Warum Indien sich dazu eignet, eine Notlandung zu verarbeiten und wie man richtig Ballast abwirft.

Bei Minute 14 von The Great Gatsby spüre ich, wie das Flugzeug an Höhe verliert. Mir fällt das sofort auf, weil ich seit ich denken kann große Probleme mit dem Druckausgleich habe. Meine Ohren reagieren sofort.

„Wir drehen um“, ist der Satz, der mein Herz fast zum Stehen bringen. Und trotz seiner Worte ist Deniz seltsam ruhig, schaltet den Film ab und die Flugkarte an. Tatsächlich. Das Flugzeug kehrt um und mein Magen dreht sich dabei einmal im Kreis.

Ein schlaksiger, kleiner Typ öffnet ein nach feuchtem Schimmel riechendes Zimmer, das nur eine kleine Luke aufweist, deren Ähnlichkeit zu einem Fenster ich nicht bestreiten möchte. „Das ist also der großartige Tipp aus dem Reiseführer, das ‚charmante B&B, in das man gerne zurückkommt.’

Ich bin am Ende. Knapp 30 Stunden Reise liegen hinter mir, mein Gepäck am Flughafen in Abu Dhabi und vor mir ein Hotelzimmer, das strenger riecht als ich selbst. Ich habe weder Kraft zum Heulen, noch die Kraft, in ein anderes Hotel zu ziehen. Stattdessen dusche ich und lege mich ins Bett.
Guten Morgen, Kerala.

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Am Abend machen wir einen Spaziergang durch das Fort, die Altstadt Kochis, das absolut bezaubernd ist. Eine ansteckende Gelassenheit liegt in der Luft, zusammen mit dem Duft scharfer Currys, Räucherstäbchen und Kardamom. Ich atme tief ein und aus, oh Shiva, wie habe ich das vermisst. Obwohl meine Jeans an meinen Beinen klebt, mein Haar sich langsam aber sicher verfilzt und ich mich immer wieder dafür verfluche, keine zweite Unterbuxe ins Handgepäck geworfen zu haben, komme ich endlich in Indien an. Und frage mich dabei:

„Ist dieses Land der beste oder eher schlimmste Ort, um eine Notlandung zu verarbeiten und ohne Gepäck zu reisen?“

Bei Sonnenaufgang wache ich auf, dusche und ziehe meine dreckigen Sachen an. Ich putze meine Zähne, fahre mit einem pinken Plastikkamm durch mein Haar. Dann streifen wir durch die Gassen, die gerade zum Leben erwachen. Männer sitzen mit der Times Of India in ihren Läden, andere trinken den ersten Chai am Straßenstand und die Fischer im Hafen lassen die riesigen, chinesischen Netze ins Wasser. Ich liebe den Morgen, ich liebe ihn überall auf der Welt. Alles ist möglich, alles ist neu und alles ist noch so unschuldig.

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Mittags ziehen wir in ein schickes und sehr geräumiges Hotelzimmer in einem Kolonialhaus (Bernard Bungalow), das wir auf unserem Abendspaziergang entdeckt hatten. Mit den Worten des Hausherrn, „oh please come back tomorrow, my wife runs this hotel, she is out right now“, hatte er mich sowieso schon überzeugt.

Und genau diese Frau, die uns einen Tag später herzlich in Empfang nimmt und stirnrunzelnd fragt, ob das alles an Gepäck sei, setzt sich sofort ans Telefon und tut alles, was möglich ist, um unsere Rucksäcke wiederzubekommen. Leider erfolglos. Egal, ob wir mit Etihad Abu Dhabi, München oder dem Flughafen von Kochi verbunden werden – keiner hat Informationen zu unseren Sachen. Ich verabschiede mich von meiner Sommergarderobe und kaufe eine Bluse und einen Rock. Nachdem ich dem Verkäufer erzähle, dass die Klamotten an meinem Körper alles seien, was ich an Kleidung besitzen würde, lacht er mitleidig und gibt mir 400 Rupien (5,70 Euro) Nachlass.

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Fort Kochi ist traumhaft. Die Menschen schlendern gelassen durch die Straßen, niemand ist hektisch unterwegs. Zuflucht vor der Hitze finden wir immer wieder in modernen und schönen Cafés (das Solar Café!), wo eiskalte Kaffeekreationen (mein Favorit ist schwarzer Kaffee mit Honig und Kokosnussmilch auf Eis im Kashi Art Café) serviert werden, Kunst ausgestellt wird und die gesamte Travellergemeinde zusammenkommt. Kerala ist traditionell tief verwurzelt mit seinen jahrhundertealten Fischernetzen, den Kathakalitänzen und seiner 500 Jahre alten Kolonialgeschichte, die sich überall widerspiegelt.
Gleichzeitig ist es fortschrittlicher als alles, was ich bisher in Indien gesehen habe. Und genau das ist die Kombination, weswegen Kerala so oft als die Einstiegsdestination des Landes empfohlen wird. Ich mag es sehr. Nicht nur wegen Fort Kochi, aber vor allem auch.

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Mein Kopf rattert, ich spiele sämtliche Horrorszenarien ab. Als die Flugbegleiterinnen die Essenswägen zurück in die Bordküche schieben, klopft mein Herz so stark, dass ich es nicht unter Kontrolle bekomme. Wir drehen wirklich um. Warum sagt denn niemand was?

Da macht es Knack in der Leitung und der Pilot erklärt, dass alles in Ordnung sei, wir allerdings umdrehen und in Muskat notlanden müssten. Knack. Das war’s.

Deniz versucht mich zu beruhigen. Kein Grund zur Panik, da wir zügig, aber stetig im Landeanflug sind und somit alles unter Kontrolle sei. Mein ganzer Fokus liegt auf der Flugkarte im entertainment system vor mir. Als der Airbus einen Schlenker über den Ozean macht, erklärt er mir, dass wir nun Treibstoff abwerfen würden, alles ganz normal, da die Menge für eine Landung in Indien vorgesehen war, jedoch nicht für eine bereits 40 Minuten nach dem Start. Ich bin beeindruckt und sende meine Danksagung an die TU München.

Dann positionieren sich die Flugbegleiter und ein Sky Marshall an die Notausgänge, fünf Minuten später setzt die Maschine im Oman auf. Ich zittere, meine Lippen beben, selten war ich so dankbar in meinem Leben.

Erst Tage später wird mir Deniz erzählen, dass er nach der Landung vom Bus aus zwischen Feuerwehr und Polizei die Ingenieure mit Infrarot-Wärmepistolen an der Ladeluke beobachtete und auf Nachfrage später die Antwort bekam, dass es eine Brandmeldung im Gepäckraum gegeben hatte.

Drei Tage später kommt unser Gepäck in Kochi an. Wir fahren persönlich an den Flughafen, um es in Empfang zu nehmen. Von Etihad erreichte uns bis zum heutigen Tag kein Statement. Natürlich blieb auch die Erklärung aus, warum das Gepäck von rund 200 Menschen absichtlich in Abu Dhabi zurückgelassen wurde.

Doch Indien, wie sich kurze Zeit später herausstellte, war das perfekte Land, um die ersten drei Tage ohne Rucksack zu reisen. Wozu auch? Wer hierherkommt, soll lernen, weltliche Güter abzuwerfen. Ballast abzuwerfen. Wir haben eben schon im Flugzeug damit angefangen.

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Alle Fotos sind von Deniz geschossen, außer: 2, 6, 7 & 15

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