Wo fange ich an? Vielleicht beim Ende. Ich sitze wieder in München und möchte zurück.
Das liegt nicht daran, dass ich mich nicht auf die Menschen hier gefreut habe. Oder dass mein Geburtstag aufgrund von starkem Jetlag und der Fülle an meinen Eindrücken der beiläufigste Geburtstag meines Lebens war. Auch nicht, weil es mir hier zu kalt ist. Wobei, das ist eine glatte Lüge.
Nein, ich will zurück, weil Loslassen so schwierig ist und das ist, was ich am allerwenigsten kann.
Ich ertappe mich dabei, wie ich an die Wand starre, weil vor meinem inneren Auge Bilder tanzen:
Ich wasche meine Klamotten in einer Strandhütte in Goa und hänge sie danach an eine Wäscheleine. Nachts schleicht sich ein kleines Kätzchen herein und schafft es, mich zu Tode zu erschrecken. Ich, wie ich staunend um halb 7 morgens vor dem Taj Mahal stehe und sehe, wie die aufgehende Sonne den weißen Marmor in warmes Licht taucht. Wie ich auf dem Roller sitze, das Haar nicht sitzt, das Meersalz schon längst Krusten auf meiner Haut hinterlassen hat und mein Blick sich in der dschungelartigen Landschaft verliert. Der kleine Betteljunge, dem ich in Jodhpur eine Spritzpistole kaufe, damit er das Holi-Festival feiern kann. Und wie seine Augen strahlen, als er sie wie eine Trophäe in der Hand hält.
Reisen ist Zauberei. Es gibt dir alles, was du brauchst, um zu wachsen, aber du musst es selbst verstehen, selbst für dich be-greifen. Und, letztendlich, die Magie entstehen lassen.
Du wirst verwöhnt, begeistert, mitgerissen. Du wirst aber auch an deine Grenzen gebracht, wenn die körperliche Erschöpfung naht oder die Armut, mit der du ungefiltert konfrontiert wirst, kaum zu ertragen ist. Und genau diese Mischung ist es, die wir brauchen, um über den Tellerrand zu schauen.
Es ist wichtig, zu erkennen, dass wir in einem der reichsten Länder der Welt leben. Hier gibt es alles, der Luxus kriecht aus jeder unserer Poren, jedoch spüren wir ihn nur und wenn überhaupt von außen. Vom Tellerrand aus. Da kitzelt uns das Bewusstsein manchmal kurz. Wenn wir dann doch mal ausgebrochen sind.
Wie funktioniert es, nicht immer gleich die ganze Hand zu wollen, wenn der Finger gereicht wird?
Wie funktioniert es, einfach mal anzunehmen, ohne sich schlecht zu fühlen und gleich etwas zurückgeben zu wollen?
Wie funktioniert es, eine Diskussion zu führen, ohne zu streiten und Mitmenschen zu beleidigen?
Wie funktioniert es, von einem anderen Menschen nichts zu verlangen und ihn so sein zu lassen, wie er ist?
Wie funktioniert es, nichts zu tun?
Wie funktioniert Dankbarkeit?
Üben. Ausprobieren. Reisen gehen und Berührungsängste in die Schranken weisen. Vor allem Ländern eine Chance geben, die so verwirren und faszinieren, wie Indien es tut.
Einer der ersten Sätze, den ich in Rajasthan gelesen habe, war ein deutsches Zitat, geschrieben an eine Tapete in einem der dreckigsten Löcher, in denen ich je gegessen habe. „Die Rationalität kämpft und verliert gegen Indien“.
Ich wünsche mir, dass sie irgendwann gegen die ganze Welt verliert. Dass wir uns unsere berechtigte Verrücktheit, Naivität, Verspieltheit und unser Kind-Sein eingestehen. Nicht immer alles in Frage stellen, nicht immer Ängsten so viel Macht geben.
Mehr Fühlen. Zusammen. Und mit erhobenem Herzen von Land zu Land ziehen.
Nachtrag, 08. Dezember 2015: Weil ich immernoch so weit davon entfernt bin, so zu leben, wie ich leben möchte, bin ich nun wieder in Indien …

