Sydney. Eine Begegnung

15 Stunden lang saß Shuku neben mir, auf dem Flug von Doha nach Sydney. Ich in der Mitte, er am Gang, eine junge Frau, Genevieve, am Fenster. Zum ersten Mal sah ich den mittleren Sitz nicht als Herausforderung an, sondern als Geschenk. Ich mochte die beiden irgendwie. Ich mochte sie von Anfang an.

Wenige Tage später sitzt Genevieve erneut im Flugzeug, auf dem Weg nach Neuseeland, um ihre kranke Großmutter zu besuchen. Zur gleichen Zeit treffen Shuku und ich uns am Kings Cross, ein paar Meter vom legendären Coca Cola-Billboard entfernt, einem der Wahrzeichen Sydneys. Ich habe Hunger und bin müde von einem langen Tag in den Blue Mountains, eigentlich wollte ich mit Shuku nur einen Happen essen und dann ins Bett fallen, doch es läuft genau so, wie es vor einigen Tagen anfing, diese Geschichte zwischen Sydneys Menschen und mir:

Ich falle in die schönsten Situationen hinein, die überbordende Freundlichkeit der Aussies fängt mich butterweich dabei auf. Ich werde an die ausgefallensten Plätze gebracht, mir werden die coolsten Bars und schönsten Restaurants gezeigt, ich lerne die interessantesten Menschen kennen.

Die Australier sind so freundliche, und im Umgang miteinander so unkomplizierte Menschen, dass ich mich als Deutsche kaum traue, das nicht zu hinterfragen. Ich übe mich allerdings darin, es nicht zu tun, ich nehme es einfach an.

Shuku zeigt mir eine fantastische Bar, Eau De Vie, die wir durch den Eingang eines Hotels betreten. Es laufen Salsaklänge, später Blues und ein bisschen Jazz, es ist dunkel, der Raum mit dunklem Mahagoniholz ausgestattet, ein breiter Holztisch steht in der Mitte, an dem wir noch zwei Plätze finden. Die Bar ist für ihre guten Cocktails bekannt, derzeit gibt es lediglich eine Handvoll verschiedene, fast alle vereinen Gin und Espresso, ich trinke den ‚End of the world‘ und dieser Ort schmeckt himmlisch.

Wir teilen uns eine Vorspeise aus Büffelmozzarella und Tomaten, und Trüffelpralinen zum Nachtisch. Wir reden von Anfang an ununterbrochen, diese 15 Stunden auf dem Flug scheinen plötzlich eher wie 15 Jahre. Vielleicht fließen die Worte so einfach, eben weil wir uns nicht kennen und vielleicht auch nie wieder sehen werden. Es heißt, man sehe sich immer zweimal im Leben, aber wann dieses zweite Mal der Fall sein würde, wissen wir beide nicht. Das tut dem Gespräch gut, es wird schnell ehrlich und aufrichtig und schnörkellos.

 

Shuku ist 34, er ist in Teheran aufgewachsen, mit 15 ist die Familie nach Sydney gezogen. Er arbeitet als Ingenieur, in den letzten Jahren hat er in London und in mehreren Städten Argentiniens gelebt. Wir sprechen darüber, dass er dreizehn Jahre nicht in seiner Heimat war, und dass genau der Flug, auf dem wir uns kennenlernten, sein Rückflug aus dem Iran war. Wir unterhalten uns über seine unkonventionelle Familie und darüber, wie seine iranischen Freunde ihn unter den Tisch trinken. Wir unterhalten uns über seinen Vater, der Literaturprofessor ist und zwischen Australien und dem Iran pendelt, und seine Mutter, die neuerdings auf Fleisch verzichtet und nicht mehr in ihr Heimatland zurückgehen möchte. Wir unterhalten uns über die Kopftuchpflicht und den immensen Unterschied zwischen der iranischen Regierung und den Iranern selbst. Wir unterhalten uns über Europa, über Deutschland und die Wahlen. Er zieht ein verschlosses Kuvert aus seiner Jackentasche, reicht es mir und sagt, ich solle mal raten, worum es gehe. Ich drehe es hin und her, sage, „eine Wahlaufforderung?“ Er antwortet „Gay marriage“ und seine Worte dazu werde ich wahrscheinlich nie vergessen:

„In einigen Jahren werden wir darüber lachen, dass wir über dieses Thema einmal tatsächlich abgestimmt haben. Und wer dagegen stimmt, ein Freund hat das nämlich getan, dem sage ich: „It’s not about you. It’s just not about you.“

Wir verlassen die Bar und steuern eine weitere an, Big Poppa’s, irgendwo zwischen Darlinghurst und Surry Hills. Hier geht es in den Keller, die Drinks werden mit wunderbarer Hingabe gezaubert. Auf dem Boden, ein Mosaik, das den Rapper B.I.G. zeigt. Also sprechen wir über Rap, wovon ich keine Ahnung habe, über 2Pacs ‚Changes‘ und wie man diesen Song kennen und lieben muss. Ich erzähle ihm, so ehrlich, wie nur wenigen anderen Menschen in meinem Leben, an welchen Entscheidungspunkten ich gerade stehe, und woran ich so oft zweifele. Er erzählt mir, dass er sich bewusst dazu entschieden hat, sich Fremden nicht mehr als Australier, sondern Iraner vorzustellen. Der Abend geht in die Nacht über, und die Gespräche wechseln sich ab zwischen Sydneys Mietpreisen, einer eiskalten Nacht am Weihnachtsabend in Berlin, Meditationsformen, gescheiterten Liebesbeziehungen und Antonio Banderas.

Wir teilen ein Taxi, machen uns auf den Heimweg, während Sydney an uns vorbeizieht. Das Coca-Cola-Schild leuchtet, die ganze Stadt leuchtet mit. Ich zucke zusammen. Im Radio läuft eine Coverversion von ‚Changes‘. „That’s what it’s about“, sagt Shuku und ich lasse das so stehen.

Am nächsten Morgen wache ich viel zu früh auf, mein Kopf tut weh, draußen regnet es in Strömen. Als ich zu meinem Handy greife, fällt mir ein, dass Shuku und ich, irgendwo um Mitternacht herum, seinen Wahlbrief eingeworfen haben. Und dass ich ihn bat, mir das Ergebnis zu schreiben. „Dont worry about it. Everything will be fine“, hatte er gesagt.

Ich bleibe noch eine Weile liegen. Die Regentropfen ziehen lange Bahnen auf den Fensterscheiben, immer wieder fallen mir die Augen zu. Zum ersten Mal seit fünf Tagen habe ich nicht das Bedürfnis, nach draußen zu stürmen. Stattdessen lausche ich den Schritten der Fußgänger und dem Rascheln der Bäume vor meinem Fenster. Everything will be fine.

Wenn ich hier, in dieser fantastischen Stadt, in die ich mich längst verliebt habe, sechs Stunden lang ein so bereicherndes Gespräch führen kann, mit jemandem, den ich nicht kenne und plötzlich doch so gut, dann ist die Welt nach wie vor in Ordnung. Wir müssen nur lernen, es immer und immer wieder zu sehen und am besten gelingt uns das, wenn wir uns in Situationen werfen, irgendwo auf dieser Welt, die uns vergessen lassen, dass wir uns das alles doch eigentlich gar nicht trauen.

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2 comments

  • was für eine wunderschöne erfahrung!

  • Wow… ich kann mich gleich einfühlen, welch spezielle Begegnung das war. Meiner Meinung nach können wir nicht immer für die ganze Welt beeinflussen, ob alles gut kommt… aber für uns im kleinen können wir es sehr wohl. Liebe Reisegrüsse, Miuh

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