Happiness only real when shared - Vom Aussteigen und Untertauchen

losangeles

Alles fing damit an, dass ich mich mit einer Figur in einem meiner Texte auseinandersetzte, die einfach so verschwand. Und weil ich mir das vorstellen konnte, mich allerdings nicht mit der Materie verschwundener oder gar untergetauchter Personen auskannte, hatte ich meinen Cousin angerufen, der Polizist ist und mich näher an das Thema heranbringen konnte.

100.000 Menschen werden in Deutschland jährlich als vermisst gemeldet. Drei Prozent gelten als Langzeitvermisste.

Ich fand es bedrückend, wie auch gleichzeitig unglaublich spannend und es entwickelte sich ein Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Also fand ich mich in den letzten Wochen in einer detaillierten Recherche wieder, telefonierte mit einem auf Vermisstenfälle spezialisierten Journalisten und bot ZEITjUNG.de an, einen Artikel darüber zu schreiben.

Mittlerweile kenne ich mich mit der Thematik ein bisschen besser aus und frage mich seitdem, ob ich auf meinen Reisen schon einmal jemanden getroffen habe, der ganz bewusst untergetaucht ist und nicht von Menschen seines alten Lebens wiedergefunden werden möchte. Haben wir? Maybe.

Im Allgemeinen ist die Romantisierung des Aussteigens sehr utopisch und zählt nicht wirklich zu den Gründen, warum manche Menschen einfach verschwinden. Da muss man schon ein bisschen tiefer graben und stößt dabei auf Ursachen wie Morddrohungen, Schulden oder gewalttätige Stalker. Trotzdem gibt es auch diese kleine Randgruppe, die bewusst aus der Gesellschaft aussteigt oder zumindest nur dann in sie eintaucht, wenn sie es will. Diese drei Prozent.

Meine Gedanken kreisten in den letzten Tagen sehr um Christopher McCandless, dessen Geschichte mich seit Jahren bewegt und am Anfang überhaupt keine Ruhe gelassen hatte. Ich liebe den Film, habe das Buch verschlungen und schon damals alles nachgelesen, was es über diesen Fall zu lesen gab.

Und ich kam immer wieder an den Punkt, dass das für mich selbst niemals eine Option wäre, ich es aber nachvollziehen kann. Die Umstände im Leben machen einfach alles aus. Und wenn manche nicht mehr weiter wissen, dann fangen sie wohl einfach an zu laufen. Auch bei ihm, der vordergründig in die Natur wollte und gleichzeitig dem Konsum und in seinen Augen falschen Werten entsagte, hatte so viel tiefliegendere Probleme, denen man sich kaum alleine zu stellen vermag.

Und da wird mir klar: Ich bin definitiv schon manchen Aussteigern begegnet.

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Da wäre beispielsweise der Tauchlehrer, den ich an der kolumbianischen Karibikküste im Hippiedörfchen Taganga kennengelernt hatte. Er war seltsam, einerseits der typische Aussteiger - wenn man dieses Wort für sich in irgendeiner Form mal definiert hat - andererseits prankte ein großes Tattoo auf seiner Brust, mit der Aufschrift „Freistaat Bayern“. Ich fand es befremdlich, genauso, wie dort, am gefühlten Ende der Welt mit ihm über eine Kreuzung in München zu sprechen.

Und ich denke auch manchmal zurück an Daniel, dem Rastafari, den ich in Mumbai begegnet war. Ich werde nie vergessen, wie er mich anlächelte und meinte: „Es macht so viel Spaß, einen Flug absichtlich zu verpassen“, woraufhin ich selbst nicht mehr ins Flugzeug zurück nach Deutschland einsteigen wollte; mit jeder Faser.

Aussteigen verstehe ich. Das kann ich greifen und für mich in einen Kontext bringen, den ich nachvollziehe. Und den ich irgendwie selbst mal erleben möchte. Aber Untertauchen, bewusst nicht gefunden werden wollen, das fühlt sich unwirklich, fast schon falsch an. Vor allem für diejenigen, die zurückbleiben und sich ihr Leben lang Fragen stellen, deren Antworten sie nicht bekommen sollen.

„Happiness only real when shared.“ - Christopher McCandless

Das hat der Junge verstanden, kurz vor seinem Tod, dort ganz alleine in der Wildnis Alaskas. Und das kann ich unterschreiben. Manches sollte man mit sich selbst ausmachen und es für sich alleine im Herzen tragen. Aber nur, weil ich einen wunderschönen Moment teilen möchte und weil ein Sonnenuntergang mit der richtigen Person sich ganz anders anfühlt, als ihn alleine zu betrachten, heißt es nicht, dass sich der Moment dadurch verändert. Für mich.

Wie schrieb mir ein Leser diese Woche so schön? Mitteilen kommt von Teilen.

Teilen ist das Größte. Hat was mit Liebe zu tun. Und im Teilen steckt auch eine gewisse Verantwortung. Zum Beispiel die, dass man ab und an teilt, was man erlebt, wenn man sich wieder einmal wochenlang von den geliebten Menschen zuhause verabschiedet.

„It should not be denied that being footloose has always exhilarated us. It is associated in our minds with escape from history and oppression and law and irksome obligations. Absolute freedom. And the road has always led west.“ - aus „Into the Wild“

 

Nachtrag: An Weihnachten 2014 habe ich das Buch von McCandless Schwester „Wild Truth“ verschlungen. Es bringt sehr viel Licht ins Dunkel und ist eine große Empfehlung für alle, die mehr über seine tragischen Beweggründe wissen möchten.

5 comments

  • Wie immer wunderschön geschrieben, deshalb teile ich jetzt einfach mal meine Begeisterung 🙂

  • Toll geschrieben, habe mir auch gleich den Artikel auf zeitjung durchgelesen, eine meiner Lieblings-Seiten 🙂
    Aussteigen kann wahrlich sehr viel Spass machen, aber für’s Untertauchen liebe ich das Zurückkehren viel zu sehr.
    Lieber Gruß.

    • Liebe Janina,

      oh schön, ich finde es super, wenn man quer liest und somit vieles entdeckt. Zeitjung ist wirklich super!

      Geht mir genauso, ich könnte nie untertauchen, mein Drang des Teilens und Mitteilens ist außerdem viel zu groß 😉
      Lieben Gruß zurück!

  • […] das nicht von Anfang an leicht ist, denn eigentlich lebe ich nach dem Prinzip happiness only real when shared. Ich brauche, zumindest auf Reisen, Menschen, mit denen ich meine Eindrücke teilen kann. […]

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