Hinauf aufs Meer – 上海 | Shanghai

15 Millionen Menschen in der Innenstadt. Weitere acht Millionen in den Randgebieten. Die weltweit einzige Magnetschwebebahn, ein Transrapid, der nur acht Minuten braucht, um Passagiere vom Flughafen ins Zentrum zu bringen. Der größte Containerhafen weltweit.

Ich hatte Shanghai unterschätzt. Oder soll ich sagen – ich hatte einfach keine Ahnung. Das gesamte Land war für mich lange nicht mehr, als ein weißer Fleck, der es eigentlich noch lange bleiben sollte, denn viel zu viele andere Destinationen standen in meiner Vorstellung weiter vorne auf der Liste. Doch China und vor allem diese Metropole, der im industriellen Aufschwung des Landes immer wieder Vorrang vor anderen Städten gewährt wurde, hatten mich auf wundersame Weise angezogen.

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Nun war ich also hier. Kam um sechs Uhr morgens vollkommen übermüdet mit der U-Bahn am People’s Square an. Ich stand im Untergrund und war noch nie so verloren.

Lost in translation, lost in unbegreiflichen Menschenmassen, lost in Shanghai.

Aus der U-Bahn strömen hunderte von Menschen, treppauf, treppab. Es ist ein Strom, ein sich gleichförmig bewegender Fluss im Mini-Gleichschritt tippelnder Füße, der sich amöbenartig zusammenzieht und ausbreitet, und ich mitten drin, erschöpft und restlos überfordert.

Über die Tage hinweg bin ich hineingewachsen, in eine Stadt, die sowohl an den Nerven zehrt, als auch gleichzeitig jede reiseaffine Zelle magnetisch anzieht.
Da wären einerseits die Verhaltensweisen, Traditionen?, der Chinesen zu nennen, die es mir erschwerten, mich ihnen zu öffnen:
Egal, ob jung oder alt, weiblich oder männlich, ziehen sie regelmäßig Schleim in den Mundraum, um ihn dann auszuspucken. Egal, ob man im Park entlanggeht, auf der Straße oder sich in öffentlichen Gebäuden wie Bahnhöfe oder U-Bahn-Stationen aufhält – die Speichelflecken sind überall. Pauschalisiere ich? Nein, minütlich hörte ich das Spucken, ebenfalls wie Rotzen und lautes Rülpsen.

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Oder die unfassbare Smartphone-Abhängigkeit mit den damit verbundenen Selfies. Nie habe ich in den vier Tagen, in denen ich Shanghai mit öffentlichen Verkehrsmitteln erkundete, auch nur einen Menschen ein Buch lesen sehen. Und kaum habe ich jemanden beobachtet, der ebenfalls einfach nur beobachtete. Jeder starrt hier in sein Smartphone, spielt Candy Crush und schreibt SMS. Dadurch blickt sich niemand an, es entstehen keine Konversationen und niemand macht Platz für ältere Menschen oder schwangere Frauen, die dann zwar stehen müssen, das aber stillschweigen hinnehmen. (Derzeit bin ich noch am überlegen, einen kompletten Artikel den chinesischen Gepflogenheiten zu widmen.)

Auf der anderen Seite gibt es wunderbare Dinge zu entdecken. Das interessante Essen, das sogar für mich als Vegetarierin viele Variationen bot und neue Geschmacksformeln entfaltete (was nicht immer leicht zu finden/bekommen war). Knusprige Teigtaschen oder dünne Fladen, in Öl gebraten und vollgestopft mit allerlei Gemüse, das ich teilweise gar nicht kannte. Suppen mit Sojasoßen und Nudeln. Gefüllte dumplings, scharfe Gewürze. Gerade, was das Essen betrifft, eröffnen sich in Shanghai ganz neue Türen: Biegt man zweimal links statt rechts ab, kann man hier plötzlich in der Altstadt stehen, wo es aus Garküchen herausdampft und Gerüche in die Nasen steigen, bei denen man noch lange darüber nachsinnen wird, wie man sie benennen könnte. Auf den Märkten und im alten Shanghai gibt es alles, was das neugierige Reiseherz begehrt:
Die kitschige Winkekatze (maneki-neko), die ich großartig finde, gefakte Antiquitäten, Straßenstände mit famos-fettigem Fingerfood und einstündige Fußmassagen, die beflügeln.

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Extreme reihen sich an Extreme. Eine Erkenntnis, die mich traf, als ich nach oben schaute, meinen Blick über die flachen Dächer der Altstadt hinweggleiten ließ und er sich in den tetris-artig nebeneinander stapelnden Wolkenkratzern verlor.

Und der Bund, eines der meistfotografierten Motive der Welt:
Auf der einen Seite wunderschöne Häuser aus Zeiten kolonialer Macht, auf der anderen Seite (Pudong) die Skyline, deren Beleuchtungen nachts um die Wette blinken, mit I love Shanghai Schriftzügen und Werbereklamen, bis man schließlich nicht mehr weiß, wo man nun ist – im Reich der Mitte oder doch in einer westlichen Metropole?

Der wunderschöne Bund: Die Kolonialbauten auf der einen Seite…
die Skyline auf der anderen.
die Skyline auf der anderen.

Shanghai bietet vieles, vor allem Unvorhersehbares und Extremes. Es gibt hier einige Dinge, in die ich mich verguckt habe und ich mir deshalb vorstellen kann wiederzukommen…

  • Die dunkle Bar im Peace Hotel, erbaut in den 30ern und heute wie ein alter, charmanter Freund, den man sich freut wiederzusehen. Ein Sextett von Greisen, die zwischen Sterbebett und erquickten Lebensgeistern hin- und herschwanken, spielen Jazz, während man sich einen Cocktail an der Mahagonibar zu schwindelerregenden Preisen gönnt, die so steil in die Höhe klettern, als müssten sie Pudong Parole bieten.
  • Die französische Konzession, ein liebevoll erhaltener Stadtteil mit prächtigen Villen und dem sich anschließendem Tianzifang, Gässchen-Wirrwarr und Shopping-Paradies in einem.
  • Ein Spaziergang am Bund, wo man stundenlang entlangflanieren und die Zeit vergessen kann, weil man sich sowieso in einer Zeitschleife zwischen Kolonialmacht und großstädtischer Skyline befindet.
  • Der Erhalt chinesischer Tradition inmitten einer Weltstadt, die wohl niemals aufhören wird, zu bauen, sich zu entwickeln, sich ohne Unterbrechung erneut zu übertrumpfen, damit ihre Gäste sie ein Stück weit mit nach Hause nehmen und allen davon erzählen, die China lediglich mit schlechten Kung-Fu-Filmen und Glitzerkitsch verbinden.

Da ist schlichtweg mehr, vor allem in Shanghai, ein Ort, der übersetzt nichts anderes bedeutet als „hinauf aufs Meer.“

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Trockner-System made in China.

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Cosmopolitan (mein Lieblingscocktail) in der Peace Hotel Bar.
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Pudong bei Nacht.

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Diese Tiere (auch die Kröten im roten Netz) waren alle noch (halb) lebendig.

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Shanghai ist teuer – gute Fußmassagen in der Altstadt sind sehr billig und toll.

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Buddhistischer Tempel: In alle vier Himmelsrichtungen drei Mal verneigen, dann die Räucherstäbchen in eine Aschebank stecken.

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5 comments

  • Hallo,
    als vielreisender nach China finde ich deinen Artikel sehr schön geschrieben und kann einiges teilen (z.B. Das Rotzen). Ich aber ein Fan von Beijing und damit begeistert von der Stadt. In der U-Bahn und den Bussen in Beijing sprinegn die meisten jüngeren sehr schnell von ihrem Platz auf, wenn jemand Älterer hereinkommt. Finde ich dort einen ganz tolle Verhaltensweise (natürlich gibt es auch dort einige die so vertieft in ihr Handy sind, dass sie nichts mitbekommen).
    Am Freitag fliege ich wieder nach Beijiung und freue mich schon sehr.
    Lg
    Thomas

    • Hey Thomas,

      ich kann dir komplett zustimmen. Beijing habe ich besucht, nachdem ich diesen Artikel geschrieben habe und war sofort hin und weg. Shanghai fand ich super, keine Frage, aber Beijing ist ganz besonders und ich fand die Menschen streckenweise sehr viel angenehmer und habe ebenfalls beobachtet, dass in der U-Bahn aufgestanden wird. Ganz viel Spaß!
      A

  • Shanghai ist eine faszinierende Stadt. Trotzdem mag ich Peking lieber. Übrigens „Rotzen und Spucken“: Seit ich öfters nach China reise, bin ich dafür sensibilisiert und habe festgestellt, dass die Spuckerei auch in Deutschland ein erschreckendes Ausmass angenommen hat. Vielleicht nicht so geräuschvoll wie in China aber mindestens genauso eklig und auch sehr häufig. Und all die Kaugummiflecken auf den Bürgersteigen hier!
    LG
    Ulrike

  • Tolle Eindrücke zeigst du da!

    Gut, dass du die Handysucht ansprichst: Ich bin jetzt drei Jahre in Shanghai und habe mich immer gefragt, ob das nur in China diese Ausmaße hat oder ob inzwischen auch in Deutschland so extrem gesuchtet wird (als ich weggegangen bin, waren Smartphones ja noch nicht so die Norm).

    Dass in der U-Bahn niemand für andere Leute aufsteht, stimmt so aber nicht. Alten Leuten oder Leuten mit Kleinkindern wird oft ein Sitzplatz angeboten, jedenfalls nicht viel seltener als in der Münchner U-Bahn.

    LG
    Shaoshi

  • […] China ist überfüllt. Das merkt man nicht nur in den Millionenstädten, sondern vor allem bei den Touristenattraktionen. Im Huang Shan Gebirge, das auch Gelbes Gebirge gennant wird, war ich hin- und hergerissen zwischen einem atemberaubenden Gipfel-Ausblick und der Angst, von einem Selfie Stick erschlagen zu werden. […]

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