Die Feiertage stehen vor der Tür und ich gehöre der kleinen? großen Gruppe festfrei angestellter Menschen an, die bis Dienstagabend noch arbeiten werden, um mit der einbrechenden Dunkelheit den Koffer zum Auto zu tragen und gen Heimat zu düsen. Das habe ich nicht aus dem Grund heraus entschieden, weil ich so gestresst bin und wir alle so verdammt gestresst sind und überhaupt Stress das einzige Thema ist, worüber wir reden können, sondern, weil ich mich freiweillig dazu entschieden habe. Ich liebe meine Arbeit, ich erblühe förmlich beim Abhaken von to-do-Listen und diese letzten zwei Tage vor Weihnachten ermöglichen mir es, in Ruhe das zu tun, was ich erledigen möchte. Weil sowieso keiner mehr auf E-Mails antwortet, werde ich nicht mit externen Anfragen genervt und schreibe einfach munter vor mich hin. Und kann ganz geruhsam ins neue Jahr starten, ohne, dass ein Deadlinesturm über mich hereinbricht.
[pullquote]Ich habe ein Leben. Verstehste?[/pullquote]
Meine sehr geschätzte Kollegin und Freundin Iseult hat für ZEITjUNG die Tage einen tollen Artikel geschrieben: „Heult leiser! Stress ist der neue Schwanzvergleich“. Nun muss man diesen Artikel natürlich mit einer Prise Selbstironie lesen, um ihn für sich annehmen zu können und nicht mit dem Finger auf Mitmenschen zu zeigen. Man muss zugeben können, dass wir alle gerne zur Riege der außergewöhnlichen Gestressten gehören, denn das suggeriert das Folgende: Ich habe ein Leben. Verstehste? Ich habe zu tun und keine Zeit und schon gar keine für dich, aber hey, ich mach kurz Platz, weil eigentlich mag ich dich ja, kannst du auch um viertel vor 9, weil auf die 8 schaff ich es echt nicht.
Ich kann es nicht mehr hören. Seitdem ich vor einer Woche via WhatsApp mit einer Freundin, die noch um 20 Uhr im Büro saß, hin und her textete, dass diese letzten Tage im Jahr einfach purer Wahnsinn seien, da habe ich mir den Mund verboten. Ich mag nicht mehr. Weder gestresst sein, noch andere mit meinem Leiden belasten. Stress, das ist eine Erfindung, hat die weise Louise L. Hay mal gesagt und ich rufe mir ihre Worte immer öfter ins Gedächtnis, wenn ich die Haustür aufschließe und beim Abstreifen meiner Schuhe leise seufze. Ich armes Ding, habe ich doch einen Job, eine tolle Wohnung und ein paar Euronen auf dem Konto.
Achtung, das ist jetzt wirklich nichts Neues, aber da es jedes Jahr so unerwartet kommt wie Weihnachten selbst, hier ein kurzer Reminder aus meiner eigenen Feder: Stress gibt es nicht.
Pah, rufen sie mir entgegen, die Systemgastronomen in der Fußgängerzone, die Druckereien, die in letzter Sekunde unsere Weihnachtskarten in Auftrag nehmen, der Graphiker, der dem Magazin doch noch schnell ein neues Outfit überstülpen soll. Aber lasst es mich erklären. Natürlich gibt es Zeiten, in denen wir Hektik verspüren, Angst haben, Menschen oder dem Job nicht rechtzeitig gerecht zu werden. Aber je gestresster wir werden, desto schlimmer wirds, das ist ein einfacher Kreislauf, noch viel einfacher, als 2+5 zusammenzuzählen. Denn das Wörtchen Stress entsteht nur im Kopf. Aber kurzes Durchatmen, Yoga neben dem Schreibtisch, einen kolumbianischen Kaffee machen oder Rosenblütentee aufsetzen und dazu ein paar Trüffelpralinchen naschen, das, Freunde, durchfährt den Körper und wandert relativ schnell in den Geist. Heißt? Naja, das muss ich nicht erklären, wir sind hier schließlich nicht auf einem Body&Mind Blog.
[pullquote]Legt euch danach in die Badewanne, feiert eure glorreichen Siege und euer fabelhaftes Selbst und schaltet das Handy aus, denn wer rund um die Uhr verfügbar sein möchte, nun ja, der ist es auch.[/pullquote]
Also. Hört auf, gestresst zu sein. Und noch viel wichtiger: Hört auf, andere mit euren Erste-Welt-Problemen zu nerven. Ich mein’s ernst, wenn noch einer ankommt und denkt, er würde mit seinem Leidensmonolog aus der Masse herausstechen mich mitsamt meiner Omm-Ausstrahlung in seinen Stressschlamm hineinziehen, lehne ich dankend ab und schicke die Person mitsamt allen imaginären Problemen postwendend zurück. Denn es ist mir egal, wer wiedermal nicht weiß, was er an Weihnachten anziehen soll, weil das Outftit für Silvester echt nicht zwei mal geht und noch dazu die Ideen ausgehen für all die möglichen Weihnachtsgeschenke, die ja auch noch von Herzen kommen sollen.
Zieht das Outfit zweimal an, denn Oma und Opa sind sicherlich nicht bei der Silvesterparty dabei und wenn doch, haben sie bis dahin schon wieder alles vergessen. Und wenn die Geschenke sich nicht von alleine kaufen lassen, dann durchstöbert DIY-Blogs, geht online shoppen (außer bei Amazon) oder schenkt euch Zeit, wahlweise auch eine Elefantenpatenschaft. Legt euch danach in die Badewanne, feiert eure glorreichen Siege und euer fabelhaftes Selbst und schaltet das Handy aus, denn wer rund um die Uhr verfügbar sein möchte, nun ja, der ist es auch. Strukturiert sein ist sexy, fertig vor Deadline das neue Schwarz und wenn das alles nicht klappt, ja mei, dann seid ihr einfach herzzerreißend menschlich und sympathisch.
Wir alle haben das Recht zu atmen und nicht im Leiden einer an der Konsumnadel hängenden und scheiß verwöhnten Gesellschaft zu ersticken. Zu viel Pathos und kein Grau zwischen Schwarz und Weiß? Na gut, dann haben wir eben alle ab und an Stress, schon klar. Aber ist die Idee, sich in schöner Runde zu treffen und die Qualität der Zeit richtig zu genießen, nicht viel wertvoller, als beim Nächsten alles abzuladen und gemeinsam gebückten Rückgrates nach Hause zu wanken?
Vielleicht arbeiten wir mal daran. An Dingen, die nicht passen, aber angepasst werden können. Wenn wir mal wieder bisschen mehr Zeit haben, versteht sich.

Super Artikel, Ani!! Das ist auch leider der Grund warum ich mich seit einigen Monaten „isoliere“.. lieber kuschlig auf der Couch mit einem guten Buch oder guter Musik gemütlich machen, als mich mit Leuten treffen, die sich nur selbst reden hören wollen und zuhören ist nicht mehr.. Ich kann mir die Erste-Welt-Probleme auch nicht mehr anhören, vor allen Dingen wenn es um Fashion/Make-Up geht…
Ganz liebe Grüße und einen guten Rutsch
Aylin (die Future-Aussteigerin :-P)