Hagrid und ich. | Die chinesische Mauer

Als wir in Miyun aus dem Bus stiegen, standen die Taxifahrer schon bereit und fuchtelten mit ihren Händen wild durch die Gegend. Ein seltsam vertrautes Bild für jeden, der irgendwo auf dieser Welt ankommt, wahlweise in der Nähe einer großen Touristenattraktion.

Die große, die chinesische Mauer sollte es heute sein. Inklusive Sonnenschein, klarer Sicht und kalten Temperaturen. Ich schlug meinen Lonely Planet auf und bedeutete den chinesischen Taxifahrern, dass wir für genau diesen Betrag (50 Yuan) nach Jinshanling gefahren werden wollten. Natürlich wurde das seitens der Männer verworfen, es wurde diskutiert, die Route auf zerschlissenen Karten ein- oder nachgezeichnet, aber der von Lonely Planet vertrauenswürdig vorgeschlagene Preis wurde einstimmig abgelehnt.

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Ich könnte nun Stunden darüber erzählen, wie Schlepper und Taxifahrer im Ausland regelmäßig versuchten, uns übers Ohr zu hauen. Und meist nimmt man es ihnen gar nicht mal übel, denn irgendwie gehört das doch zum Reisen dazu und aus jeder dazugewonnenen Erfahrung würde man immer mehr etwas lernen. Genau das sagte ich mir an dieser Tankstelle in Miyun und weil ich müde und genervt war, hatte ich diesmal einfach keine Geduld mehr übrig. Sie war aufgebraucht worden von Menschen, die mir nicht halfen, aber Fotos mit mir machen wollten und Taxifahrern, die uns aus ihrem Auto warfen, sobald wir mit unserem Latein Chinesisch am Ende waren.

Und mit der Geduld zog auch die Höflichkeit aus: Ich schimpfte und fluchte und hatte die Schnauze voll. Von Abzockern, von Diskussionen, ich wollte los, zu dieser Mauer, wollte den Tag nutzen und endlich aufhören zu gestikulieren.

Doch ein großer, bulliger Chinese in dreckigem Anzug versuchte immer wieder sein Glück. Je angestrengter er mit ein paar Brocken Englisch versuchte, uns begreiflich zu machen, dass der Preis einfach nicht möglich sei, desto mehr verschärfte sich mein Tunnelblick.
Deniz, der die Ruhe selbst war, nutzte die Gelegenheit, sich abseits zu positionieren und nachzurechnen… sie ging nicht auf. Die Rechnung in der Reisebibel LP. Zum vielleicht ersten Mal hatten wir darin etwas gelesen, was überhaupt nicht möglich war.
„Whatever“ war meine Attitüde, als wir bei dem Riesen in ein absolut verdrecktes Auto stiegen und im Schneckentempo gen Jinshanling kurvten.

simatai_anidenktCa. 40 Minuten später hielt er am East Gate an. Er trottete mit uns zu einer großen Karte, zeigte uns die Wege, die derzeit offen waren, führte uns zum Kassenhaus und lächelte uns milde an.
Hagrid, dachte ich.
Er war Hagrid, so groß und stämmig, so markant geschnitzt und doch mit einer Herzlichkeit, die einnahm.
Schließlich bot er uns erneut an, an das West Gate zu fahren und uns dort in drei bis vier Stunden abzuholen. Wir verhandelten um einen Preis und verabschiedeten uns.

Als ich auf der großen Mauer entlanglief und die Berge am Horizont sehen konnte, da plumpste mir das Herz in die Hose. Ich hatte Hagrid unsagbar schlecht behandelt. Europäisch und von oben herab. Dabei gab es doch immer einen Guten, einen Menschen, der einfach nur seinen Job machte. Und genau der musste nun dafür büßen, dass ich in all den Jahren so oft an zwielichte Gestalten geraten war. Das Schlimmste daran war, dass Hagrid es mir nicht mal übel nahm, sondern mir bei der Verabschiedung ein nettes Lächeln zugeworfen hatte.

Ich setzte mich auf die Steine und lies meinen Blick über die sich durch die Landschaft schlangenartig windende Mauer streifen. Ich dachte nach. Zum Beispiel darüber, dass vor allem das Still-Sitzen die größte Bewegung überhaupt war. Eine Bewegung der Gedanken. Und wie dankbar ich war, hier sein zu dürfen.

Eine Arbeit sehen und spüren zu können, an der Hunderttausende gebaut und die Knochen verstorbener Arbeiter im Lehm zwischen den Steinen verewigt hatten (so sagt man). Gruselig, beklemmend, gleichzeitig atemberaubend. Das da unter mir, neben mir, vor mir, war pure Geschichte, war irgendwie rein und plötzlich so greifbar.

Hier saßen sie, die Wachmänner, sahen vielleicht eines Tages Dschingis Khan mit seiner Armee über die Berge kommen, machten hektisch ein Feuer, um die nächsten Wachtürme vor der drohenden Gefahr zu warnen.
Ich war berauscht von der Vergangenheit.

FotoDrei Stunden liefen wir auf der Mauer entlang, grüßten Menschen, stolperten, schlidderten, konnten unseren Augen kaum trauen. Doch der Gedanke an Hagrid kam immer wieder hoch, benebelte meine freie Sicht mit schwarz angemalten Gefühlen.

Am West Gate stiegen wir ab und ließen eine orange-rote Abendsonne hinter aus. Es war ein fast perfekter Tag gewesen. Wir liefen die gepflasterte Straße entlang, bis die ersten Souvenirstände und Taxifahrer in Sicht kamen und der Kampf um die Erleichterung unserer Geldbeutel erneut anfing.
Ich hielt Ausschau nach Hagrid und für einen kurzen Moment flackerte der Gedanke in mir auf, er hätte nicht auf uns gewartet.
Doch dann, hinter einem großen Tor, sah ich eine Freifläche und dort, rechts an der Seite, saß ein überdimensional groß wirkender Mann. Der Hüne. Auf einem kleinen Klappstuhl. Er blinzelte gegen die Sonne und spähte durchs Tor. Als er Deniz erkannte, sprang er mit kindlicher Euphorie auf und winkte uns zu.

Mir stiegen die Tränen in die Augen. Deniz lachte. Aber für mich hatte Hagrid nicht nur dort gewartet, um seine 100 Yuan abzukassieren, sondern, um uns sicher zurückbringen zu können. Mir ist egal, ob das letztendlich die Wahrheit ist, denn so ist meine Geschichte und so war es für mich und in dieser Erinnerung bleibt Hagrid für mich Hagrid.

Als er uns am Busbahnhof ablieferte, drückten wir ihm nicht die ausgemachten 100 Yuan in die Hand, sondern den von ihm vorgeschlagenen Preis. Lediglich ein Euro mehr, aber das überraschte und fröhliche Gesicht war unbezahlbar.

Und immer noch kann ich mich schwer davon lösen, dass ich ihm so unrecht getan hatte. Auch wenn ich mir sicher bin, dass er kaum einen Gedanken daran verschwendet hatte. Und dass er schon längst wieder bereit steht, mit vielleicht noch schlimmeren Touristen wie mir verhandeln muss, aber am Ende des Tages auf seinem Klappstuhl in der Sonne sitzt. Bereit zur Abfahrt nach Hause.

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Anmerkung: Rund um Beijing gibt es mehrere Zugänge zur Mauer, die übrigens insgesamt 8.851,8 km lang ist. Zwei davon sind für den Massentourismus große Anlaufstellen, was das in China heißt, wird klar, wenn man mal nach Fotos bzgl. Badaling googelt. Ich habe Jinshanling gewählt, weil es dort relativ ruhig ist und man zwischen verfallenen und restaurierten Stellen hin- und herwandern kann. Wir sind vom East Gate zum West Gate gelaufen, das hat mit vielen Pausen und Fotos machen gute drei Stunden gedauert. Die eigentliche Wanderung, von Jinshanling bis Simatai ist derzeit leider gesperrt – man kann aber trotzdem ein Stück weit gehen und herumklettern. Und nein, die chinesische Mauer ist immer noch nicht aus dem Weltall mit dem bloßen Auge zu erkennen. (Stand November 2014)

Fotocredit: Deniz

 

5 comments

  • Hallo,
    hast Du allen Ernstes geglaubt, dass die Preisangaben des LP hundert Prozent anzuwenden sind? Gerade sowas wie Taxipreise sind meistens schon beim Erscheinen des LP veraltet. Schließlich vergeht zwischen den Recherchen bis zum Erscheinen des Buchen mindestens ein Jahr. So können Preisangaben in Reiseführer gerade bei einem Land, das sich so schnell verändert wie China, nur eine ungefähre Idee geben.
    Schöne Fotos!
    LG
    Ulrike

    • Liebe Ulrike,

      „allen Ernstes“ habe ich das nicht geglaubt, nein. Die Preisangabe hat sich nicht einfach verändert oder ist geschwankt – ja, dessen bin ich mir bewusst – sondern war komplett falsch und überhaupt nicht realistisch. Diese Gedanken hatte ich mir zu spät gemacht.

  • […] Geschichte vom China-Japan-Krieg erzählt). Danach gehts zum Tai Shan und von dort aus nach Beijing und die große Mauer. Für diese beiden letzten Stationen würde ich mindestens vier Tage empfehlen, denn Beijing ist […]

  • […] Geschichte, die ich zu diesem Tag zu erzählen habe und welche Tipps ich mitgeben kann, könnt ihr hier nachlesen. Und noch mehr Bilder […]

  • […] Mit China an sich habe ich mir schwer getan. Doch die Große Mauer hat mir Tränen in die Augen getrieben (ja, ehrlich) und wer das nicht glaubt, der sollte mal meinen Artikel dazu lesen. […]

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