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#Kaffeesätze (1): Studium? Ausbildung? Arbeitslosigkeit.

[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeekränzchen mit Sojamilch und Schoki. Deswegen gibt es ab jetzt unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]

1. Studium? Ausbildung? Arbeitslosigkeit.

Ani erzählt:

Ich habe nie studiert. Und manchmal erwische ich mich dabei, dass ich mich dafür schäme, denn in meiner Generation hat fast jeder zumindest mal irgendwann irgendwas studiert – vor allem mit einem soliden, bayerischen Abitur, wie ich es habe. Haha.

Naja. Meine Ausbildung zur Schauspielerin war einem Studium insofern ähnlich, dass ich am Anfang nur gefeiert habe und zum Ende hin die Panik bekam, ich würde nicht gut genug sein. Zukunftsängste haben wir Schauspieler ja erfunden. Mittlerweile bin ich seit über drei Jahren fertig mit meiner Ausbildung und empfange meine vorerst arbeitslosen, studierten Freunde mit den Worten „Willkommen im Club!“. Die meisten um mich herum haben hervorragende Abschlüsse hingelegt und sind trotzdem erst mal famos in die Arbeitslosigkeit geschlittert. Da stehe ich dann bereit, um ihnen zu erklären, dass das nicht so schlimm ist, dass es nicht der Anfang vom Ende ist, sondern ganz bald das Ende vom Anfang.

Mittlerweile weiß ich, dass ich einer dieser Studenten gewesen wäre, der nie weiß, welche Fächer er belegen soll und wahrscheinlich ständig abgebrochen hätte.
Einen ganz entscheidenden Grund gab es allerdings für den Wunsch eines Studiums:
Das Auslandssemester. Das, was du liebe Gina und mein Freund gerade genießen können. Vielleicht reise ich deswegen in jeder freien Minute.

Rückblickend glaube ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Auch die Fehler sind ja irgendwie richtig, das wissen wir meist im Nachhinein. Auch wenn ich nicht weiß, wie regelmäßig ich weiterhin vor der Kamera stehe, so hat mir die Ausbildung viel gebracht in puncto Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und dem Erlernen, an sich selbst zu glauben. Die Schauspielschule ist eine Therapie, eine fiese und manchmal hinterlistige Schule, von der man allerdings Einiges mitnehmen kann. Hätte ich sie nicht gemacht, hätte ich mich mein Leben lang gefragt, was wäre gewesen, wenn… Und das ist eine Frage, die ich schon immer versuche zu vermeiden. Sie raubt die nächtliche Ruhe und zaubert Sorgenfalten. Von denen habe ich bis jetzt keine. Hell yeah.

Gina erzählt:

mit Ginas Kulisse kann ich derzeit nicht mithalten!

Draußen scheint die Sonne, aber davon bekommen wir in dem fensterlosen 200-Mann-Hörsaal nicht wirklich viel mit. Seit 45 Minuten redet vorne ein Professor über den Anbruch der Neogothik, während meine Sitznachbarin Level 105 bei Candy Crush knackt. Dazwischen ich, die sich wieder mal die bohrende Frage stellt: Was mache ich hier eigentlich?

Zu Schulzeiten war ich der festen Überzeugung, das Studium würde die Zeit meines Lebens werden. Tagsüber würde ich wie Rory Gilmore mit Bücherstapeln beladen von einem spannenden Seminar zum nächsten hetzen, und abends mit dem zukünftigen Hemingway in verrauchten Kneipen über Literatur und Philosophie streiten. Die Realität holte mich da allerdings schneller ein als ich „Existenzialismus“ sagen konnte.

Das Witzige ist, liebe Ani, dass du sagst, du wärest wohl so eine, die ständig abgebrochen hätte, denn nach einem Jahr schoss ich Philosophie und Medienwissenschaften in den Wind und fing mit Kunstgeschichte und Germanistik noch einmal von Neuem an. Weniger, weil mir meine Fächer nicht gefielen, sondern mehr, weil mich einfach eine Menge interessiert.

Und obwohl ich den Laden manchmal gerne auf die Grundmauern niederreißen würde, ist mir vor allem die Freiheit wichtig, die man im Studium hat. Ich hab Zeit um einen Jahrhundertroman zu schreiben oder auszuschlafen – und mich in manch zukunftspanischem Moment zu fragen, ob es die Ausbildung zur Bankkauffrau nicht auch getan hätte. Denn, wie du es ja bereits beschrieben hast, auch mit einem Studienabschluss in Kunstgeschichte und Literatur hat wirklich niemand auf einen gewartet.

Diesen Text schreibe ich übrigens während einer Vorlesung, bei der ich nur Bahnhof verstehe. Dank Studium befinde ich mich derzeit in Italien und fahre jeden Tag mit dem Boot zur Uni. Ein klein bisschen neidisch darfst du da sein, liebe Ani, denn es ist wirklich ganz toll. Bin ich umgedreht aber auch auf dich, weil du stattdessen deinen Weg in der Schauspielschule gemacht hast – das war ganz lange auch ein Traum von mir.

„Studieren Sie auf Lehramt?“, fragte mich jüngst mein Erasmus-Koordinator. „Nein, auf Hartz IV“, antwortete ich. Da musste er lachen: „Sie finden ihren Weg, ich hab da vollstes Vertrauen in Sie.“ Und ich möchte ihm das wirklich gerne glauben.

Die #Kaffeesätze gibt es alle paar Wochen immer Sonntags bei Gina und mir auf dem Blog!

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3 Kommentare zu “#Kaffeesätze (1): Studium? Ausbildung? Arbeitslosigkeit.”

  1. Ich kenne sie auch diese Gefühle von “NichtStudiertHaben” … vermutlich ist es so ein unbewusstes Muster, an welchem wir uns werten, äußerlichem Etikett des Masters oder Bachelors.

    Spannend finde ich, dass die Jugend (zumindest beobachte ich dies an meinem Sohn) da heute auch anders reagiert - und bewusst die Wege der Ausbildung wählt, selbst wenn sie fern von Studium und fern von Konventionellem sind.

    Diesen Mut möchte ich vielen wünschen - bedeutet es doch der Weg ins “wirkliche” Lebensglück, sich zu verwirklichen …

    Mit Herzensgrüßen aus Tirol’s Bergen
    Daniela

    ✿◠‿◠)✿….♥

    PS
    wen’s interessiert, hier hab ich über den Sohn uns seinen Weg geblogt:
    http://www.danielahutter.com/2014/01/23/vom-sohn-der-mit-den-schmetterlingen-flüstert/

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