Auf der Rückbank in die Hölle: Rajasthan Rundreise

Ich liebe Indien, daraus habe ich nie ein Geheimnis gemacht. Unsere vierwöchige Reise war für mich ein unglaubliches Erlebnis, und zwar im ursprünglichsten Sinn des Wortes.

Aber natürlich gab es in diesem chaotischen, widersprüchlichen und jenseits aller Rationalität angesiedeltem Land auch negative Erfahrungen. Und sogar eine, die lebensgefährlich war.

Vier Wochen Indien, dafür zwei Wochen für den Norden. Rajasthan sollte es sein, der Klassiker zum Einstieg, aber zusätzlich wollte ich auch Amritsar sehen, ich wollte zum Goldenen Tempel pilgern und in der großen Garküche essen. Mir schien es logisch, für diese irrsinnig kurze Zeit von zwei Wochen einen Fahrer zu engagieren. Gesagt, getan, Deniz und ich stiegen in Delhi ins Auto.

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Uns war von Anfang an klar, dass das Fahren in Indien anders ist als alles, was wir zuvor in Europa erlebt hatten. Kühe stehen überall auf der Straße, man umfährt sie oder wartet, bis sie vorübergehen. Außerdem können auf einer zweispurigen Landstraße gut und gerne zwei Roller und ein Lastwagen entgegenkommen, während am rechten Straßenrand ein Esel vor sich hin trottet. Trotzdem fühlten wir uns auf der ersten Etappe – eine relativ neu ausgebaute Autobahn nach Agra – wohl und wir gewöhnten uns an den sehr schnellen und ruppigen Fahrstil von Raju: Unser Fahrer. Einfach gestrickt, kaum eines englischen Wortes mächtig und leider so gar nicht die hellste Kerze auf der Torte. Doch Fahren, das konnte er, oftmals war ich beeindruckt davon, wie haarscharf er überholte oder das Auto durch einen Slalomparcour aus Tieren und Tuktuks hindurchschlängelte.

Vielleicht war es aber auch jedes Mal pures Glück, ich bin mir bis heute nicht ganz sicher.

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Je weiter wir vorankamen, von Agra nach Jaipur und über Pushkar und Jodhpur nach Bikaner, verwandelten sich die Straßen streckenweise in Schotterpisten mit Schlaglöcher so tief wie Babyschwimmbecken. Es waren keine angenehmen Fahrten. Der Ärger wuchs, die Gespräche mit Raju brachten nichts.

Am frühen Morgen, gegen 5:30 Uhr, brachen wir von Bikaner nach Amritsar auf, weil der Zeitplan eng war und Raju uns mitteilte, dass wir für die knapp 500 Kilometer um die 9 Stunden bräuchten. Schon beim Ausparken stieg eine rein psychische Übelkeit und pure Angst in mir hoch, als ich mir den Zustand der vor uns liegenden Straßen versuchte auszumalen.

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Bereits nach einer Stunde war ich nervlich am Ende. Raju umfuhr viel zu schnell die tiefen Schlaglöchern, überholte Busse, die ebenfalls überholten (Roller oder Kühe oder was auch immer sich sehr langsam fortbewegte) und beschleunigte in Kurven. Deniz und ich flogen auf der Rückbank von links nach rechts – ich frage mich manchmal immer noch, warum wir nicht einfach darauf bestanden, auszusteigen, aber in solchen Momenten bin ich oftmals in einer Art Schockstarre gefangen. Ich kann nichts tun, nicht denken, mich nicht bewegen, ich kann einfach nur im Moment sein und hoffen, dass alles gut ausgeht.

Und dann passierte es. Das Szenario höllischen Ausmaßes:
Rechts neben uns ein Roller, vor uns ein riesiger und leicht wankender LKW, uns entgegenkommend ein Kleinlaster. Raju setzte zum Überholmanöver aus und weil es schon längst zu spät war, S T O P zu schreien, hielt ich die Luft an. In dem Moment schoss ein Bus hinter dem Kleinlaster hervor und raste direkt auf uns zu. Ich schrie auf und Deniz befahl Raju, sich wieder rechts einzureihen, was sichtlich unmöglich war, das Auto hätte sämtliche Roller an- oder umgefahren. Also steuerte Raju weiter dem uns entgegenkommenden und ebenfalls überholenden Bus, der uns wie irre anhupte. Ich schloss die Augen. Ich umklammerte Deniz‘ Hand. Und so abgedroschen es klingen mag, aber ich verabschiedete mich von meinem Leben. Ich wusste, dass wir frontal aufeinander knallen würden und wir angesichts der Blechkiste und der hohen Geschwindigkeit überhaupt keine Chance gegenüber dem riesigen Bus hatten.

Ich sagte mir: Bitte. Bitte lass es einfach nur schnell gehen. Presste unbewusst mein Gesicht zusammen und sank ganz tief in den Sitz. Alles um mich herum dröhnte und ich hörte das ohrenbetäubende Horn des Busses rechts neben mir, als ich gleichzeitig nach links geworfen wurde und Deniz auf mich fiel.

Ich öffnete die Augen. Seltsamerweise waren wir am Leben. Ungläubig starrte ich durch die Heckscheibe und sah den wankenden Bus sich langsam von uns entfernen. Ich habe keine Ahnung, wie das Überholmanöver gelingen konnte, vielleicht ist unser Auto kurz abgehoben. In dem Moment habe ich angefangen, an Wunder zu glauben.

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Ein paar Minuten später bog Raju auf einen Parkplatz, der zu einem kleinen Kiosk gehörte. Ich stieg aus, zitternd am ganzen Körper, und schnappte nach Luft. Dann lief ich über die Straße und auf der anderen Seite in einen Feldweg. Ich lief und lief, und die Tränen strömten mir über mein Gesicht.

Wir hatten überlebt und ich konnte es wirklich nicht begreifen.

Die letzten zwei Stunden im Auto verbrachte ich in Trance. Ich hörte Musik und beobachte die Kolonnen von Menschen, die auf Ladeflächen, Rollern und Tuktuks nach Amritsar, zum Goldenen Tempel, pilgerten.

Im Hotel angekommen, schrieb ich eine Nachricht an meine vier engsten Freundinnen und meine Mutter. Irgendjemand musste ihnen ja sagen, dass ich am Leben war.

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Kann ich eine Rajasthan Rundreise mit Fahrer empfehlen?

Ja und nein. Man kommt schneller voran als mit den Zügen, die stundenlange Verspätungen haben. Es gibt sicherlich auch sanftere Fahrer als unseren Freund Raju, allerdings braucht man immer gute Nerven im indischen Straßenverkehr und verrückt fahren sie alle, die Frage ist nur, ob man bereit dafür ist oder nicht.

Wuerde ich es nochmal machen?

Nein, ich reise lieber unabhängig und alleine. Außerdem macht Zugfahren in Indien Spaß, kostet quasi nichts und der Adrenalinpegel bleibt da, wo er hingehört.

Hier die Route:

 

 

5 comments

  • Drivers from hell! Was für ein Déjà-Vu. Die selbe Tour ebenfalls mit waghalsigem Fahrer (wir hatten limitiert Zeit und wollten noch nach Varanasi und Südindien) haben wir vor ein paar Jahren gemacht. Was ich noch nicht wusste, ich war damals schwanger und mir war sowieso permanent schlecht. Ich war im nachhinein zum Glück so mit mir selbst beschäftigt, dass ich meist wegdämmerte.und die Manöver stoisch ertrug. Mein mann hat mir auch erst im Nachhinein erzählt, welche Ängste er ausgestanden hat.

  • Krasse Geschichte! O.O
    Ich muss ja zugeben, dass es mir immer genau vor sowas bangt. Ich fühle mich eigentlich am wohlsten, wenn ich selbst am Steuer sitze. Nicht, dass ich jetzt der Weltbeste Fahrer wäre, aber dann habe wenigstens ich die Kontrolle und muss mein Leben nicht in andere Hände legen (klingt meistens sehr dramatisch, aber deine Geschichte beweist ja, dass es so ist). Aber ich muss auch zugeben, dass selber fahren in manchen Ländern einfach keine Option ist. In Ländern wie Indien muss man glaub ich mit dem Verkehr aufgewachsen sein, sonst gleicht das einem Selbstmord.
    Aber zum Glück ist es bei euch ja gut gegangen:)

    Lieben Gruß Manuel

    P.s.: Ich glaube ich wäre dem lieben Raju auf’s Dach gestiegen, sobald ich den Schock überwunden hätte.^^

  • Das geht mir auch so, ich fahre auch lieber selbst! Danke! : )

  • […] Weise, wie Anika von Anidenkt in ihren Blogposts die Zitate gestaltet hat. Hier ein Screenshot aus einem ihrer Artikel, in dem das besonders gut zur Geltung kommt. Nicht nur hübsch, sondern auch sehr lesenswert, […]

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