Mein Herz rast und meine Hände sind schweißnass. Mein Blick ist starr nach vorne gerichtet, die Tür zum Mini-Cockpit steht offen. Darüber prangt ein „Caution“-Zeichen hellrot erleuchtet. Ich zähle die Köpfe vor mir. Acht. Insgesamt acht andere Leute sind mit mir an Bord dieser Propellermaschine. 19 Menschen hätten insgesamt Platz. Es ist das kleinste Flugzeug, in dem ich je gesessen war. Und während der Andere neben mir vor kindlicher Euphorie fast explodiert, sage ich leise mein Mantra „alles im Leben hat seinen Sinn“ vor mich hin.
Ich werde gestört, denn hinter mir zwitschert es.
„Someone brought chicken“, sagt der Ire neben mir.
„And a plasma tv“, ist meine trockene Antwort.
Hätte mir das vorher jemand gesagt, ich wäre nicht nach Bahia Solano geflogen. Aber wie so oft im Leben ist man meist hinterher schlauer und in diesem speziellen Fall bin ich neunmalkluge Superdeutsche sehr froh, keine Infos im Vorfeld gehabt zu haben.
Warum ich mich für einen Wochenendtrip an die Westküste entschieden habe? Nach zwei Wochen staubiger Großstadt, hatte ich Lust auf karibischen Sandstrand und dieses Fleckchen Erde ist nur eine halbe Stunde Flugzeit von Medellín entfernt. Außerdem ist es lediglich auf Flug- oder Wasserwegen zu erreichen, was dem exotischen Flair einen weiteren Kick bezüglich Entscheidungsfindung gegeben hat. Ich war irgendwie entzückt, habe weder den Reiseführer noch Google durchforstet, sondern bin zum Flughafen gefahren und habe den Flug gebucht.
Warten. Wiedermal etwas, was ich hier in Kolumbien lerne. Wir sitzen am Flughafen und warten. Keine News über das Bording, kein Flugzeug in Sicht. Ein freundlicher und mit trockenem Humor gesegneter Ire sitzt vor uns. Er fängt meinen suchenden Blick auf und sagt:
„Flights to Bahia Solano are never on time. You always have to wait. The plane is in the wrong airport, you know. Because of the bad weather.“
Aha. Ich verstehe zwar, was er sagt, generell allerdings nur Bahnhof. Er fährt fort in seiner Erklärung, eventuell, weil ich ihn anschaue wie ein geblitztes Eichhörnchen.
„Bahia Solano is one of the wettest places on earth.“ Ich zucke zusammen. Aus dem Mund eines Iren hört sich dieser Satz nach purer Ironie an. „It’s very humid. Didn’t you read that in your guide book?“
„I don’t have a guide book“.
„Oh. Well… it is stunningly beautiful there!“
„Okay“, sage ich und packe imaginär meine Bikinis wieder aus.
Irgendwann wird unser Flug aufgerufen, man hat wohl von woanders ein Flugzeug organisieren können. Als ich sehe, um was für eine kleine Maschine es sich handelt, will ich – gesegnet mit einer wahllos ausbrechenden und tagesformabhängigen Flugangst – sofort wegrennen. Keine Sonne am Ziel plus Propellermaschine durch ein Schlechtwettergebiet? Ohne mich.
Ich steige ein. Der Ire sieht mir die Panik an und sagt beruhigend.
„I trust the Colombian pilots more than anyone else in the world!“
Mein Englisch schwindet innerhalb von Minuten auf das Vokabular eines Vorschulkindes und ich frage mit großen Augen:
„Why???“
Er antwortet:
„They really learn how to fly here with all the mountains and the small planes. They know what to do. It’s art to them. Remember when the french airline crashed in Brazil? They had no idea how to land it.“
„Ah.“
Wir starten. Das Flugzeug kämpft sich nach oben und es dauert eine Weile, bis wir über den Wolken sind. Hinter mir zwitschern ungefähr 70 Küken, die man kaum noch vernehmen kann, weil die Maschine so laut ist, dass man sich anschreien müsste, würde man sich unterhalten wollen. Ein bisschen so wie in einer Großraumdisco: Schlechte Außenbeschallung, die alles andere überdeckt und unmöglich macht. Nach 20 Minuten gehen wir in den Landeanflug. Ich fühle mich wie in einer Achterbahn, nur ohne Spaßfaktor. Auf und nieder, immer wieder… mir wird schlecht. Wir fliegen so dicht über der Meeresoberfläche, dass man das Gefühl hat, das Wasser berühren zu können.
Landebahn in Sicht. Boden unter den Rollen.
„Gracias“, sagt ein Mann zum Piloten.
„Con gusto“.
Ich steige aus und mir perlt sofort der Schweiß von der Nase ab. Wir stehen mitten auf einem Feld. Vor uns ein paar junge Männer, die in ihrer Militäruniform und ihrem jungem Alter verkleidet wirken. Rechts von uns ein Bretterverschlag. Ah, der Flughafen.
In unserer Unterkunft angekommen, empfängt uns Rodrigo mit frisch gepressten Säften und einem einheimischen Mittagessen bestehend aus Gemüsesuppe mit Käse, Kokosreis an Kochbananen und grünem Salat mit Mango. Die 90 Prozent Luftfeuchtigkeit sind ziemlich schnell egal, da man einfach nur tropft, tropft, tropft und es keinen Sinn macht, sich abzutrocknen oder gar umzuziehen. Rodrigo lädt uns nach einem kurzen Mittagsschlaf dazu ein, auf den Berg und somit quer durch den Dschungel zu stapfen – mit der Machete voraus. Immer noch total schwummerig im Kopf sage ich zu - warum auch nicht, wenn ich schon mal hier bin.
Ich stocke innerlich, bevor ich in die Wand aus Lianen und riesigen Bäumen eintrete. Ich habe so unglaubliche Angst vor Spinnen und überhaupt keine Zeit gehabt, mich psychisch auf eine eventuelle Begegnung mit den einheimischen arañas einzustellen. Rodrigo, der mir erklärt, dass ihm Spinnen mit die Liebsten seien, kann mir da leider nicht weiterhelfen. Ich glaube auch, dass er nicht begreift, dass meine sinnlose Phobie nicht wirklich etwas damit zu tun hat, Angst vor einem (tödlichen) Stich zu haben, sondern aus einem puren Ekel heraus entsteht.
Wir laufen los. Die ersten 10 Minuten sind der blanke Horror für mich. Ich stehe mitten im Grün, oben, unten, egal, wo ich hinblicke, alles grün. Ich will die Natur genießen, den Duft einsaugen, dem unglaublichen Zwitscherspektakel lauschen. Stattdessen laufe ich angespannt durch den beklemmend enger werdenden Wald und bin überhaupt nicht bereit für das, was mein Körper da tut.
Nach einiger Zeit und ein paar Spinnen hier und da, von denen Gott sei Dank bis jetzt nicht weiß, ob sie gefährlich sind, kann ich mich etwas entspannen, sehe unfassbar durchstrukturierte Ameisenstraßen, beobachte Adler und staune über Früchte und Blüten.
Die zwei weiteren Tage sind körperlich anstrengend und schön zugleich. Wir laufen zur Ebbezeit kilometerweit am Strand entlang, trinken das Wasser aus frischen Kokosnüssen, welche uns Matteo, ein kleiner Junge, mit der Machete öffnet. Es geht weiter an Flüssen und über wackelige Holzbrücken, hier und da schnell ein Bad im klaren Wasser nehmen. Auf dem Rückweg sind die Wege mittlerweile geflutet und wir balancieren bis zu den Oberschenkeln im backwater stehend über Baumstämme, Rodrigo und Matteo voran und weil der Kleine so gekonnt balanciert wie ein Zirkusäffchen, übergeben wir die Kamera besser ihm. Noch nie war ich so nah in der Natur, noch nie fühlte ich mich ihr so ausgeliefert und noch nie hatte ich so viel Respekt vor dem perfekten Kreislauf des Lebens.
„It’s earthquake weather“, sagt Enrico, der Besitzer der Pizzeria in Bahia Solano. „First it gets really hot and it won’t rain, then there is this silence of the animals and the next day, there’s an earthquake.“
In der Nacht kommt der Regen. Ich wache auf, weil es auf einmal unglaublich laut ist. Für ein paar Sekunden verstehe ich nicht, was hier passiert. Ein ohrenbetäubendes Rauschen erfüllt den offenen Bungalow und ich fühle mich, als sei ich mitten in einer riesigen Welle gefangen, die sich aufbäumt und gleichzeitig bricht. So hört sich das also an, ein sturmflutartiger Regen, der auf die Blätter des Dschungels prasselt. Alles, was ich hier mit meinen Sinnen erfahre, ist vollkommen neu.
Jetzt sitze ich auf der Veranda und warte darauf, zum Flughafen zu fahren und in das Flugzeug zu steigen, das mich hierher gebracht hatte. Der Flug wurde mittlerweile dreimal verschoben. Ach, was solls.
Die Sonne brennt, meine Haut auch. Ich habe keine Angst. Ist doch nur ein Flug.
(Nachtrag: Das Flugzeug hatte mit Turbulenzen beim Landeanflug zu kämpfen und ich habe mir in die Hosen geschissen.)
(vielen Dank an Deniz für einen Großteil der Bilder.)
Route: Medellin, Flug nach Bahia Solano. Unterkunft: Posado del Mar. Ausflüge im Umland und zum Nationalpark Utria via TukTuk und Motorboot.)








