Malawi on my mind (1) : Im Nirgendwo, die Hitze.

Song: Warm Heart of Africa – The Very Best
(aus der Spotify-Playlist, die Mumford&Sons regelmäßig zusammenstellt. Witzigerweise war dieses Lied drin. Insofern witzig, weil Malawi „The Warm Heart of Africa“ genannt wird.)

Das Lenkrad schlackert und wir halten an. Deniz, Marco und Sebastian, die alle derzeit für One Dollar Glasses in Malawi arbeiten, steigen aus und laufen um den Wagen herum. „Fuck“, höre ich einen sagen. Ich steige aus.

Wir waren von Blantyre, der zweitgrößten Stadt Malawis, in den Süden gefahren. Seit meiner Ankunft war der Himmel blau, es herrschte Traumwetter und da war auch noch die Sache mit Ostern, was hieß: Erstmal nichts tun. Im Garten der Lodge liegen, Musik hören, schreiben, ankommen.
Nach ein paar Tagen kribbelte es, ich wollte mehr vom Land sehen, wir alle hatten Hunger auf einen Roadtrip, also taten wir genau das. Eine halbe Stunde hinter der Stadt erreichten wir ein kleines Plateau, der große Baum spendete Schatten und der Blick war so weit, dass der Horizont unerreichbar schien. Ich dachte mir, wie schön es doch war, sich immer noch überraschen lassen zu können und Neues zu entdecken neben all den Ländern, dessen Sehenswürdigkeiten man vorher bei Google schon mal abhaken konnte.

Im Hinterreifen steckt ein Nagel, das Gummi ist platt und wie wir kurze Zeit später feststellen, sind wir im Besitz eines Ersatzreifens, nicht aber im Besitz eines Wagenhebers.
Es ist unerträglich heiß. Am Horizont flackert der Berg, den wir vor einer Stunde in Serpentinen hinuntergefahren sind, eine surreal schöne Landschaft dazwischen. Um uns herum, ein paar Meter von der Straße entfernt, stehen ein paar Lehmhütten zusammen, Kinder sitzen unter einem Baum, rühren sich nicht, blicken uns nur an. Ich muss an die Kinder in Benin denken und daran, dass viele afrikanische Mütter ihre Babys jahrelang auf dem Rücken tragen. Man sagt, deswegen würden sie so wenig schreien, so brav und friedlich sein.

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Ein Mann schiebt sein Rad an uns vorbei, wir halten ihn an. „Entschuldigen Sie, wissen Sie, ob hier jemand ein Auto besitzt?“ Der Mann schüttelt den Kopf. Nein, hier besitzt niemand ein Auto. Sein Kopf deutet in die Richtung vor uns, hier würde der nächste Ort kommen, wo Menschen Autos besitzen. Als wir abwägen, ob wir mit dem platten Reifen weiterfahren sollten, nähert sich ein PKW, den wir anhalten. Roger steigt aus, zückt seinen Wagenheber und lächelt uns freundlich an. „Ich bin aus Kamerun, meine Frau aber von hier.“ Sein Englisch ist perfekt, seine positive Ausstrahlung auch. Ich lasse die Jungs machen und weil die Sonnencreme irgendwo in meinem Backpack ist, der mittlerweile mit all dem anderen Gepäck auf der Straße steht, gehe ich zu den Kindern und setze mich unter den Baum.

 

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„Hey, how are you?“ Sie blicken mich kurz an, dann wenden sie sich wieder dem Auto zu. Es fasziniert mich, dass kaum eins von ihnen etwas sagt. Sie sind vollkommen damit zufrieden, das Geschehen an der Straße zu beobachten.

Es dauert einige Zeit, bis der Reifen tatsächlich gewechselt ist. Weil Rogers Wagenheber nicht hoch genug für den SUV ist, fragen sich die Jungs bei den Lehmhütten nach Hilfe durch. Sie kommen mit einer Holzpalette zurück, die unter den Wagenheber geschoben wird, und haben auch noch die halbe Siedlung im Schlepptau. Neugierige Blicke beobachten drei schweißnasse, deutsche Männer und einen Kameruner, die sich mit dem Kurbeln abwechseln.

Ich gehe zurück zum Auto, der Reifen ist gewechselt, wir packen die Koffer wieder ein. Ich setze mich auf den Beifahrersitz und unterhalte mich mit einem Mann aus der Siedlung.

„Your country is beautiful“, sage ich zum Abschied. „Yes, but we are poor“, antwortet er und dabei wird mein Hals ganz trocken.

Wir beschließen, noch vor Sonnenuntergang umzukehren und auf unseren Kurzurlaub in einem Nationalpark zu verzichten. Zu groß sind die Bedenken, ohne Ersatzreifen tiefer ins Ländliche zu fahren.
Ich schwitze, es war ein heißer Tag und zwischen meinen Zehen klebt die Schokolade, die im Fußraum lag und zerlief. Als die Sonne untergeht, parken wir das Auto am Straßenrand, steigen aus und bleiben eine Weile stehen. Die kalte Cola zischt. Ich glaube, ich muss nicht erklären, warum das so schön ist und warum ich hoffe, dass nicht nur Malawis Nachbarländer besucht werden, sondern sich auch Menschen an diesen Flecken verlaufen.

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Infos:

Straßen:

Die Hauptstraßen sind überraschenderweise sehr gut in Schuss. Üblicherweise wird man auf den Straßen Malawis relativ oft durch Polizeikontrollen angehalten. Die Beamten sind sehr freundlich, also einfach nett lächeln, den internationen Führerschein vorzeigen und einen kleinen Small-Talk halten. Danke heißt übrigens Zikomo und macht immer einen guten Eindruck.

Achtung: Um 18 Uhr geht die Sonne unter, d.h. ab da fährt man im Dunkeln, gleichzeitig sind allerdings noch viele Menschen unterwegs. Die Bundesstraßen haben oftmals breite Gehwege, auf denen trotzdem viel los ist und neben Fußgängern auch Fahrradfahrer und Tiere unterwegs ist. Das Fahren in der Dunkelheit ist anstrengend.

Blantyre:

Eine überschaubare Stadt, in der es alles gibt, was man braucht. Der große Supermarkt Shoprite, den man wohl in ganz Afrika findet, bietet auf der fast schon absurden Größe eines amerikanischen Supermarkts von Toast über Deo hin zu Küchengeräten, Hüttenkäse oder Sojamilch (!) alles, wonach man sich nach einer Weile in Afrika sehnen könnte oder schlichtweg, womit man nicht gerechnet hat. Einkaufen ist, wie so immer in anderen Ländern, auch hier ein Erlebnis.

Außerdem findet man in Blantyre viele Banken, zwei sehr gute, indische Restaurants (Platz 2 und 3 in der Liste) und passable Unterkünfte. Generell ist Malawi, wie ich auch in Benin festgestellt hatte, trotz oder gerade aufgrund kaum vorhandenem Tourismus und hoher Armut verhältnismäßig teuer. Ein Doppelzimmer (Achtung, wird oft pro Person und nicht pro Zimmer abgerechnet) kostet ab 25 Euro aufwärts, in den meisten Fällen rund 60-80 Euro. Auch das Essen ist vergleichsweise teuer, vegetarische Gerichte um die 7 Euro.

Ich habe ein paar Nächte in der Doogles Lodge geschlafen, die ich aufgrund von Hygiene und dem Preis-Leistungsverhältnis empfehlen kann. Das Essen ist westlich und in Ordnung, es gibt ein paar vegetarische Gerichte zur Auswahl. Nachteil: Die Lodge liegt hinter dem Busbahnhof, der zu jeder Tages- und Nachtzeit laut ist. Nicht nur Marktgeschrei, sondern auch Musikboxen.

 

7 comments

  • Was für ein wunderschönes Land und deine Bilder, ach…ich freue mich jetzt schon auf deinen nächsten Bericht. Du weißt ja wie sehr ich deine Art zu schreiben mag (deswegen sage ich das hier an dieser Stelle noch ein drittes Mal;-) und genau diese Kombination, mit einem für mich (und ich denke für die meisten Menschen) unbekannten Flecken dieser Welt Malawi, ist eigentlich unübertreffbar. Tausend Grüße aus Bayern.

  • Ich mochte Malawi auch sehr! Besonders die Menschen waren dort sehr offen und herzlich.
    Hast Du schon Rum aus einem Plastiktütchen getrunken? Wenn nicht, halb so wild, denn das Zeug ist echt eklig! 😉
    Safe travels und viel Spaß da unten,
    Marco

    • Ach cool, ich wusste gar nicht, dass du auch hier warst. Kannst du etwas empfehlen? Den Rum ja anscheinend nicht 🙂 Bisher hab ich den noch nicht entdeckt, ich halte mich an Kuche Kuche und Rotwein aus Südafrika 🙂

      Liebe Grüße!

  • Hi Ani, wie lange bleibst du noch in Malawi? Ich muss gestehen, ich habe mich spontan gefragt, warum ausgerechnet Malawi, aber als ich gelesen habe dass du das Projekt One Dollar Glasses journalistisch unterstützt war der Grund klar. Tolle Idee und sehr mutig den Job zu schmeissen und sich die Zeit zu nehmen. Respekt Britta

    • Hi Britta,

      ich bin voraussichtlich bis Anfang Juli hier, hab aber dazwischen vor, auch mal in ein anderes, afrikanisches Land zu reisen.
      Ja, mir ging es da am Anfang ähnlich, allerdings kann ich jetzt schon sagen, dass es sich lohnt, nach Malawi zu fliegen oder es zumindest mitzunehmen, wenn man in den Nachbarländern unterwegs ist – es ist nur unterschätzt, weil man es schlichtweg nicht kennt. Wunderschön ist’s hier!

      Grüße!

  • […] Die Fahrt, ein Traum, alles sowieso ein Traum hier. Eine tiefstehende Sonne, die den Himmel pink färbt und die Wolken pastellfarben. Die Landschaft, ein bisschen arg überwältigend. Grüne, satte Flächen wechseln sich ab mit vertrockneten Maisfeldern, der Regen kam zu spät. Dann kommt Steppe, mit blauen Gebirgen im Hintergrund, und dann sind da noch diese weichen Hügel, die mich seit meiner Ankunft an Irland erinnern. „Das ist wie ein ungemachtes Bett, mit den kleinen Bergen überall“, sagt Simon und alle nicken und ich strecke meinen Arm aus dem Fenster. Die Luft wird immer wärmer. […]

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