[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffee in Kombination mit Schokolade. Deswegen gibt es ab jetzt unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]
Kaffeesätze #3: Lost in Translation
Ani erzählt:

Ich bin total lost in translation. Vier Wochen vor meinem Abflug habe ich angefangen, Spanisch zu lernen, weil in Kolumbien niemand Englisch kann. Hier im Alltag merke ich allerdings, dass kaum ein grammatikalisch korrekter Satz meinen Mund verlässt. Manchmal lege ich mir Redewendungen zurecht, von denen ich weiß, dass ich sie später am Tag brauchen werde. Dann sage ich sie im passenden Moment, bin extrem stolz – und verstehe nur Bahnhof, wenn mein Gegenüber nachhakt. Ich kehre dann jedes Mal frustriert zu meinem Standardsatz zurück.
No hablo español… si… desculpe… gracias.
In den letzten Jahren war ich immer mal wieder in der Situation, in der ich als Einzige einer Gruppe die Sprache nicht beherrschte. Das ist für alle Beteiligten eine unangenehme Situation, denn diejenigen, die kein Englisch sprechen, wissen, dass sie mich mehr oder weniger ausschließen und ich, tja, ich fühle mich sowieso nicht integriert. Erst vor zwei Wochen saß ich im Auto mit vier weiteren Personen, die wild auf Spanisch gegackert und gelacht haben. Ich habe mitgelacht. Allerdings aus verlegener Höflichkeit, nicht, weil ich die Witze verstanden habe.
Gina, so komplett lost in translation zu sein, das ist für mich echt schwer. Ich, die so gerne ihr Gegenüber verbal in den Boden stampft, wenn es zu einer Diskussion kommt. Vor ein paar Tagen musste ich eine Beschwerde-E-Mail an eine kolumbianische Fluggesellschaft verfassen und du kannst dir sicherlich vorstellen, wie schlecht formuliert sie ausgefallen ist und mir diese Tatsache fast die Tränen in meine Äuglein trieb.
Mit den verschiedenen Sprachen auf dieser Welt kommen auch die Herausforderungen. Ich liebe die Vielfalt und den Klang einer fremden Sprache. Außerdem besteht dadurch immer die Möglichkeit, sie zu lernen. Andererseits sind die Momente, in denen man alleine in einem anderen Land ist, sehr frustrierend, wenn man von niemandem verstanden wird und man anfängt, Selbstgespräche zu führen. Um der heimatlichen Sprache willen.
Eine Sache wird mir allerdings immer auf Reisen bewusst: Ich liebe die deutsche Sprache. Und nein, sie besteht nicht nur aus einem Krächzen im Rachen, wie Margarita, meine Vermieterin hier in Medellín, behauptet und dies mit seltsamen Geräuschen untermalt. Rilke hätte sich im Grab umgedreht. Ach, da ist doch so viel mehr. Da kann so viel zwischen den Zeilen stehen, zwischen den Worten. Und für jeden Begriff gibt es tausend Worte. Vielfältiger und schöner geht’s kaum. Deutsch als Weltsprache. Das wäre doch was.
Gina erzählt:

Eigentlich könnte ich mich freuen, denn ich habe es mir über die letzten Monate in meiner hauseigenen Erasmusblase so richtig gemütlich gemacht: Germanistikkurse auf Italienisch sind machbar, da hier und da immer ein deutsches Wort fällt, dass der Orientierung verhilft. Meine Kommilitonen freuen sich, an mir endlich mal ihre Deutschkenntnisse zu erproben. Und meine neuen Freunde kommen vor allem aus Australien, Amerika und nun ja, Deutschland. Lost in Translation? Weit gefehlt. In der Touristenhochburg Venedig spricht man auch im kleinsten Café in der abgelegensten Gasse noch ein paar Fetzen Englisch – an hochfrequentierten Plätzen meist noch Französisch oder sogar ein paar Brocken Deutsch. Und wenn ich dann irgendwo den Mund aufmache, um selbstbewusst meine italienischen Sätze vorzutragen, so erkennt man mich natürlich gleich als Auswärtige und antwortet fluchs auf Englisch. Und auch wenn das in den meisten Fällen einfach nett gemeint ist, so wird einem doch immer wieder vorgehalten: Du gehörst nicht dazu.
Dass Venedig in Italien diesbezüglich allerdings eine Sonderstellung einnimmt, wurde mir spätestens klar, als ich in Verona einmal in den falschen Bus stieg und abseits des touristisch geprägten Stadtzentrums tatsächlich niemand mehr ein Wort Englisch verstand. Da durfte ich dann im Gehirn nach Worten graben und durch wilde Gesten mein Anliegen deutlich machen (das verstehen die Italiener sowieso!). Was ich damit sagen will, liebe Ani, ist Folgendes: Mich müsste man tatsächlich mal öfter in ein Auto mit einem Haufen Italiener pferchen. Eine Sprache lernt man schließlich am besten durch Sprechen. Und die Frustration der Sprachlosigkeit ist gleichzeitig die Motivation, Grammatik zu pauken und sich überhaupt zu trauen, den Mund aufzumachen – auch wenn das, was rauskommt, am Anfang vielleicht manchmal keinen Sinn ergibt.
Stattdessen macht sich hier Bequemlichkeit breit: Lieber mit Freunden aus aller Welt noch mit einem Spritz auf dem Campo Santa Margherita anstoßen, als daheim zu sitzen und Verben zu konjugieren. Da lernt man zumindest so wichtige Sachen wie: „Ha un accendino?“ (Haste mal Feuer?) Und während unser Italienisch definitiv noch zu wünschen übrig lässt, rühre ich nebenbei die Werbetrommel für die deutsche Sprache. Der neue Lieblingsausdruck meiner Erasmuskumpanen lautet neuerdings „treulose Tomate“. Darauf lässt sich aufbauen, oder?

Ah! Ja, sich unters Volk mischen, das ist es! Und klar frustriert das erst einmal. Aber man kann ja auch ein paar Brocken Deutsch zurückschießen. Nur so zum Spaß : ) Ich habe das „Volk“ in meiner Küche (mein Mann, der Argentinier mit den italienischen Wurzeln) und 1.5 km vor der Haustür die liebenswert-verrückten Holländer. Ich hab Spaß mit den Sprachen, auch wenn die Sätze alles andere als perfekt aus meinem Mund sprudeln. Herrlich! Jutta
Wow, Argentinier mit italienischen Wurzeln? Diese Kombination möchte ich mein Eigen nennen

Du hast vollkommen recht, ich liebe auch Sprachen und würde am liebsten jede können. Wenn ich überlege, welche ich endlich mal abseits von Englisch und ein paar Brocken Spanisch angehen möchte, kann ich mich nicht wirklich entscheiden.
Viel Spaß beim Sprudeln lassen!