New York und ich und die Melancholie

Ich war 14, als ich mich in New York verliebt habe.
Wenn man es genau nimmt, stimmt das gar nicht. Denn ich war in diese Stadt verliebt, als ich den ersten Kunstdruck von ihr sah, das erste Mal die Skyline Manhattans über den Bildschirrm flirrte.

Oder überhaupt – so trivial das klingen mag – von ihr hörte.

Dann, als ich da oben stand, auf dem Empire State Building, und downtown blickte auf die Zwillingstürme, da lag sie mir zu Füßen und ich erhob Anspruch. In meiner jugendlichen Naivität sagte ich mir, dass das ab sofort meine Stadt sei. Dass ich zurückkommen und auch dort leben würde. Heute ist mir klar, dass ich sicherlich nicht die Einzige war, die sich das dachte.

13 Jahre hat es gedauert, bis ich mein Versprechen eingelöst habe. In jedem der dazwischen liegenden Jahre habe ich mich unweigerlich angezogen gefühlt, saß immer wieder vor Flugsuchmaschinen, informierte mich über Auslandspraktika, verwarf meine Pläne letztlich jedes Mal wieder.

Vor einem halben Jahr habe ich dann endlich keinen Rückzieher gemacht und beschlossen, meinen 27. Geburtstag in meiner Stadt zu feiern. Eine feierliche Reunion, eine Umarmung, wir kennen uns doch so gut.

Kurz vor Mitternacht war ich in Manhattan. Ganz getreu den touristischen Herausforderungen, kam ich mit der U-Bahn-Linie, die ich gewählt hatte, auf einmal downtown statt uptown heraus. Ich stieg an einer mir fremden Haltestelle aus und betrat die Oberfläche. Es war kalt und hatte gerade aufgehört zu regnen. Ich schaute nach oben. Das macht man automatisch, wenn man in New York ankommt. Außerdem sieht man alles um sich herum in schwarz-weiß getaucht, sanfte Jazzmusik spielt im Hintergrund und Audrey Hepburn springt in einer 3/4 Sommerhose und Ballerinas über die Pfützen. Zumindest ist das bei mir so. Ich rief mir ein Cab heran und fuhr zur 128th Street. In dem High-Tech-Taxi konnte ich neben Kartenzahlung auch eine digitale Straßenkarte bestaunen, auf der ich mich langsam fortbewegte, aber ich schaute lieber aus dem Fenster. Der schwarze Asphalt glänzte und das gelbe Cab spiegelte sich in den Pfützen. Obwohl ich einmal vom Süden in den Norden Manhattans fuhr, war es unglaublich ruhig. Kaum jemand war auf der Straße zu sehen, hier und da Straßenreiniger, die die sowieso schon blank geputzten Gehwege säuberten.

Schläft diese Stadt also doch? Ich fand es wunderbar. Es war fast ein bisschen so, wie leise Hallo sagen. Sich beschnuppern und „Wilkommen zurück“ flüstern. Und ich habe gelauscht.

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So verlockend und reizvoll mein Besuch gestartet war, so schnell wurde ich ins kalte Wasser einer Millionenmetropole geworfen. Ich war hier nie zu Hause und wer weiß, ob ich es jemals sein werde. Ich hatte mich verändert. Viele Dinge, die ich früher liebte, betrachtete ich mittlerweile skeptisch. So auch New York, denn sie ist eine der Städte, die dir klar macht, dass du hier nur zu Besuch bist. Du bist und bleibst Tourist, da hilft es auch nichts, in deiner modischen Lieblingsgarderobe durch die Straßen zu hetzen und den Stadtplan getarnt am Smartphone zu betrachten. Und dabei liebe ich es sehr, in Städte so tief einzutauchen, dass ich das Gefühl habe, eine von ihnen zu sein.

Wie auch sonst lässt es sich reisen? Alles andere ist doch nur Urlaub.

Und jetzt, reifer, älter und ja, auch ein bisschen klüger, sehe ich die Stadt anders. Sie ist nicht mehr der offene Hafen, in den man steuern und seine Traumvorstellungen in süße Realität umwandeln kann. Sie ist manchmal sogar sehr hart und rau. Und wenn du ganz genau hinschaust, vorbei an den Werbeplakaten und den glamourösen Broadwayauftritten, dann wird dir klar, dass sie dir auch gar nichts vormacht. Du schmeckst den bitteren Nachgeschmack, der erzählt, dass jeder hier diese Stadt liebt und trotzdem so oft an ihr scheitert. Und du erkennst, dass auf den Straßen kein Glitzer haftet, sondern dass du es dir lediglich in deinen Träumen eingebildet hast.

New York ist ein bisschen wie Disney – es hat uns schlichtweg falsche Vorstellungen vermittelt. Aber wenn man dann hier ist und wirklich wissen möchte, wie es abseits vom leuchtenden Time Square und dem Empire State Building aussieht, dann kann man das. Und das habe ich im zweiten Anlauf versucht.
Als die Sonne endlich herauskam und ich durch Greenwich Village* lief, weiter ins East Village, meine zwei Lieblingsstadtteile von Manhattan. Hier ist alles sehr individuell, manchmal ein bisschen verträumt und trotzdem immernoch einen großen Schritt der ganzen restlichen Welt voraus. Ich habe es auch gewagt, nicht nur lediglich über die Brooklyn Bridge zu laufen und wieder umzukehren, sondern Brooklyn wirklich kennenzulernen. Wenn man durch die Straßen Williamsburgs läuft, hat man kurz das Gefühl, in einem aufgeräumten Berlin zu stehen.

Hier haben alle jungen und schönen Menschen Hornbrillen auf, verpacken ihre langen Beine in knallenge Röhrenjean, sitzen mit MacBook in hipsteresquen Cafés und bestellen einen veganen Bagel. Und die Streetart am Hafen, nicht zu vergessen.

Man stellt fest, dass ab der ersten Metrostation, die ins Hinterland Brooklyns führt, nur noch Afroamerikaner auf den Plastikbänken sitzen, während in Queens nur Asiaten neben dir Platz nehmen. Neben Harlem habe ich eine Woche in Brookyln und ein paar Tage in Queens gewohnt, dort, wo die Müllberge hoch sind, Grünflächen verwahrlost und Menschen kein Englisch sprechen. All die Menschen, die sich Manhattan nicht leisten können – oder bewusst nicht wollen. Die hier irgendwann gelandet und geblieben sind, die ein eigenes New York für sich definieren. Abseits vom Meatpacking District und dem Low Fat Coffee to go.

New York ist wie eine riesige Wäschetrommel. Du wirst einmal komplett auf den Kopf gestellt, durchgeschleudert und steigst ein bisschen verwirrt und mit einem schwindeligen Gefühl aus. Wie soll es auch anders sein, in einer Stadt, in der jeder Künstler sein möchte, in der jeder seinen Träumen nachjagt, anstatt ihnen nachzuhängen. Hier wird gearbeitet, es werden Illusionen aufgebaut und selbst wenn man sich nicht einmal den allgegenwärtigen Coffee to go leisten kann, so kann man doch immer sagen:

Ich lebe in New York. Und es ist spannender als alles, was ich bisher erlebt habe.
 

Denn am Ende eines vielleicht erfolglosen Tages, ein Tag, an dem man von der Stadt gefressen und danach ausgespuckt wurde, kann man nach Hause kommen und eine Schallplatte auflegen. Dann singt Frank Sinatra, dass diese Stadt wirklich nicht schläft und man macht es ihr gleich. Man bleibt wach und betrachtet das Lichtermeer, die Gebäude, die an den Wolken kratzen und muss sich nicht mehr wegträumen, weil man genau da ist, wo man immer hin wollte, genau so, wie der Rest der Welt.

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*hinter den Links befindet sich, was ich in den genannten Stadtteilen absolut empfehlenswert finde.

10 comments

  • Wieder mal ein wunderbarer Text, und viele wahre Worte. Jeder liebt New York, aber New York liebt nicht unweigerlich zurück.

    • Danke, liebste Lisa.

      Geht es dir da genauso? Mich zieht es trotzdem schon wieder zurück, diese Stadt ist wirklich einzigartig!

  • […] Flächen gepresste Worte, um diese Stadt beschreiben und greifen zu können. In meinem Artikel “New York und ich und die Melancholie” ging es um all meine Eindrücke, die ich aufgeschrieben habe, nachdem ich nach 14 Jahren in meine […]

  • Was für ein herrlich reflektierter Blick auf diese Stadt, liebe Anika! Auch wenn ich selbst, um es mit Udo Jürgens zu sagen „noch niemals in New York“ war (genau genommen steht meine erste Reise dorthin unmittelbar bevor – einer der Gründe, warum ich diesen Beitrag nun mit besonderem Interesse und vielleicht etwas anderen Augen gelesen habe), sind Deine Gedanken zum Ankommen und dieser gewissen Erwartungshaltung sehr gut nachzuvollziehen. Vielen Dank für diese Zeilen, die ich irgendwie sicher mit auf den Weg nehmen werde.

    • Lieber Jens,

      ich danke dir, weil der Artikel einer meiner persönlichsten ist und mir sehr wichtig, dieses Bild von New York weiterzugeben. Wenn du gehst, wünsche ich dir viel Spaß und lass dich von der Stadt einsaugen 🙂 Aber das macht sie schon selbst.

  • […] macht man, wenn man im Hinterland Brooklyns im Bett liegt, weiß, dass die Reise in drei Wochen vorbei ist und sich bewusst macht, eine Jacke […]

  • […] Handy blinkt. „Na, kommst du auch nicht so richtig an?“, fragt die Freundin, neben der man im Central Park eingeschneit ist und sich einen echten Venice Beach Sonnenbrand geholt […]

  • […] zurückzukehren ist der größte Liebesbeweis, den ein Ort erwarten kann. Ich mache das mit New York. Rom auch. Zur Kaffeeplantage Campo Amor möchte ich ebenfalls einmal zurück. Doch Paris ist die […]

  • […] mit 14, als ich am 11. September nicht nur eine Trägodie beweinte, sondern all meine Erinnerungen an eine Stadt, durch die ich glücklichen und leichten Herzens noch zwei Tage vorher […]

  • […] worum man in Lissabon nicht drumherum kommt: Mit der Tram fahren. Wer das auslässt, lässt in New York City auch das Empire State Building aus. Also rein die Tram 28 und einmal bis ans Ende fahren. Geht […]

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