Malawi On My Mind (6): Von Gottesdiensten für Langschläfer

Mein persönlicher Glaube ist sehr stark, er hat aber weder etwas mit der Kirche, noch mit der Bibel zu tun. Umso interessanter war es für mich, einen Sonntagvormittag in einer Gemeinde in Blantyre zu verbringen. Und das bedeutet nicht unbequeme Sitzbänke und sich durch Lieder nuscheln, sondern ist ein großes Happening.

Aus der Kirche, die noch sehr unfertig aussieht, dringen Gesänge nach draußen. Viele Kinder rennen auf dem Vorplatz kreuz und quer, sie bleiben stehen, schauen mich an, rufen „good morning, madame!“, kichern. Ich muss auch kichern. Wir werden vom Priester in einen Raum aus Backsteinen gebracht, vorbei an einem Zimmer, in dem rund 30 Kinder auf dem Boden oder auf bunten Plastikstühlen sitzen. Sie sind mucksmäußenstill, nur, wenn sie von dem Mann, der von ihnen steht, aufgerufen oder zum Singen animiert werden, kann ich die jungen Stimmen hören.

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So ein Vormittag in einer Religionsgemeinde in Malawi ist eine Veranstaltung für jeden, der kommen möchte. Eine Gruppe Frauen, die auf Spendenbasis Essen bereitstellt, kocht seit 6 Uhr morgens. Es gibt Kaffee und Tee, Toast, Salate, Fleisch, Donuts, gebackene Bananen – ich bin nicht hungrig und trotzdem läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Während im Haupthaus zwei Messen abgehalten werden, tauschen sich die Leute drumherum aus, besuchen Bibelstunden, essen was Kleines.

„Die zwei Messen sind jeweils für Frühaufsteher oder Langschläfer“, sagt er und ich muss lachen. Wäre die Kirchengemeinde in meinem Heimatort so offen für meine sonntäglichen Bedürfnisse gewesen, wäre ich als Teenager vielleicht auch mal öfter im Gottesdienst gewesen. „Sie dauern rund zweieinhalb Stunden, aber meistens länger.“

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Wir besuchen Felix, der hier aufgrund der vielen Menschen in einem Nebenraum die Brillen von OneDollarGlasses anbietet. Erst ein Screening, dann die Anpassung. Die Menschen stehen Schlange, sie beobachten ihn ganz genau bei der Arbeit.

 

Irgendwie war mir schon immer klar, dass in armen Ländern die Religion oder generell der Glaube stärker in der Gesellschaft verwurzelt ist als anderswo. In Deutschland beispielsweise, wo es für viele sehr nachvollziehbar ist, wenn jemand aus der Kirche austritt, wo die Kindheit nicht automatisch mit dem Besuch von Sonntagsschulen verbunden ist und die generelle Frage nach dem Glauben zweitrangig bis gänzlich unwichtig ist. Aber hier, wo ich sehe, dass es nicht nur um den reinen Glauben geht, sondern um ein Gemeinschaftsgefühl, um Musik und Essen und dem Besuch von Hilfsorganisationen, ist mir viel klarer, warum dieser Zusammenhalt so wichtig ist. Die Kirche macht vieles möglich, so zumindest der Gedanke.

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Ich laufe an der Bibelstunde der Kinder vorbei und werde hineingebeten. Der Lehrer fragt, wer sich vorstellen möchte, und da schnellen die Hände schon in die Luft. Wer dran ist, springt auf, manche strahlen mich an, manche blicken ganz ernst in Richtung des Mannes, der neben mir steht, sagen ihre Namen auf und erzählen viel zu schnell etwas, das ich nicht verstehen kann, setzen sich wieder hin. Ich bin so gerührt, dass ich mich kaum traue, Fotos zu machen.

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Der Glaube versetzt Berge, und das glaube ich gerne. Für mich jedoch nicht innerhalb eines Hauses, zugehörig zu einer Institution, auf die ich so einen immensen Groll habe. Aber zu wissen, dass die einzelnen Religionsgemeinden hier stolz auf ihre Kirche sind und auf das, was sie zusammen aufgebaut haben, finde ich einen schönen Gedanken.

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