kolumnen

Die mit den Wölfen tanzen

26/07/2013

Man braucht kein Smartphone zu besitzen, um zu wissen, dass wir im Zeitalter der grenzenlosen Kommunikation angekommen sind.

Ganz früher habe ich immer sehnsüchtig auf Nachricht meiner Brieffreundin aus Villingen-Schwenningen gewartet. Etwas später habe ich dann sehnsüchtig auf die E-Mail eines Australiers gewartet. Heute schiele ich auf mein Handydisplay, wenn ich Whatsapp-Nachrichten in Staccato-Abständen bekomme und frage mich innerlich, wie lange ich diese – realistisch betrachtet – ignorieren kann, bis der Erste misstrauisch wird, weil er ganz genau weiß, wie oft ein Smartphone-User seine Nachrichten checkt.

Ich kann wirklich gut und gerne mal für einen Tag ohne Handy. Schließlich bin ich zwei Wochen auf dem Jakobsweg ohne Facebook-Account vor mich hin gewandert. Was auch bitter nötig war.

Aber was ist, wenn es dann diesen einen Menschen gibt, den man immer erreichen können möchte? Und für den man immer erreichbar sein möchte. Keine Spielchen, keine coolen Sprüche, keine halben Wahrheiten, weil die halbe Lüge sich eben besser anhört. Nur das Wissen, dass man nun schnell diese eine Nummer wählt und glücklich ist, die Stimme des Anderen zu hören. Auch wenn es nur 30 Sekunden sind. Auch wenn es nur ein „die Verbindung ist gerade so schlecht, ich rufe dich gleich zurück“-Gespräch ist. Man hat trotzdem immer diese eine Nummer, an deren Ende derjenige abnimmt, der dich innerhalb von Nanosekunden ins Glück katapultiert.

Und trotzdem gibt es im Zeitalter dieser unglaublichen Erreichbarkeit und Durchlässigkeit Zeiten, in denen man den Anderen nicht greifen kann. Zum Beispiel, weil einer im Ausland hoch oben in den Bergen ist und da keinen Empfang hat. Oder jemand ein Meditationsseminar macht und für vier Tage sein Telefon abgibt. Für manch einen klingt das ja abwechslungsreich und unproblematisch, für den Nächsten ist es eine Horrorvorstellung, nicht mal eine SMS am Tag zu lesen. In diesem speziellen Kontext kann manch einer wohl mit Mann übersetzt werden und anstelle von der Nächsten tritt die klassische Frau. Die Frau, die weder klammern noch auf super-unabhängig machen möchte, jedoch sich immer wieder dabei ertappt, auf den Bildschirm zu blicken. Und sauer wird, wenn zum x-ten Mal der Name der Eltern oder der besten Freundin aufleuchtet.

James Franco sagt in Eat Pray Love zu Julia Roberts, dass er nicht mal die Chance habe, sie zu vermissen. Daraufhin packt sie ihren Koffer und zieht von dannen. Hätte sie das nicht schon vorher geplant gehabt, wäre es eine höchst dramatische Aktion gewesen, manch einer würde sie als übertrieben bezeichnen. Aber irgendwie zeigt es, wie schnell sich doch viele gegenseitig als selbstverständlich nehmen. Nebeneinander her leben, sich unterhalten und doch aneinander vorbeireden, gemeinsam einschlafen und doch getrennt voneinander durch Träume wandeln und aufwachen.

Jemanden zu vermissen zeigt immer auf, dass da gerade eine Lücke aufgrund veränderter Umstände entstanden ist, die man nun entweder so lässt oder versucht zu stopfen, mit was auch immer. Leicht ist es nie, zumindest nicht für mich. Ich nehme diese Emotion immer sehr bewusst und genau wahr, dann versuche ich durchzugehen, um nach ein paar Tagen die Lücke sinnvoll zu schließen. Ich fange dann an, mein Leben für kurze Zeit für mich alleine zu leben, mache das, wozu ich sonst nicht komme, weil ich aufgrund von Zweisamkeit auf meinem Wölkchen sitze.

Das, was mich aber traurig macht, ist, dass ich Frauen kenne, die sich nicht trauen zu vermissen. Zumindest zeigen sie es nicht nach außen, weil sie das Gefühl immer mit einer Schwäche assoziieren oder auf Unverständnis des Partners stoßen. Dabei ist es doch das größte Kompliment für den einsamen Wolf, vermisst zu werden. Wie er da am Lagerfeuer sitzt und eine Figur schnitzt, während die Klänge einer Mundharmonika durch die Wälder getragen werden. Als ob die Wölfe da nicht aufjaulen und sentimental werden.

Ich persönlich leide nicht unbedingt unter der Ferne, sondern unter Unerreichbarkeit. Weil man dann die Emotionen so schlecht in den Griff bekommt, sie werden ja nur noch größer.

Sind wir also Opfer des Kommunikations-Zeitalters? Manchmal würde ich gerne mit einer Farmersfrau aus den Südstaaten der USA sprechen, deren Mann in den Krieg zog und sie jeden Abend auf der Veranda saß und darauf wartete, dass er am Horizont erscheinen würde. Die würde ich gerne so einiges fragen. Von der würde ich gerne was lernen.

Stattdessen fülle ich meine Lücke mit aufregenden Dingen, zu denen ich sonst nicht komme. Hangele mich an meiner Vorfreude entlang. Wälze mich hin und her in den weißen Laken fremder Hotelbetten. Und checke mein Display zum fünften Mal innerhalb dieses Artikels.

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