens die Hälfte aller Treffen gar keinen Bock hatten, es aber nicht weiter aufgefallen ist, weil man nicht kurzfristig nein sagen konnte? Finde ich irgendwie deprimierend. Wenn ich überlege, in welchen WhatsApp-Gruppen ich schon steckte und wie da manchmal über zwanzig Nachrichten hinweg ausgemacht wurde, wo man sich wann am besten treffen könne, lasse ich mich nun einfach vom Stuhl gleiten und schlafe eine Runde auf dem Boden.

Das Problem ist, dass wir alle voneinander wissen, wie oft wir auf unser Display starren. Man kann kaum jemanden vormachen, man hätte den ganzen Tag sein Handy nicht in der Hand gehabt und daher eine Nachricht übersehen. Und aus diesem Grund verlässt sich jeder darauf, kurz noch ein Beautyprogramm am Abend einzuschieben oder jemanden auf den nächsten Tag zu vertrösten, denn man hat ja abgesagt.

Bildquelle Mike Licht (cc by sa 2.0, flickr)

Bildquelle Mike Licht (cc by sa 2.0, flickr)

 

Am liebsten würde ich es wirklich mal durchziehen, zu jedem verabredeten Zeitpunkt an dem besagten Treffpunkt zu erscheinen. Denn Menschen immer und immer wieder zu versetzen, ist eine Sache, die mich tierisch wütend macht, aber jemanden vor Ort alleine stehen zu lassen, eine ganz andere. Könnte spannend werden.

Es ist nicht so, dass ich mich für ein Unschuldslamm halte. Auch ich bin big in love mit meiner digitalen Welt. Und ich habe sicherlich auch schon aus Faulheit oder schlechter Planung jemanden versetzt. Dennoch achte ich im Allgemeinen darauf, ob ich zu- oder absage. Denn, darf ich vorstellen: der Terminkalender. Steht nichts drin, kann ich zusagen. Steht was drin, kann ich absagen. Aber dieses „ich muss mal schauen“ ist pure Ausrede. Mal schauen, ob ich an dem Tag in der Stimmung bin oder nicht doch der schöne Prinz mit seinem Gaul vorbeireitet, das wäre natürlich die viel bessere Option für einen Sonntagnachmittag.

Ich kann nicht mit Halbsachen. Ich will Hü oder Hott, aber nicht Hüott. Irgendwas dazwischen befriedigt mich nicht, außerdem bin ich zu ungeduldig, um darauf zu warten, ob mein Gegenüber fertig geschaut und gewartet hat. Ne, dafür ist das Leben zu kurz. Ich bin Fan von impulsiven Entscheidungen, das sind die Richtigen, weil eben spontan und frei heraus. Kein Komma, sondern Punkt. Keine Romane via SMS, sondern konkrete Aussagen. Kein „steht das mit heute Abend eigentlich noch“, wenn es erst vor ein paar Stunden ausgemacht wurde. Kein „mal schauen“, wenn man eigentlich nicht will. Wir sind alle erwachsen und verkraften nach etlichen Nicht-Anrufen von vermeintlichen Traummännern auch mal eine konkrete Absage der Freundin.

Und weil ich finde, dass Klarheit, Schnelligkeit und Struktur etwas ist, was man lernen kann, habe ich nach einem spontanen Bedürfnis, mir die Haare schneiden zu lassen, diesem Gedanken nachgegeben. Am Vormittag angedacht, abends Schnitte gegoogelt, am nächsten Tag zum Friseur gestapft.

„Wie möchten Sie es geschnitten haben?“ Dreimal dürft ihr raten, was ich gesagt habe, aber „schauen wir mal“ habe ich ganz sicher nicht geantwortet.

Punkt.

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