Malawi On My Mind (3): Das Gegenteil von einfach

„Mir ist vollkommen bewusst, dass meine Bilder lediglich die umwerfende Schönheit Malawis einfangen. Natürlich ist da mehr. Kein Tag, an dem ich mich nicht frage, wie ich das Problem lösen kann, wenn Menschen mich um Geld anbetteln. Für mich.

Kein Tag geht vorbei, an dem mir nicht klar wird, wie kostbar Essen und trinkbares Wasser ist. Und die Tatsache, dass sogar hier, in Malawi, es möglich ist, so zu leben, wie ich möchte. Weil ich es mir leisten kann. Und das ist etwas, das mir jeden Tag mein Herz bricht.

Aber davon zeige ich keine Fotos. Ich will, dass ihr ein schönes Land seht, über das die meisten Menschen überhaupt nichts wissen. Oder dass es überhaupt existiert. Kommt her und schaut es euch an und gebt euer Geld bei den Locals aus. Das ist eine große Hilfe. Macht euch ein eigenes Bild. Immer.“

Das habe ich heute auf Instagram geschrieben, weil ich weiß, dass mein Feed glatt poliert ist und er vor allem und genau das zeigt, was ich hier so schön finde. Und so soll es auch sein. Bei unschönen Erlebnissen halte ich meine Kamera nicht drauf. Das könnte ich auch nicht, dafür gibt es Journalisten und Fotografen, die Notstände dieser Welt dokumentieren. Aber ich versuche, ein paar Lücken zu schließen, hier auf dem Blog.

Die Stadt

Es ist wahr und ich hätte es nie für möglich gehalten, doch sogar hier, in einem der wirklich ärmsten Länder der Welt – und die Betonung liegt auf wirklich, da wir dazu neigen, fast jedem armen Land diese Krone aufzusetzen – ist es möglich, ein Leben zu führen, das dem in Deutschland ähnelt.

Ich kann, wenn ich möchte, ein Auto kaufen, einen Mercedes oder Toyota, wahrscheinlich nicht mal nur einen Kleinwagen. Ich kann damit in schmucke Cafés fahren, in denen nur weiße Expats, Frauen weißer Expats, weiße Schüler der internationalen Schule oder reiche, indische Familien sitzen. Ich bekomme dort ein sagenhaft gutes Panini und einen Cappuccino, der mit einer Siebträgermaschine gemacht wird.
Danach fahre ich zum Supermarkt, dem Shoprite, der in vielen Ländern Afrikas zu finden ist. Dort kaufe ich Halloumi oder Feta, je nachdem, was ich abends kochen möchte, je nachdem, was aus Südafrika gerade importiert wurde. Und ein bisschen Sahne zum Backen.
Ich fahre an ein paar Bettlern vorbei, nicht viel mehr, als in Berlin, Paris oder London, und parke im Bankenviertel, um noch Geld abzuheben. Dort stehe ich in der Schlange mit einigen sehr hübsch angezogenen Frauen, die in ihr Smartphone sprechen und die Clutch vom Secondhand-Markt unter den Arm geklemmt haben. Auf dem Kopf tragen sie meist Perücken glatter Haare oder ausgefallener Frisuren.

zomba_plateau_anidenkt_malawi

Das kann mein Leben in der Stadt sein. Das sind ungefähr zwanzig Prozent der ganzen Bevölkerung, aber es gibt sie und das Leben kann so funktionieren und nicht nur, weil ich weiß bin, es würde auch funktionieren, wäre ich Malawierin, vielleicht die Frau eines Anwalts oder selbst Bankerin.

Das Land

Das Leben auf dem Land, das sind Schlaglöcher auf unasphaltierten Straßen, so tief wie Plantschbecken, was aber nichts macht, da niemand ein Auto besitzt und nur die wenigsten ein Fahrrad. Alle laufen, den ganzen Tag, die Frauen tragen bunt gemusterte Tücher, die ein bisschen so aussehen, als würde man sich ein bodenlanges Handtuch um die Hüften legen. Sie tragen riesige Wannen oder Körbe auf ihren Köpfen.
Viele sitzen herum, hören Musik, unterhalten sich. Andere arbeiten auf den Feldern. Morgens, mittags, abends gibt es Nsima, ein Maisbrei, der nach nichts schmeckt, jedoch satt macht. Je nachdem, ob man sich Hühnchen hält oder selbst Fischer ist oder es sich leisten kann, eins von beiden zu kaufen, gibt es nicht nur Bohnen oder Salat dazu, sondern Fleisch, wahlweise Eier.

Ich wohne am Rand einer wunderschönen Kleinstadt, Zomba, der viertgrößten Stadt Malawis und ich würde das Leben hier als Schnittstelle einstufen. Das Ländliche ist nicht weit, der Wohlstand allerdings auch zum Greifen nah. Auf dem Markt bekomme ich alles, sogar ein Kleid aus Dänemark, günstige Passionsfrüchte, Vorhängeschlösser, große Teile von großen Schweinen.

Die Armut …

Kaum ein Tag geht vorbei, an dem ich nicht um Geld gefragt werde. Kinder, die so lange neben mir stehen, bis ich weitergehe. Erwachsene, die höflich sind, die eine Distanz wahren, die selbst beim Betteln einen Stolz hervorbringen, der mir das Herz bricht.
Und jedes Mal weiß ich nicht, was ich tun soll. Natürlich sage ich in den meisten Fällen, dass ich nichts geben kann, und jedes Mal ist es eine Lüge. Ich versuche dann, das Gesamtbild zu sehen. Dass ich niemandem weiterhelfe, indem ich ihm 500 Kwacha in die Hand drücke, schon gar nicht den Kindern, die das Geld irgendwo abgeben müssen. Ich bin hier mit einer NGO, die genau das vermeiden möchte. Nichts schenken, sondern Nachhaltiges aufbauen, das Arbeitsplätze, Einkommen und noch dazu direkte Hilfe schafft.

Doch wenn ein einzelner Mensch vor mir steht, blickt mir die Armut direkt ins Auge und wir sind vollkommen gleich. Da kann ich nichts schönreden und mir auch nichts einreden, da drehe ich mich um, weil ich es nicht aushalte.

… und ihre Geschichten

Andererseits ist es häufig ein großes Problem, wirklich etwas zu geben aus der persönlichen Tasche. Die Sache ist nämlich die, dass sich das jeder merkt. Und dann wiederkommt.
Ein Kollege hier hat kürzlich einen Polizisten im Auto mitgenommen, der ihm seine tragische Situation geschildert hat. Er hat ihm darauf rund 5000 Kwacha geliehen (er wollte es selbst nicht geschenkt bekommen), was dem derzeitigen Umrechnungskurs zufolge 6,60 Euro entspricht. Immer wieder kam er daraufhin zurück auf unser Grundstück, fragte nach mehr Geld, konnte das geliehene jedoch nicht zurückzahlen. Dann schilderte er eine neue Geschichte. Die der verstorbenen Frau, die ein Baby bei ihm zurücklässt, das Muttermilch braucht. Ob wir einen Ersatz dafür hätten?

Ist die Geschichte wahr? Ich weiß es nicht. Gestern haben wir ihm einen Kanister gegeben, der knapp über die Hälfte mit Diesel gefüllt war und für uns nutzlos. Er verkaufte ihn auf dem Schwarzmarkt. Kurze Zeit später stand ein weißer Pick-Up mit sechs Männern vor unserem Tor. Sie sagten, der Motor eines Autos sei zerstört, weil der gekaufte Diesel mit Benzin vermischt wurde. Der Polizist daneben, er schaute zu Boden, hatte er doch die Männer zu uns geschickt.

Das Geben ist ein Tropfen auf dem heißen Stein und dann doch wiederum darf es sich niemand leisten, abgeklärt darüber zu denken. Es gibt kein richtig oder falsch, wir sind alle mitten im Lernprozess. Es gibt lediglich, im Großen und Ganzen, Lösungsansätze, die sinnvoller sind als andere. Sich das allerdings jeden Tag aufs Neue zu sagen und an dem Bettler, der nicht laufen kann, vorbeizugehen, das ist so weit entfernt von einfach, es bräuchte ein neues Wort dafür.

Die Fotos zeigen den Blick auf Zomba vom Plateau aus.

One comment

  • […] Im Entwicklungsland leben alle in Lehmhütten, laufen stundenlang zu einem Gemeindebrunnen und tragen Kleiderfetzen. Das trifft auf viele Menschen zu und ist schrecklich. Allerdings hat jedes Entwicklungsland auch eine andere Seite und gerade in den Ländern Afrikas ist die Schere zwischen Arm und Reich besonders groß. Näher beschrieben habe ich das hier. […]

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