meer.
Wenn Abschied ein Gesicht hätte, dann wäre er eine hässliche Fratze, die mich angrinst. Eine tiefe Narbe an einer schönen Stelle meines Körpers. Ein Harlekin, der mich durch seine Tränen hindurch beäugt.
Ich war schon immer verdammt schlecht, wenn es um Abschiede ging. Wahrscheinlich habe ich irgendwann einmal zu laut „Hier“ gerufen, als es um die Vergabe von Tränen ging. Oder allgemein, Emotionen. Was soll man machen, wenn man derjenige ist, der sich in diesem Moment nicht über das Vergangene erfreuen und gleichzeitig voller Hoffnung in die Zukunft blicken kann? Wenn man derjenige ist, der feststeckt, im eigenen Labyrinth unausweichlich scheinender Trauer.
Abschied von einer geliebten Person, das ist für mich ein bisschen so, wie eine Disco am helllichten Tag zu betreten. Am Morgen danach. Die Erinnerungen hängen noch wie Rauchschwaden in der Luft und vermischen sich mit den Düften der vergangenen Zeit. Aber der Ort ist skurril, scheint beinahe absurd, und gäbe es die Bilder nicht, könnte man meinen, sich alles Erlebte nur eingebildet zu haben.
Glitzer auf dem Boden und nicht mehr im Haar, eine leere Schrankseite, ein viel zu großes Bett. Die kleinen Reste, die einen traurigen Hinweis darauf bieten, dass dieses Zimmer noch gestern voller Leben war, genau die sind es, die ganz leise das Herz brechen.
Es gibt Menschen, denen das gar nicht so schwer fällt. Bis zum letzten Moment des Abschieds können sie ihre Traurigkeit verbergen und sobald sie in eine neue Richtung gehen, blicken sie nach vorne. Ich weiß nicht, ob das pure Verdrängung ist oder eine Art und Weise, das Leben fabelhaft zu meistern. So oder so, ich bewundere das Können.
Oftmals habe ich das Gefühl, durch manche Situationen zehnmal hindurch gehen zu müssen, bis ich sie endlich greifen und mit ihnen umgehen kann. Und wenn ich mich über meine tagelange Trauer, über meine Lethargie und Abneigung gegenüber L E B E N aufrege, weil es einfach so unglaublich lange bei mir dauert, dann blicke ich jedes Mal in Rehaugen, die mir sagen: Deswegen schreibst du doch. Und deswegen ist es doch okay. Aber ich, ich wünsche mir nur eine oder zwei Tränen weniger.
Es gab da einen Moment, vor zwei Tagen. Da saß ich an einem der schönsten Strände, die ich bisher gesehen habe. Ich saß ganz vorne im Sand, da, wo er nass ist und das Wasser die Füße umspielt. Und wie der Wellengang das kristallklare Meer immer und immer wieder erneut anspühlte, mal sanft, mal forscher, wünschte ich mir, dass all meine Sorgen, die zu Hause auf mich warteten, mit einer der vielen Strömungen im Meer verschwinden könnten. Bis ich dachte:
Wenn du an diesem Strand sitzen kannst und Teil dieses Wunders werden darfst, dann hast du, irgendwo, und auf irgendeine Art und Weise, keine Sorgen. Dann ist an diesem Fleckchen Erde und für heute einfach alles in Ordnung.
Nietzsche sagte einmal: „Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken könnte.“
Ich halte weiterhin Ausschau nach meer. Denn die Vorstellung, das Leben würde nur so dahinplätschern, macht mir mehr Angst, als eine stürmische See, die mir die ganze Palette an Gefühlen gibt, für die es sich zu leben (und letztendlich weinen) lohnt.


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[…] Anika in Kolumbien unterwegs. Sie hat einige schöne Texte dazu geschrieben, gerade habe ich aber diesen Text über Abschiede entdeckt und finde ihn wunderbar. Auch ganz abgesehen vom […]
Auch ich heule oft Rotz & Wasser, wenn ich “Auf Wiedersehen” sagen muss. Aber ich stimme Dir zu: ein Leben mit Höhen, Tiefen und allem Dazwischen ist 1000 Mal lebenswerter, als nur so Dahinzuplätschern