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Mein Herz rast und meine Hände sind schweißnass. Mein Blick ist starr nach vorne gerichtet, die Tür zum Mini-Cockpit steht offen. Darüber prangt ein „Caution“-Zeichen hellrot erleuchtet. Ich zähle die Köpfe vor mir. Acht. Insgesamt acht andere Leute sind mit mir an Bord dieser Propellermaschine. 19 Menschen hätten insgesamt Platz. Es ist das kleinste Flugzeug, in dem ich je gesessen war. Und während der Andere neben mir vor kindlicher Euphorie fast explodiert, sage ich leise mein Mantra „alles im Leben hat seinen Sinn“ vor mich hin.
Ich werde gestört, denn hinter mir zwitschert es.
„Someone brought chicken“, sagt der Ire neben mir.
„And a plasma tv“, ist meine trockene Antwort.

Hätte mir das vorher jemand gesagt, ich wäre nicht nach Bahia Solano geflogen. Aber wie so oft im Leben ist man meist hinterher schlauer und in diesem speziellen Fall bin ich neunmalkluge Superdeutsche sehr froh, keine Infos im Vorfeld gehabt zu haben.

Warum ich mich für einen Wochenendtrip an die Westküste entschieden habe? Nach zwei Wochen staubiger Großstadt, hatte ich Lust auf karibischen Sandstrand und dieses Fleckchen Erde ist nur eine halbe Stunde Flugzeit von Medellín entfernt. Außerdem ist es lediglich auf Flug- oder Wasserwegen zu erreichen, was dem exotischen Flair einen weiteren Kick bezüglich Entscheidungsfindung gegeben hat. Ich war irgendwie entzückt, habe weder den Reiseführer noch Google durchforstet, sondern bin zum Flughafen gefahren und habe den Flug gebucht.

Warten. Wiedermal etwas, was ich hier in Kolumbien lerne. Wir sitzen am Flughafen und warten. Keine News über das Bording, kein Flugzeug in Sicht. Ein freundlicher und mit trockenem Humor gesegneter Ire sitzt vor uns. Er fängt meinen suchenden Blick auf und sagt:
„Flights to Bahia Solano are never on time. You always have to wait. The plane is in the wrong airport, you know. Because of the bad weather.“
Aha. Ich verstehe zwar, was er sagt, generell allerdings nur Bahnhof. Er fährt fort in seiner Erklärung, eventuell, weil ich ihn anschaue wie ein geblitztes Eichhörnchen.
„Bahia Solano is one of the wettest places on earth.“ Ich zucke zusammen. Aus dem Mund eines Iren hört sich dieser Satz nach purer Ironie an. „It’s very humid. Didn’t you read that in your guide book?“
„I don’t have a guide book“.
„Oh. Well… it is stunningly beautiful there!“
„Okay“,
sage ich und packe imaginär meine Bikinis wieder aus.

Irgendwann wird unser Flug aufgerufen, man hat wohl von woanders ein Flugzeug organisieren können. Als ich sehe, um was für eine kleine Maschine es sich handelt, will ich – gesegnet mit einer wahllos ausbrechenden und tagesformabhängigen Flugangst – sofort wegrennen. Keine Sonne am Ziel plus Propellermaschine durch ein Schlechtwettergebiet? Ohne mich.

Ich steige ein. Der Ire sieht mir die Panik an und sagt beruhigend.
„I trust the Colombian pilots more than anyone else in the world!“
Mein Englisch schwindet innerhalb von Minuten auf das Vokabular eines Vorschulkindes und ich frage mit großen Augen:
„Why???“
Er antwortet:
„They really learn how to fly here with all the mountains and the small planes. They know what to do. It’s art to them. Remember when the french airline crashed in Brazil? They had no idea how to land it.“
„Ah.“

Wir starten. Das Flugzeug kämpft sich nach oben und es dauert eine Weile, bis wir über den Wolken sind. Hinter mir zwitschern ungefähr 70 Küken, die man kaum noch vernehmen kann, weil die Maschine so laut ist, dass man sich anschreien müsste, würde man sich unterhalten wollen. Ein bisschen so wie in einer Großraumdisco: Schlechte Außenbeschallung, die alles andere überdeckt und unmöglich macht. Nach 20 Minuten gehen wir in den Landeanflug. Ich fühle mich wie in einer Achterbahn, nur ohne Spaßfaktor. Auf und nieder, immer wieder… mir wird schlecht. Wir fliegen so dicht über der Meeresoberfläche, dass man das Gefühl hat, das Wasser berühren zu können.
Landebahn in Sicht. Boden unter den Rollen.
„Gracias“, sagt ein Mann zum Piloten.
„Con gusto“.

Ich steige aus und mir perlt sofort der Schweiß von der Nase ab. Wir stehen mitten auf einem Feld. Vor uns ein paar junge Männer, die in ihrer Militäruniform und ihrem jungem Alter verkleidet wirken. Rechts von uns ein Bretterverschlag. Ah, der Flughafen.

In unserer Unterkunft angekommen, empfängt uns Rodrigo mit frisch gepressten Säften und einem einheimischen Mittagessen bestehend aus Gemüsesuppe mit Käse, Kokosreis an Kochbananen und grünem Salat mit Mango. Die 90 Prozent Luftfeuchtigkeit sind ziemlich schnell egal, da man einfach nur tropft, tropft, tropft und es keinen Sinn macht, sich abzutrocknen oder gar umzuziehen. Rodrigo lädt uns nach einem kurzen Mittagsschlaf dazu ein, auf den Berg und somit quer durch den Dschungel zu stapfen – mit der Machete voraus. Immer noch total schwummerig im Kopf sage ich zu - warum auch nicht, wenn ich schon mal hier bin.

Ich stocke innerlich, bevor ich in die Wand aus Lianen und riesigen Bäumen eintrete. Ich habe so unglaubliche Angst vor Spinnen und überhaupt keine Zeit gehabt, mich psychisch auf eine eventuelle Begegnung mit den einheimischen arañas einzustellen. Rodrigo, der mir erklärt, dass ihm Spinnen mit die Liebsten seien, kann mir da leider nicht weiterhelfen. Ich glaube auch, dass er nicht begreift, dass meine sinnlose Phobie nicht wirklich etwas damit zu tun hat, Angst vor einem (tödlichen) Stich zu haben, sondern aus einem puren Ekel heraus entsteht.
Wir laufen los. Die ersten 10 Minuten sind der blanke Horror für mich. Ich stehe mitten im Grün, oben, unten, egal, wo ich hinblicke, alles grün. Ich will die Natur genießen, den Duft einsaugen, dem unglaublichen Zwitscherspektakel lauschen. Stattdessen laufe ich angespannt durch den beklemmend enger werdenden Wald und bin überhaupt nicht bereit für das, was mein Körper da tut.
Nach einiger Zeit und ein paar Spinnen hier und da, von denen Gott sei Dank bis jetzt nicht weiß, ob sie gefährlich sind, kann ich mich etwas entspannen, sehe unfassbar durchstrukturierte Ameisenstraßen, beobachte Adler und staune über Früchte und Blüten.

Bahia Solano

Die zwei weiteren Tage sind körperlich anstrengend und schön zugleich. Wir laufen zur Ebbezeit kilometerweit am Strand entlang, trinken das Wasser aus frischen Kokosnüssen, welche uns Matteo, ein kleiner Junge, mit der Machete öffnet. Es geht weiter an Flüssen und über wackelige Holzbrücken, hier und da schnell ein Bad im klaren Wasser nehmen. Auf dem Rückweg sind die Wege mittlerweile geflutet und wir balancieren bis zu den Oberschenkeln im backwater stehend über Baumstämme, Rodrigo und Matteo voran und weil der Kleine so gekonnt balanciert wie ein Zirkusäffchen, übergeben wir die Kamera besser ihm. Noch nie war ich so nah in der Natur, noch nie fühlte ich mich ihr so ausgeliefert und noch nie hatte ich so viel Respekt vor dem perfekten Kreislauf des Lebens.

„It’s earthquake weather“, sagt Enrico, der Besitzer der Pizzeria in Bahia Solano. „First it gets really hot and it won’t rain, then there is this silence of the animals and the next day, there’s an earthquake.“

In der Nacht kommt der Regen. Ich wache auf, weil es auf einmal unglaublich laut ist. Für ein paar Sekunden verstehe ich nicht, was hier passiert. Ein ohrenbetäubendes Rauschen erfüllt den offenen Bungalow und ich fühle mich, als sei ich mitten in einer riesigen Welle gefangen, die sich aufbäumt und gleichzeitig bricht. So hört sich das also an, ein sturmflutartiger Regen, der auf die Blätter des Dschungels prasselt. Alles, was ich hier mit meinen Sinnen erfahre, ist vollkommen neu.

Jetzt sitze ich auf der Veranda und warte darauf, zum Flughafen zu fahren und in das Flugzeug zu steigen, das mich hierher gebracht hatte. Der Flug wurde mittlerweile dreimal verschoben. Ach, was solls.
Die Sonne brennt, meine Haut auch. Ich habe keine Angst. Ist doch nur ein Flug.

(Nachtrag: Das Flugzeug hatte mit Turbulenzen beim Landeanflug zu kämpfen und ich habe mir in die Hosen geschissen.)

Auf dem Rückweg war die Brücke fast komplett geflutet

Bäume im Nationalpark Utria, die das Salz aus dem Meerwasser filtern können
Ausblick vom Pavillon

 

Ebbe
Das Beweisfoto
L.O.V.E.
Matteos kleiner Bruder
Playa Blanca - Nationalpark Utria

 

Flut

 

(vielen Dank an Deniz für einen Großteil der Bilder.)
Route: Medellin, Flug nach Bahia Solano. Unterkunft: Posado del Mar. Ausflüge im Umland und zum Nationalpark Utria via TukTuk und Motorboot.)

hpim2107
EuropaReisenSpanien

Beziehung im Arsch. Kein Job außer Nebenjob. Das dringende Bedürfnis, aus meiner WG auszuziehen. Anfang 20 hatte das für mich gereicht, um in einer richtigen Sinnkrise zu stecken. Ich wusste nicht, ob ich sein wollte, was ich damals war und hatte nicht den Mumm, etwas zu ändern. Also dachte ich mir relativ spontan, dass ich meine Freundin in Spanien besuchen würde und danach von Alicante nach Galizien reisen würde, um ein Stück des Jakobsweges zu laufen. In der Hoffnung, etwas zu finden, was mir helfen kann, Entscheidungen treffen zu können. Das Laufen bietet sich perfekt dafür an, denn man kommt nicht drum herum, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Alleine. Und das tagelang.

Ich lies also meinen Finger entlang des Weges auf der Karte fahren, überlegte mir ungefähr, für wie viele Tage ich Geld hatte zu reisen, baute mir ein paar Puffertage ein (denn man weiß nie, wie weit man kommt und ob man mal überhaupt nicht laufen kann) und kam in Ponferrada heraus. Also bin ich von Alicante nach Madrid geflogen und von dort aus mit dem Bus in eine unglaublich hässliche Stadt gefahren:

Ich stieg aus und schaute mich müde und erschöpft um. Keiner sprach Englisch, nur mit Mühe und Not fand ich ein Hostel, das allerdings über 20 Euro kosten sollte. Da ich pro Tag nicht mehr als 10 Euro für die Unterkunft eingeplant hatte, kam das nicht infrage. Ich lief die Straße zurück und an einem Blumenladen vorbei, als ein Auto parkte und mein Engel ausstieg. Martha, die perfekt Englisch sprach, mir eine Torte in die Hand drückte, eröffnete, dass heute ihr Geburtstag sei und mich mit in den Laden nahm. So saß ich da mit ihren Freunden, erzählte, dass ich morgen loslaufen würde und das Hostel, von dem im Reiseführer die Rede war, nicht finden würde.
Martha fuhr mich nach dem Kaffeekränzchen mit dem Auto zu einem Kloster, welches eine offizielle albergues de peregrinos war, klärte mich allerdings im Auto sitzend darüber auf, dass es derzeit nachts noch sehr kalt werden würde und das Kloster kein geeigneter Platz zum Schlafen sei. Und lud mich zu sich und ihren Eltern nach Hause ein. Ich war verblüfft und auch sehr verwirrt. Ich hatte einfach nicht verstanden, warum sie das alles für mich tat. Aber irgendwie spielte es keine Rolle, denn mein Bauchgefühl blieb sitzen und somit begleitete ich sie zum örtlichen Friseur, denn heute war ihr großer Tag.

Am Abend ging ich mit ihr und ein paar Freunden ein Bier trinken und verabschiedete mich gegen Mitternacht, um ins Bett zu fallen. Sie versicherte mir vorher, dass sie mich wecken und mir ein Frühstück machen würde, aber ich lehnte mehrfach dankend ab.

Um halb 7 klingelte der Wecker und ich hörte, wie die Wohnungsür aufging. In der Küche saß sie schon bereit und hatte alles gerichtet. Zu dem Zeitpunkt war mir langsam klar gewesen, dass sie der Typ Mensch war, der gerne aus der Reihe tanzt und macht, was sie für richtig hält.
Ihr Redeschwall motivierte mich wach zu werden, also aßen wir gemeinsam und als ich gehen wollte, sah sie mich an, als wären wir Kindergartenfreundinnen gewesen, von denen eine als Krankenschwester in den Krieg ziehen müsse und eventuell nicht mehr zurückkommen würde. Sie legte mir ein kleines Geschenk auf den Tisch und ich war abermals überwältigt, wie sie es in dieser kurzen Zeit auch noch arrangierte, einem wildfremden Menschen ein Geschenk zu machen. Zögerlich packte ich es aus und blickte auf einen silbernen Engel mit Anstecknadel.

„Das ist ein Engel, den man so lange aufbewahrt, bis einem selbst ein Engel über den Weg läuft. Und dem schenkt man ihn dann“, meinte Martha und steckte ihn mir an meine Mütze.
Mit Tränen in den Augen und dem unerschütterlichen Glauben in mir, dass von jetzt an alles gut werden würde, lief ich los. Als ich auf dem Weg aus der Stadt hinaus war, sah ich die ersten Pilger vor mir und fühlte mich nicht alleine. Ich drückte Play auf meinem iPod und war gespannt, welcher Song der erste meiner Reise sein würde:

„Don’t let the sun go down on me“ – von Elton John. Kein Besserer hätte es im Nachhinein sein können.

Sonnenaufgang in Galizien.

So lief ich zwei Tage alleine vor mich hin. Es machte unglaublich Spaß, einfach nur den einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Die Landschaft Galiziens ist wunderschön und erinnerte mich teilweise an meinen Aufenthalt in Irland. Da es in Nordspanien oft regnet, sind die Wiesen und Wälder in ein sattes Grün getaucht, das ich so nur von Irland her kannte. Es war wirklich wunderschön.
Abgesehen von der Landschaft wurde alles andere leider zu einem katastrophalen Dilemma. Ich kam mit mir selbst nicht klar, mit den vielen Gedanken und Ängsten, die automatisch hochkommen, wenn man im Schnitt 25 Kilometer am Tag einfach nur läuft. Der schlimmste Abschnitt meiner Gefühlsachterbahn war der Abend des zweiten Tages. Es wartete kurz vor dem Ziel ein heftiger Anstieg, der mich wirklich in die Knie zwang und ich (so fühlte es sich zumindest an) dehydriert war. Oben angekommen tobte in mir eine Mischung aus Wut, Trauer und Sarkasmus. Ich wollte nicht mehr weiter und das Gefühl des Versagens am zweiten Abend machte mich am meisten wütend auf mich selbst.


Hoch oben auf einem Berg in Galizien wartete zwar eine süße Unterkunft, allerdings gab es nichts außer einer Kirche, einer Handvoll Häuser und ein paar vergilbten Zeitschriften. Ich hatte dringend Ablenkung gebraucht, zumindest redete ich mir das ein, aber da war kein Fernseher, meine Musik hörte ich sowieso schon den ganzen Tag über und ein Buch hatte ich nicht mitgenommen, weil das empfohlene Zehntel Gepäck des Eigengewichtes kein Buch zugelassen hatte.
Also setzte ich mich in die Kirche und heulte. Wahnsinnig klischeehaft, ich weiß, aber ich fand keinen anderen Ort, um durchzuatmen und das Gefühl zu haben, irgendwo richtig zu sein. Irgendwie hoffte ich auf ein Wunder. Oder zumindest darauf, an diesem Abend schnell einschlafen zu können.

Am nächsten Morgen betrat ich die Küche der albergue und vor mir saßen zwei deutsche Frauen und ein deutscher Mann, die mich freundlich anlächelten und von da an in ihre Gruppe aufnahmen. Die beiden Frauen, Martina und Julia, waren ab dem offiziellen Start dabei (Roncevalles in Frankreich). Zwar waren sie alleine losgelaufen, aber hatten sich über die ersten Kilometer hinweg zusammengefunden. Ich fühlte mich trotz dessen, dass ich mit Abstand die Jüngste war, pudelwohl bei ihnen und so liefen wir die nächsten Tage gemeinsam.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mit Achim eine kleine Pause einlegte und Gordon, ein Kanadier, um die Ecke bog. Es war ein diesiger Tag mit Nieselregen, aber die Frische der Natur war wirklich unbezahlbar. Gordon, dick („actually I’m a speedo swim-suit-model“), mit zwei Stöcken und einem riesigen gelben Rucksack, lief beschwingt, fast schon comichaft-hüpfend an uns vorbei, atmete tief ein und meinte lächelnd:
„Ah, don’t you just love the cow poo?“

Und weg war er. Daraufhin hatte ich ihn ins Herz geschlossen. Und er mich. Sein Sohn war auch Schauspieler, genauso alt wie ich, und so kamen wohl die Vatergefühle in ihm auf und er bezahlte mir immer wieder Essen und Getränke. Als ich mich mal auf eine längere Diskussion darüber mit ihm einließ, ging ich als Verlierer heraus. Besser: Gewinner. Denn ich sparte ein bisschen Geld durch ihn und konnte mir dadurch ab und an eine schöne Unterkunft mit meinen drei Weggefährten leisten. Saubere Bäder und bequeme Betten. In denen lagen wir dann abends, während Martina ihren Blasen Namen gab und ich mich mit entkrampfenden Salben einrieb. Die Zimmer stanken, wie Lazarette in ihren schlimmsten Zeiten wohl gerochen haben (ich übertreibe). Aber der Schweiß in den nur durch Handwäsche gereinigten Klamotten tat sein Übriges dazu.
Ich fand’s wunderbar und küsste zum Dank meine einzige Blase, die mir nicht einmal Beschwerden machte.

Das Schönste am Jakobsweg ist wirklich die Gesellschaft. Immer wieder trifft man Leute, die mal vor einem laufen und mal zurückfallen. Man hört die tollsten Geschichten wunderbarer Menschen und Schicksale, die man nicht glauben möchte. Abends sitzt man gemeinsam – wenn man möchte – in einem Lokal, kippt gemeinsam ein paar Flaschen Wein (und Schnaps) und lernt Menschen und Mythen aus der ganzen Welt kennen:

  • Da war beispielsweise ein Mann, der mit seiner Gitarre samt Gitarrenkoffer über die im Schneesturm versinkenden Pyrenäen gelaufen und einfach völlig irre war
  • Das Paar aus Südamerika, das jahrelang auf diese (Hochzeits!-)reise gespart hatte
  • Und Dani, der Spanier, der dafür verantwortlich war, dass ich ein paar Tage später wieder Boden unter den Füßen hatte.

(im zweiten Teil geht es um meine schockierende Ankunft in Santiago de Compostela, eine schwierige Entscheidung und meinem Fazit inkl. Packtipps)

was zurück bleibt…

welcome to the mid-ages!
Trotz Höhenangst - es gab einfach keinen anderen Weg.
twinpeaks
AmerikaGuides zum GlücklichseinReisenUSA

San Francisco, du bist die Blume in meinem Haar, die gefrorene Sahne unter meinem Eis, das perfekte Date für einen Reisenden, der ein bisschen Liebe sucht. Wo kann man die besser finden, als bei dir, wo die Bewegung der Homosexualität ihren Ursprung im Castro hat, einem nach dem Kino an der Ecke benannten Stadtteil. Einatmen, ausatmen, San Francisco lieben lernen.

Hello, Mr. Milk!
Hello, Mr. Milk!

Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben, aber den wirklich perfekten Travel-Music-Emotion-Altogether-Moment habe ich erlebt, als ich mit meiner Freundin im Auto Richtung San Francisco gefahren bin. Es war schon dunkel und ich sagte zu ihr, dass die Golden Gate Bridge jeden Moment auftauchen könnte und dass sie für diesen Moment bloß vorbereitet sein solle. Aber die ganze Landschaft war in dunkle Nebelschwaden verhüllt und wir konnten kaum etwas sehen.

Ich drehte das Radio auf, vertraute Klänge ertönten und wir konnte unseren Ohren kaum trauen. „Wish you were here“ kroch aus den Boxen unseres Mietwagens (Monica, so ihr Name). Ich schaute auf die Straße vor mir, dann zu meiner Freundin, sie zu mir, zurück zur Straße, ich zur Straße, wie auch immer, da tauchte sie auf – innerhalb von Sekunden befanden wir uns auf der schönsten Brücke der Welt und fuhren in die schönste Stadt der Welt mit einem der schönsten und poetischsten Songs im Ohr. Ich war kurz davor auszuflippen, aber ich wollte Pink Floyd nicht stören, also hielt ich die Klappe. Und heulte. Und schüttelte meinen Trennungsschmerz, den ich mit nach Kalifornien genommen hatte, von mir.

Lombard Street
Lombard Street

Die weiteren Tage vergingen wie im Traum. Unser Schlafplatz, den ich per Couchsurfing gefunden hatte, hätte nicht unterschiedlicher sein können zur Agenten-Villa in L.A.: Wir kamen bei den Brüdern David und Dan unter, die unglaublich warmherzig und nett waren. Der eigentliche Grund, warum ich von vorne herein überzeugt war, war allerdings, dass sie ihr eigenes Bier im Hinterhof brauten und im Wohnzimmer eine Zapfanlage stehen hatten. So gab es zur Ankunft erst mal ein Dunkles zum Zischen – und alle waren happy. Auch glaube ich, war ich ein bisschen in Dan und Dan ein bisschen in mich verliebt. Man weiß es nicht genau. Aber der Blickkontakt war schön. Sein roter Oldtimer auch. Hach.

dan

Hello, Full House!
Hello, Full House!

Man kann in dieser Stadt Stunden dabei verbringen, die Golden Gate Bridge aus allen möglichen Perspektiven zu fotografieren – vorausgesetzt, man bekommt sie zu Gesicht, doch wenn sie halb in Nebelschwaden getaucht ist, wirkt sie sowieso am schönsten. Außerdem ist San Fran ein Mekka für alle, die Secondhand-Shopping lieben und Lust haben, in einer Hippie-Homo-Hochburg zu stöbern. Es gibt sehr viel zum Glucksen, Gucken und Augen aufreißen, gerade das schon oben erwähnte Castro und das danebenliegende Haight Ashbury sind Stöber-Plätze hoch tausend. Mucho Liebe zum Detail!

Außerdem ein Tipp: Alcatraz. Ja, wirklich! Bloß nicht abschrecken lassen und denken, das sei überflüssiger und überlaufener Tourismus-Kram. Die Führung mit Kopfhörern ist sagenhaft gut, denn man erfährt u.a durch die Originalstimmen und Aussagen von Insassen spannende Details, die direkt vor Ort sehr bekemmend, realistisch und authentisch wirken.

Und mit das Beste an der Stadt: Sie ist wie gemacht für Studenten und junge Menschen, denn die Kneipenszene platzt aus allen Nähten. Dave, der beste Gastgeber jenseits aller Vorstellungen, bestand jeden Abend darauf, mir und den mittlerweile drei anderen Couchsurfern (jeden Abend war jemand Neues im Wohnzimmer anzutreffen -> der Junge hat ein gutes Herz) jeden Drink am Abend auszugeben. Nicht ein Mal hat er mich zahlen lassen, also kam ich jede Nacht betrunken, glücklich und für damalige Verhältnisse immens reich nach Hause. Ein Jackpot in Jackpot-City.

Am letzten Urlaubstag machte die mittlerweile kleine WG einen Ausflug ins Umland. Wir fuhren die Route nach Bodega Bay, die damals auch schon Tipi Hedren in Hitchcock’s „Die Vögel“ nahm, um dann dort gegen den gefiederten Albtraum zu kämpfen. Weiß man nicht um diese Geschichte, bildet man sich wenigstens nicht ständig ein, sämtliche Möwen würden mordlustige Anschläge planen und binnen Sekunden umsetzen. Ich war jedenfalls leicht angespannt und auf meine Haare bedacht, ansonsten ist Bodega Bay ein sehr putziges, kleines Fischerdörfchen, unglaublich idyllisch gelegen im kalifornischen Norden. In Sonoma haben wir uns dann bei 40 Grad im Schatten eine Weinprobe nach der anderen eingeflößt und den Spuckeimer ignoriert. So gehört sich das.

Ja, was soll ich sagen. Zwar wird man in San Francisco nicht mit den typisch kalifornischen Temperaturen und der hohen Sonneneinstrahlung verwöhnt, dafür strahlt die Stadt an sich tausendfach zurück und hinterlässt auf jedem einzelnen Besuchergesicht ein Lächeln zurück und imaginäre Blumen im Haar. Haa-aaaar. Harr. Harr.

China-Town

Alcatraz

ok. ich hör schon auf.
ok. ich hör schon auf.
p1060081
AmerikaReisenUSA

Der Moment, in dem du den Boden von L.A. betrittst, ist relativ unbezahlbar. Los Angeles ist eine der Städte, über die jeder redet, so gut wie jeder einmal erleben möchte, um sich dann bei der Ankunft verdammt cool, lässig und #rich-bitch-like zu fühlen. Sonnenbrille auf, Tanktop drüber, Milkshake ab in den Mund. Doch das hält nicht lange an.

Continue reading „Zu viel von allem, bitte. - Los Angeles“

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EnglandEuropaReisen

Dear London,

wir hatten keinen guten Start, das muss man leider sagen. Zum ersten Mal saß ich am Flughafen herum, weil mein Flug Verspätung auf unbestimmte Zeit hatte. Unsinniges Warten ist für mich die Hölle, denn ich komme immer pünktlich.

„Planen Sie genügend Zeit ein, es kann nicht auf Sie gewartet werden.“ Stand auf meinem Ticket. Ich glaube, das war ein Scherz. Er würde jedenfalls zu England passen.

Wie auch immer. Der britische Akzent um mich herum hüllte meine Müdigkeit und meine wütende Lethargie ein und ich musste lächeln, als ein zauberhafter Brite hinter mir zu einer älteren Dame meinte: „Well, you should make yourself comfortable here. The flight is postponed to 7pm“.

Fair enough. Meine neueste Redewendung, auf die ich total stehe.

Im Flugzeug wurde ich zwischen zwei englische Geschäftsmänner gesetzt, deren Charme mich völlig einnahm. Der Eine zu meiner Linken passte kaum in seinen Sitz und fing schon zu schnarchen an, bevor wir überhaupt das Rollfeld erreicht hatten. Der Andere zu meiner Rechten entschuldigte sich dafür. Wie sich später herausstellte, schnarchte die dreijährige Tochter des übergewichtigen Mannes auch schon, daher folgerten wir gemeinsam, dass es wohl in der Familie liegen würde.

Ein paar Minuten später stieg ich aus, heimste noch ein paar Tipps für die Stadt ein und hetzte zwischen den Terminals hin und her.

Anstrengend. Ich wollte auf einmal nur noch ins Bett. Glücklicherweise kam ich auch dort schon wieder in den Genuss der englischen Lockerheit, Fröhlichkeit und immensen Hilfsbereitschaft. Darling, can I help you? Can you step back, darling, thank you! Oh, I’m so sorry, excuse me!

I want to live in Princess Street!
Camden. Uffm Klo.

Hach. Das zog sich durch meinen kompletten Aufenthalt. Wenn ich eine Dame auf der Straße umrannte, dann entschuldigte sie sich bei mir. Und wenn ich ein bisschen orientierungslos aussah, wurde ich angesprochen. Meine Güte, ich bin wirklich gefährdet auszuwandern.

London Eye.

Die meiste Zeit ließ ich mich mit meiner Freundin treiben. Am ersten Tag liefen wir von Southwark nach Notting Hill, was einmal quer durch den sonnendurchfluteten Hyde Park hieß. Ein absolut goldener Oktober herrscht da gerade in London, alles ist noch in sattes Grün getaucht und wenn schon Blätter verfärbt sind, dann tänzeln sie in allen erdenklichen Farben durch die Luft. Wonderful.

Herbst im Hyde Park.

Und Notting Hill. Kein Wunder, dass sich die gute Julia in den smarten Hugh dort verliebt hat. Ich habe mich ja schon in jedes einzelne Häuslein verguckt und sehe mich abends durch mein großes Altbaufenster spähen, darauf warten, dass mein Ehemann durch dieses entzückende Türchen schlüpft.

hello husband!

Uuuuund die Buchhandlung, in der gedreht wurde, die ist so typisch verschroben und atmosphärisch.

Warum habe ich gleich noch mal ein eBook herausgebracht? Ich schweife ab.

Notting - love - Hill.

Der erste Tag wurde gekrönt durch eine unglaublich tolle Pub Tour, die ich jedem ans Herz legen möchte, sollte er mal in London sein. Am Anfang war ich kurz skeptisch, denn Pub Tour heißt in den meisten Städten ein Besäufnis sondergleichen, eine Tour auf allen Vieren von Pub zu Pub. Nicht so im East End, wo Finanzwelt auf Armut trifft und man das auf dem silbernen Tablett serviert bekommt. Gary, unser Guide, Anfang 30 und british charming at his best, zeigte uns versteckte Ecken von Bricklane und erzählte uns über die Anfänge dieses Viertels. Wir tranken in vier Pubs vier verschiedene Biere, die sich qualitativ enorm steigerten – vom dunklen Spülwasser bis zum leckeren Hellen am Ende war alles dabei. Zwischen den einzelnen Stopps wies er uns auf die Street Art hin, die überall zu entdecken war und für aufgerissene Augen sorgte. Gedruckte Sätze auf den Straßen wie „one day we will get off the streets“ trieben mir Tränchen in die betrunkenen Äuglein und das Kunstwerk mit Swaroski-Steinchen besetzt, funkelte mit diesen um die Wette. „Don’t even think of getting them out, it is completely impossible“, scherzte Gary und wir fühlten uns wohl alle ertappt.

Übrigens sind wir in jener Nacht an einer unbearbeiteten Fläche vorbeigelaufen und am nächsten Abend – keine 24 Stunden später – nochmals. Blieben stehen und staunten ungläubig auf ein Werk, welches über Nacht entstanden war und wirklich atemberaubend gut war.

Cheers!
Konnte das Auto leider nicht wegschieben.

Im East End ist es ein absolutes Muss, bei einer der zwei jüdischen Bäckereien einen Baigel zu essen. Diese Bäckereien konkurrieren seit Jahrzehnten, haben 24/7 offen und sind bei Einheimischen immens begehrt. Der Subway, der vor kurzer Zeit direkt gegenüber öffnete, wird gekonnt ignoriert – wenigstens hier zählt, was wirklich wichtig ist: Die Individuen hinter den Geschäftsideen und die Unterstützung der local heroes. Also stehen wir nachts auch in der Schlange. Und schlemmen. Und sind glücklich.

Auch an den anderen Tagen ließen wir uns eher treiben, als dass wir große Pläne verfolgten. Nach dem Shopping in Camden liefen wir nach Little Venice und streunten dort ein wenig umher, um Kate Moss zu treffen. Vergeblich. Es zog uns auch nach Brixton, einem karibischen Viertel, das zu den eher gefährlichen Teilen gehören soll. Uns egal, der Kaffee schmeckte auch dort.

London, du mit deinem Charme und deiner Ausstattung an britischem Humor, den ich so liebe. Mit den vielen Sonnenstunden, von denen keiner die leiseste Ahnung hat, wenn er nicht vor Ort ist. Du mit deinen Trends von morgen, da hast du mir so fancy Gummistiefel beschert, wo ich doch nie ein Fan von ihnen war. Egal. Du bist toll. Bin jetzt super hip in München und schwärme allen vor von dir.

Camden.

I love you.

Yours,

Ani

PS: My Mitbringsel!

Comme des Fuckdown, Gummistiefel, Cardigan