Der Tag, an dem ich beschloss, dass Glück nichts mit Esoterik zu tun hat.

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Annika Settergren hat sich nie etwas getraut. Hat mich ja persönlich immer gestört am Coolness-Faktor der Serie, aber Pippi – wie wir alle wissen – hat das wieder ausgeglichen. Deswegen war ich auch immer Pippi an Karneval.

Annika wollte ich nie sein, auch wenn meine gute Mutter mich nach der Rolle in der TV-Serie benannt hatte. Verblüffender Weise sah ich ihr sogar ähnlich. Der Annika, dieser absoluten Miesepetra und dem Angsthasen hoch tausend.

Wofür stand Pippi Langstrumpf, die Serie unserer Kindheit, die hoffentlich nicht nur mich geprägt hat und mir nach wie vor jedes Jahr die weihnachtlichen Tage versüßt?
Für Mut. Für Frech Sein. Letztendlich für Glücklich Sein. Und als ich heute Abend in der frühen Abenddämmerung mit dem Fahrrad nach Hause gefahren bin, da habe ich mich dabei ertappt, dass ich ganz leicht und vielleicht ein bisschen unverschämt, aber auf alle Fälle absolut unbewusst, vor mich hingegrinst habe.

Etwa, weil ich glücklich bin, fragte die Stimme in meinem Kopf. Das darf man ja nicht sagen, das muss man wenn überhaupt fragen.

Denn wer ist schon glücklich? Es gibt schließlich immer dieses letzte Puzzleteil, das nicht passt und selbst wenn es passen wird, dann bricht es doch irgendwann ab und passt auf einmal nicht mehr. Also, wer ist glücklich? Außer ganz Bhutan, aber müssen wir nun alle da hin? Na, das ist nun auch keine Lösung. Denn Glück, das sollte doch immer noch ortsunabhängig sein.

Ich glaube, mal abseits von der Tatsache, dass Jammern einfach zu vielen Menschen Spaß macht, hat das Glück den Ruf, ein Ziel darzustellen. Man muss arbeiten für sein Glück, man muss einen langen Weg gehen, man muss kämpfen, um irgendwann dann beim Glück anzuklopfen zu dürfen.

Scheint wie der Passierschein A38 aus Asterix und Obelix: Wir kommen nicht an und am Ende sind wir dann auch noch verrückt.

Glück wird als utopisches Ideal angesehen, etwas, das angehimmelt, jedoch nie erreicht wird. Ich glaube ja, weil es uns Angst macht, glücklich zu sein. Denn in unserer Vorstellung wären wir damit am Ende angelangt. Ein anderes Problem ist auch, dass viele den Begriff mit den Sonnenstunden des Lebens verwechseln. Falsch gedacht. Glücklich sein bedeutet nicht, die Schattenseiten auszublenden und Glück ist auch keine Momentaufnahme am Strand von Bali, nein, Glück ist ein Zustand der Gesamtsituation. Ein Ja zu den Umständen. Dazu kann auch gehören, dass man die Chance hat, ordentlich die Meinung gegeigt zu bekommen. Das kann nämlich heißen, dass man verdammt gute Freunde hat und keine Lackaffen, die es wie Sand am Meer gibt (auch in Bali).

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Und so fuhren auf einmal meine Gedanken gemeinsam mit meinem Fahrrad eine gerade Linie nach Hause. Das war der Tag, an dem ich beschlossen habe, glücklich zu sein. Denn es spricht absolut rein gar nichts dagegen. Alle meine Jobs machen mir Spaß und die, die das nicht taten, habe ich dieses Jahr hinter mir gelassen. Ich habe Freunde, die mein Köpfchen streicheln, mich aber gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass so viel Drama nun doch nicht nötig sei. Ich habe das Privileg zu reisen, mehrmals im Jahr, wenn ich ehrlich bin, sogar wann ich will und wohin. Ich habe einen Mann, bei dem ich zum ersten Mal das Gefühl habe, er würde meine Schwächen genauso wertschätzen wie meine Stärken. Halleluja.
Und was wäre nun, wenn alledem nicht so wäre, höre ich die Stimmen aus den letzten Reihen. Nun ja, diese Phasen haben wir alle. Aber haben wir nicht genau dann die Chance, alles dafür zu tun, dass es so wird, wie wir es uns wünschen? An der Endstation angekommen, müssen wir uns unweigerlich umdrehen, neue Wege beschreiten, den Blickwinkel ändern. Was Besseres kann uns kaum passieren.

Glück ist für mich nicht unbedingt, 100 Euro im Lotto gewinnen und beim neuen Urban Outfitters auszugeben, sondern Verantwortung übernehmen zu dürfen und das absolut Bestesteste daraus zu machen. Weil alles, absolut alles, in den eigenen Händen liegt. Und wenn es nicht weiter geht, wenn kurzzeitig alles in schwarz gehüllt ist, dann gibt es immer jemanden, der die Wände wieder bunt anstreicht. Oder ganz hinten im Eck ein Licht anknipst.

Und mal abgesehen davon: Es ist auch Glück, mehr ein Privileg, die Dinge zu betrauern, die wir alle betrauern: Wenn das Haustier verstirbt (dann hatten wir jahrelang einen ganz tollen Begleiter), wenn die Lokführer streiken, (dann können wir unbekümmert unsere Termine absagen und auf unzuverlässige Verkehrsmittel schieben), wenn wir den vermeintlich schlimmsten Streit (weil, wir reden gerne in Superlativen) unseres Lebens hatten (dann wissen wir zumindest, dass es jemanden gibt, dem wir es wert sind, sich mit uns auseinanderzusetzen).

Aber weil der moralische Zeigefinger ziemlich unsexy ist und die meisten Dinge im Leben sehr subjektiv sind, so kann und darf Glück natürlich für jeden etwas anderes darstellen. Allerdings wäre es für die Gesamtproduktion an Glückshormonen weltweit von großem Vorteil, wenn wir alle eine Schnittmenge teilen, die stetig anwächst.

Neulich wurde mir folgender Satz gesagt: „Schreibe über deine Gefühle, aber bitte nicht esoterisch.“
Ich glaube, ich war so perplex, dass ich richtig dämlich geguckt habe. Ich musste mich unweigerlich fragen, ob wir mittlerweile auf esoterischen Ebenen angekommen sind, nur, wenn wir mal zugeben, neulich kurz geweint zu haben? Sollte ich mich bei Astro TV bewerben, weil ich meinen Emotionen gerne Worte verleihe? Wenn das der Fall ist, wenn Gefühle mit Esoterik verwechselt werden, dann ist das Ende der Menschlichkeit ganz nah. Aber ich, ich bin ehrlich gesagt ziemlich glücklich darüber, dass ich meine Gefühle zeigen kann (und darf).

Für mich ist alles verknüpft. Glücklich sein bedeutet mutig sein bedeutet authentisch sein bedeutet Gefühle zulassen bedeutet glücklich sein.
Das ist eine einfache Formel. Und nein, ich war nie gut in Mathe.

„Die Menschen halten mich für einen Irren. Aber das bin ich nicht. Ich bin so, wie sie selbst gerne wären, wenn sie nicht so viel Angst hätten“
-Johnny Depp

 

Fotocredit: Deniz, China, Okt. 2014

 

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