Die Cafés am Ende der Welt (1): Das Casa Rossa, Malawi

Es gibt sie überall. Kaffeeoasen im Nirgendwo. Sie sind genau da, wo man sie am meisten braucht, genau da, wo man sie am wenigsten vermutet, und genau das macht sie so besonders.  Zwischen Instantkaffee und Milchpulver, zwischen neuen Eindrücken und diesem unfassbaren Abenteuer vom Unterwegssein, mache ich mich auf die Suche. Nach etwas, das mir vertraut ist, das mir schmeckt, ein Ort, an dem ich schreiben kann. Das sind die Cafés mit ihrer ganz besonderen Atmosphäre. Die Cafés am Ende der Welt.


Der Kaffee in der french press dampft, ich nehme ihn mit nach draußen und setze mich auf einen Plastikstuhl. Die Äffchenfamilie ist bereits im Garten, sie huscht um mich herum, jedoch mit genügend Abstand. Vor meiner Ankunft wurde sie vom Nachbarn mit Steinen beworfen, jetzt geht sie den Menschen hier aus dem Weg. Ich nehme einen Schluck, der Kaffee ist heiß und schmeckt erdig. Und anders, so anders, dass ich mich in den drei Monaten, die ich hier verbringe, nicht daran gewöhnen werde. Wahrscheinlich liegt es an der Zubereitung, vielleicht aber auch an der Sojamilch aus Südafrika.

Hausgemachte Guacamole im Casa Rossa

Der Anfang einer Reise ist immer eine Reizüberflutung, innen wie außen. Vor ein paar Tagen, nur wenige Stunden nach meiner Ankunft am Flughafen, saß ich in einem feuchten Zimmer, mit einem Schrank, den ich mich nicht traute zu öffnen, weil im Nebenzimmer genau darin eine Vogelspinne saß. Ich muss lächeln, Gänsehaut im Nacken. Das wird heute nichts mit dem Schreiben, denke ich mir, und klappe den Laptop gar nicht erst auf. Ich will ins Casa Rossa. Ein authentisches, italienisches Restaurant unterhalb des Zomba Plateaus. Mitten in Malawi. Von Italienern geführt, die nach Südostafrika ausgewandert sind. Das klingt heimisch und das klingt verrückt und vor allem klingt das nach genau dem Zufluchtsort an Tagen, die überschäumen mit Eindrücken, die sich nur langsam, ganz langsam einbauen lassen, in das Mosaik, das wir alle mit uns tragen, wenn wir uns längst wieder auf den Weg gemacht haben.

 

Eine Stunde laufe ich dorthin, mit Sebastian, der es ebenfalls nie lange ohne Kaffee aushält. Der Weg beginnt hinter unserem Haus, vorbei an hübsch angelegten Villen mit Gärten hinter hohen Mauern oder Zäunen. Er verläuft durch einen tropischen Urwald, mitten im Städtchen Zomba. Wasserplätschern, meterhohe, sich im Wind wiegende Palmen, mexikanische Farne, Lianen und Geäst, es ist dunkel hier drin. Dunkelgrün. Dann die Teestraße, ein paar Kurven entlang des Plateaus, immer weiter nach oben. Oft kommen uns Einheimische entgegen, sehr junge und sehr alte Menschen, die frisches Holz, das zusammengebunden ist, auf dem Kopf tragen; nach unten in die Stadt. Sie laufen meist den ganzen Weg, ohne anzuhalten oder das schwere Bündel abzusetzen. Sie verlieren die Balance dabei nicht. Manche lächeln und grüßen, andere sehen an uns vorbei.

Wir biegen nach rechts und laufen die steile Einfahrt nach oben, vorbei an pink blühenden Blumen, deren Name ich nicht kenne. Hier oben ist es kühler, es ist feucht und ich bin froh, meine Jacke mitgenommen zu haben, als wir vor dem Kolonialhaus stehen mit der ausladenden Veranda, deren Holzverstrebungen rot gestrichen sind. Casa Rossa, das Schild mit der geschwungenen Schrift erinnert an das eines Saloons im westamerikanischen Stil. Zwei Hunde, der eine von ihnen reicht mir bis zur Hüfte, kommen auf uns zu, bellen, wedeln gleichzeitig mit dem Schwanz. Der Kleine wirft sich auf den Rücken der steilen Treppe, ich kraule ihn kurz, dann gehen wir hinauf. Tiri, eine der Angestellten, die fast jeden Tag eine andere Perücke trägt (so wie das viele Frauen hier tun), tritt auf die Veranda und lächelt dieses Lächeln, das ich mittlerweile kenne. Zwei bis dreimal die Woche hier oben. Da seid ihr ja wieder.

 

Ich strecke mich und drehe mich um. Wenn ich hier stehe, mit dem Rücken zum Eingang, dann beschleicht mich das Gefühl, das Casa Rossa wurde nur für diesen perfekt umrahmten Blick gebaut. Ein Blick hinein ins dichte Grün des Landes, jetzt, am Ende der Regenzeit, weiter hinein in die tief hängenden Wolken. Ein einziges Mal werden sie verschwunden sein und der Gipfel des Mulanje Massivs wird viele Kilometer weiter in den Himmel ragen.

Wir setzen uns, bestellen das Übliche. Cappuccino, manchmal Affogato, manchmal Eiscreme dazu, manchmal etwas Herzhaftes wie malawische Samosas. Hier oben sitzen wir, reden, schweigen, schauen. Irgendwann tritt Marco nach draußen, die Sorte Mensch, die einem vom ersten Blick an sympathisch ist. Er ist nicht besonders groß, trägt Bart und ein herzliches Lachen. Wir sprechen kurz, ein simpler Austausch über das Wetter, über die Arbeit. Dann geht er wieder nach drinnen, repariert etwas, arbeitet in der Küche, versorgt die Hunde oder fährt mit seiner Frau in die Stadt. Und wir, wir sitzen dann immer noch hier. In der Sonne, die mittlerweile durchgekommen ist, und ich klappe endlich meinen Laptop auf, und grüße nur ab und an die Wanderer, die vom Plateau zurückkommen und sich laut stöhnend auf den Stühlen niederlassen.

Der Ausblick. Das Mulanje-Massiv liegt hinter dem Berg im Nebel.

 

Am Abend kommt der Rest unserer Gruppe, wir haben Hunger, und weil mittags wieder so viele Steine im Reis waren, hatte ich schnell aufgegeben und mein Essen abgegeben. Vorsichtig kauen, Stein, vorsichtig kauen, Stein, dafür hatte ich heute keine Geduld gehabt. Hier auf der Speisekarte stehen so fantastische Gerichte, wie sie nur von Italienern gezaubert werden können. Und die malawischen Köchinnen setzen die Kreationen perfekt um. Gnocchi verdi, Tagliatelle al pesto Siciliano, Lasagne, Bruschette, Malloreddus panna e pancetta, eine Flasche Rotwein und ein volles Haus, an manchen Tischen wird gesungen. Viele Expats sitzen hier, aber auch Einheimische. Das Casa Rossa ist ein hidden gem, aber sicherlich kein unbekanntes Zufluchtsörtchen.

Am Abend, nachdem der Garten erst in goldene und dann in tiefblaue Farben getaucht worden war, zieht nun die Dunkelheit ein. Wir sind noch immer hier, sitzen mittlerweile drinnen, auf roten Holzstühlen, an den Wänden hängt afrikanische Kunst. Der Kamin ist noch aus, der Winter kommt erst langsam, und noch ist es angenehm. Und als ich da sitze, meine Jacke etwas enger ziehe und den letzten Schluck Rotwein trinke, bin ich dankbar für ein Stückchen Heimatgefühl in einem so fremden Land, in das ich gerade erst hineinwachse. Das Casa Rossa gehört nun dazu, es hat seinen Platz bereits gefunden. Ein italienisches Restaurant und Café mit dazugehöriger Backpacking-Lodge im Süden Malawis, geführt von zwei Menschen, die ihre alte Heimat verlassen haben um das, was sie ausmacht, woanders aufzubauen. Und mit der Kultur vor Ort zu vermischen, um etwas entstehen zu lassen, das einzigartig ist.

(Stand: August 2017)


Casa Rossa, Zomba, Malawi | Restaurant, Café und Lodge | Infos gibt es hier

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2 comments

  • Wunderschön geschrieben! Und eine tolle Serie mit den Cafés am Ende der Welt. Da würden mir spontan auch einige einfallen 😉

  • Hey Anika, also nun haben wir unglaublich viel Bock auf einen afrikanischen Kaffee, das hast du uns jetzt unglaublich schmackhaft gemacht. Super Beitrag über einen gemütlichen Tag mitten in Afrika. Die Bilder sind auch sehr schön gewählt.

    Grüße Dennis & Janine

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