Es ist ein Gefühl

Es ist ein ekliges Gefühl. Das mir die Wirbelsäule emporkriecht, als ich Freitagnacht an einer Pommesbude an der Warschauer Straße in Berlin stehe. Ich bin gerade damit beschäftigt, eine betrunkene Freundin dazu zu bringen, etwas zu essen, als auf dem Handy meiner anderen Freundin eine Nachrichtenmeldung aufploppt. Mit einem Inhalt, der Geschichte schreiben wird.

Und der Wind klatscht so eisig in mein Gesicht, als wolle er den Ekel nur noch mehr verstärken und der Regen, der fällt, ist leider nicht stark genug, um den Kloß in meinem Hals hinwegzuschwemmen.

Es ist ein surreales Gefühl. Zu wissen, zu spüren, aber es auch noch zu schmecken und zu riechen, was vor drei Wochen pures Glück war. Nachts entlang am Canal Saint-Martin laufen, der Duft der Patisserien immer in meiner Nase und die wärmende Sonne auf meinem jetzt so kalten Gesicht.
Schon einmal saß ich fassungslos vor dem Fernseher, damals, mit 14, als ich am 11. September nicht nur eine Trägodie beweinte, sondern all meine Erinnerungen an eine Stadt, durch die ich glücklichen und leichten Herzens noch zwei Tage vorher hindurchschwebte.

Ich fühle mich wie damals, nur dass ich mich da in mein Bett verkrochen habe, mitsamt der Vorstellung, mich wahrhaftig verstecken zu können. Und zu müssen.

Es ist ein lähmendes Gefühl. Diese einzelnen Stadien der Trauer, und am Ende steht da dann die Wut, die hilft, dass es weiter geht, der Motor für alles. Im Fall meiner französischen Freunde und allen Menschen dieser wunderbaren Stadt, dass sie sich trauen, die Türen wieder zu öffnen. Sicherlich dauert es eine verdammt lange Zeit, bis Minuten und Stunden, gar Tage vergehen können, die so etwas wie unbeschwert sein werden.

Es ist ein wichtiges Gefühl. Zu trauern. Und das Schöne daran ist, dass jeder das auf seine Weise tun darf. Ich finde es beschämend, dass in Zeiten wie diesen wahrhaftig über das Ändern eines Profilbildes debattiert wird und ich finde es traurig, dass gegen den Hashtag #prayforparis gehetzt wird, wenn doch der Glaube an Menschlichkeit, an Hoffnung und an Liebe darin steckt; mehr als alles andere.
Beten, das ist ein so altes und urmenschliches Verlangen, dass es mit Religion für mich in erster Linie gar nichts zu tun hat. Beten, das wird von den Religionen dieser Welt letztendlich instrumentalisiert für eigene Zwecke, doch es ist schlichtweg ein Zeichen von Respekt und dem Hilfesuchen, dem Willen zu glauben - an was auch immer.

Viel mehr sollten wir uns doch fragen, wo sich die syrische Flagge all die Monate versteckt hat und warum es keine libanesische zur Auswahl gibt?

Warum der Tod weißer Menschen nach wie vor mehr zu bedeuten scheint als das Sterben eines Mannes, der in Beirut sein Leben opfert, um einen Selbstmordattentäter von seinem Vorhaben abzuhalten.

Es ist ein selbstverständliches Gefühl. Sich als eins zu fühlen. Denn nichts anderes sind wir. Wir sind eins und wir werden immer eins sein. Grenzen haben wir gebaut, Religion erfunden und Kriege begonnen. Darunter aber liegt der gute Mensch, der einfache Mensch, der sich nach Ruhe und Frieden sehnt und nichts anderes möchte, als einem Freitagabend, und sei es auch der 13., in einer Bar zu sitzen und ein Bier zu trinken und das Schlimmste, das ihm dabei passieren sollte, ist die schwarze Katze, verkleidet im Kater am nächsten Morgen.

Ich persönlich werde - und das ist meine Meinung, denn dieser Blog steht dafür, dass ich sage, was ich denke - mit denjenigen weiterdiskutieren, die anderer Ansicht sind als ich. Ich werde versuchen, den Menschen, die Ängste spüren und schüren, für die ich selbst nicht offen bin, auf Augenhöhe zu sprechen.
Ich werde aber auch durchgreifen, so wie ich es an diesem Wochende schon getan habe, indem ich vermeintliche Freunde bei Facebook gelöscht habe. Ich werde auch weiterhin stolz sein, dass meine Eltern in der leerstehenden Wohnung ihres Hauses eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen möchten, ich werde weiterhin mit Helfern direkt vor Ort in den Unterkünften sprechen, um mir ein echtes Bild zu machen, ich werde dann wiederum darüber berichten und werde immer noch spenden und helfen, denn jetzt kommt der Winter, Freunde, und damit ist doch alles gesagt.

Zu guter Letzt werde ich reisen, am besten noch mehr als zuvor, damit der Horizont niemals erreicht werden kann, damit ich zumindest versuchen kann, Fremdes zu verstehen, offen zu sein, und einen Teil der Gastfreundschaft, die ich weltweit erfahre, mit nach Hause zu nehmen und an diejenigen weiterzugeben, deren Leben von unserem Verhalten abhängt. Wir sind es uns schuldig, wir sind eins.

Denn ich möchte morgens in den Spiegel schauen können und ich möchte dabei wissen, dass ich das Richtige getan habe. Nicht nur für mich, sondern für die Welt, in der ich lebe und die ich übergebe an eine Generation, die vielleicht irgendwann einmal die Geschichtsbücher aufschlagen und dabei sagen wird: Warum haben sie es so weit kommen lassen?


„Denn auch wenn alle Photonen der Welt das nicht erleuchten können, können alle Kanonen der Welt das nicht zerstören.“

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