„Don’t you just love the cow poo?“ | Auf dem Jakobsweg

Beziehung im Arsch. Kein Job außer Nebenjob. Das dringende Bedürfnis, aus meiner WG auszuziehen. Anfang 20 hatte das für mich gereicht, um in einer richtigen Sinnkrise zu stecken. Ich wusste nicht, ob ich sein wollte, was ich damals war und hatte nicht den Mumm, etwas zu ändern. Also dachte ich mir relativ spontan, dass ich meine Freundin in Spanien besuchen würde und danach von Alicante nach Galizien reisen würde, um ein Stück des Jakobsweges zu laufen. In der Hoffnung, etwas zu finden, was mir helfen kann, Entscheidungen treffen zu können. Das Laufen bietet sich perfekt dafür an, denn man kommt nicht drum herum, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Alleine. Und das tagelang.

Ich lies also meinen Finger entlang des Weges auf der Karte fahren, überlegte mir ungefähr, für wie viele Tage ich Geld hatte zu reisen, baute mir ein paar Puffertage ein (denn man weiß nie, wie weit man kommt und ob man mal überhaupt nicht laufen kann) und kam in Ponferrada heraus. Also bin ich von Alicante nach Madrid geflogen und von dort aus mit dem Bus in eine unglaublich hässliche Stadt gefahren:

Ich stieg aus und schaute mich müde und erschöpft um. Keiner sprach Englisch, nur mit Mühe und Not fand ich ein Hostel, das allerdings über 20 Euro kosten sollte. Da ich pro Tag nicht mehr als 10 Euro für die Unterkunft eingeplant hatte, kam das nicht infrage. Ich lief die Straße zurück und an einem Blumenladen vorbei, als ein Auto parkte und mein Engel ausstieg. Martha, die perfekt Englisch sprach, mir eine Torte in die Hand drückte, eröffnete, dass heute ihr Geburtstag sei und mich mit in den Laden nahm. So saß ich da mit ihren Freunden, erzählte, dass ich morgen loslaufen würde und das Hostel, von dem im Reiseführer die Rede war, nicht finden würde.

Martha fuhr mich nach dem Kaffeekränzchen mit dem Auto zu einem Kloster, welches eine offizielle albergues de peregrinos war, klärte mich allerdings im Auto sitzend darüber auf, dass es derzeit nachts noch sehr kalt werden würde und das Kloster kein geeigneter Platz zum Schlafen sei. Und lud mich zu sich und ihren Eltern nach Hause ein. Ich war verblüfft und auch sehr verwirrt. Ich hatte einfach nicht verstanden, warum sie das alles für mich tat. Aber irgendwie spielte es keine Rolle, denn mein Bauchgefühl blieb sitzen und somit begleitete ich sie zum örtlichen Friseur, denn heute war ihr großer Tag.

Am Abend ging ich mit ihr und ein paar Freunden ein Bier trinken und verabschiedete mich gegen Mitternacht, um ins Bett zu fallen. Sie versicherte mir vorher, dass sie mich wecken und mir ein Frühstück machen würde, aber ich lehnte mehrfach dankend ab.

Um halb 7 klingelte der Wecker und ich hörte, wie die Wohnungstür aufging. In der Küche saß sie schon bereit und hatte alles gerichtet. Zu dem Zeitpunkt war mir langsam klar gewesen, dass sie der Typ Mensch war, der gerne aus der Reihe tanzt und macht, was sie für richtig hält.
Ihr Redeschwall motivierte mich, wach zu werden, also aßen wir gemeinsam und als ich gehen wollte, sah sie mich an, als wären wir Kindergartenfreundinnen gewesen, von denen eine als Krankenschwester in den Krieg ziehen müsse und eventuell nicht mehr zurückkommen würde. Sie legte mir ein kleines Geschenk auf den Tisch und ich war abermals überwältigt, wie sie es in dieser kurzen Zeit auch noch arrangierte, einem wildfremden Menschen ein Geschenk zu machen. Zögerlich packte ich es aus und blickte auf einen silbernen Engel mit Anstecknadel.

„Das ist ein Engel, den man so lange aufbewahrt, bis einem selbst ein Engel über den Weg läuft. Und dem schenkt man ihn dann“, meinte Martha und steckte ihn mir an meine Mütze.
Mit Tränen in den Augen und dem unerschütterlichen Glauben in mir, dass von jetzt an alles gut werden würde, lief ich los. Als ich auf dem Weg aus der Stadt hinaus war, sah ich die ersten Pilger vor mir und fühlte mich nicht alleine. Ich drückte Play auf meinem iPod und war gespannt, welcher Song der erste meiner Reise sein würde:

„Don’t let the sun go down on me“ – von Elton John. Kein Besserer hätte es im Nachhinein sein können.

Sonnenaufgang in Galizien.
Sonnenaufgang in Galizien.

So lief ich zwei Tage alleine vor mich hin. Es machte unglaublich Spaß, einfach nur den einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Die Landschaft Galiziens ist wunderschön und erinnerte mich teilweise an meinen Aufenthalt in Irland. Da es in Nordspanien oft regnet, sind die Wiesen und Wälder in ein sattes Grün getaucht, das ich so nur von Irland her kannte. Es war wirklich wunderschön.
Abgesehen von der Landschaft wurde alles andere leider zu einem katastrophalen Dilemma. Ich kam mit mir selbst nicht klar, mit den vielen Gedanken und Ängsten, die automatisch hochkommen, wenn man im Schnitt 25 Kilometer am Tag einfach nur läuft. Der schlimmste Abschnitt meiner Gefühlsachterbahn war der Abend des zweiten Tages. Es wartete kurz vor dem Ziel ein heftiger Anstieg, der mich wirklich in die Knie zwang und ich (so fühlte es sich zumindest an) dehydriert war. Oben angekommen tobte in mir eine Mischung aus Wut, Trauer und Sarkasmus. Ich wollte nicht mehr weiter und das Gefühl des Versagens am zweiten Abend machte mich am meisten wütend auf mich selbst.


Hoch oben auf einem Berg in Galizien wartete zwar eine süße Unterkunft, allerdings gab es nichts außer einer Kirche, einer Handvoll Häuser und ein paar vergilbten Zeitschriften. Ich hatte dringend Ablenkung gebraucht, zumindest redete ich mir das ein, aber da war kein Fernseher, meine Musik hörte ich sowieso schon den ganzen Tag über und ein Buch hatte ich nicht mitgenommen, weil das empfohlene Zehntel Gepäck des Eigengewichtes kein Buch zugelassen hatte.
Also setzte ich mich in die Kirche und heulte. Wahnsinnig klischeehaft, ich weiß, aber ich fand keinen anderen Ort, um durchzuatmen und das Gefühl zu haben, irgendwo richtig zu sein. Irgendwie hoffte ich auf ein Wunder. Oder zumindest darauf, an diesem Abend schnell einschlafen zu können.

Am nächsten Morgen betrat ich die Küche der albergue und vor mir saßen zwei deutsche Frauen und ein deutscher Mann, die mich freundlich anlächelten und von da an in ihre Gruppe aufnahmen. Die beiden Frauen, Martina und Julia, waren ab dem offiziellen Start dabei (Roncevalles in Frankreich). Zwar waren sie alleine losgelaufen, aber hatten sich über die ersten Kilometer hinweg zusammengefunden. Ich fühlte mich trotz dessen, dass ich mit Abstand die Jüngste war, pudelwohl bei ihnen und so liefen wir die nächsten Tage gemeinsam.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mit Jan eine kleine Pause einlegte und Gordon, ein Kanadier, um die Ecke bog. Es war ein diesiger Tag mit Nieselregen, aber die Frische der Natur war wirklich unbezahlbar. Gordon, übergewichtig („actually I’m a speedo swim-suit-model“), mit zwei Stöcken und einem riesigen gelben Rucksack, lief beschwingt, fast schon comichaft-hüpfend an uns vorbei, atmete tief ein und meinte lächelnd:
„Ah, don’t you just love the cow poo?“

Und weg war er. Daraufhin hatte ich ihn ins Herz geschlossen. Und er mich. Sein Sohn war auch Schauspieler, genauso alt wie ich, und so kamen wohl die Vatergefühle in ihm auf und er bezahlte mir immer wieder Essen und Getränke. Als ich mich mal auf eine längere Diskussion darüber mit ihm einließ, ging ich als Verlierer heraus. Besser: Gewinner. Denn ich sparte ein bisschen Geld durch ihn und konnte mir dadurch ab und an eine schöne Unterkunft mit meinen drei Weggefährten leisten. Saubere Bäder und bequeme Betten. In denen lagen wir dann abends, während Martina ihren Blasen Namen gab und ich mich mit entkrampfenden Salben einrieb. Die Zimmer stanken, wie Lazarette in ihren schlimmsten Zeiten wohl gerochen haben (ich übertreibe). Aber der Schweiß in den nur durch Handwäsche gereinigten Klamotten tat sein Übriges dazu.
Ich fand’s wunderbar und küsste zum Dank meine einzige Blase, die mir nicht einmal Beschwerden machte.

Das Schönste am Jakobsweg ist wirklich die Gesellschaft. Immer wieder trifft man Leute, die mal vor einem laufen und mal zurückfallen. Man hört die tollsten Geschichten wunderbarer Menschen und Schicksale, die man nicht glauben möchte. Abends sitzt man gemeinsam – wenn man möchte – in einem Lokal, kippt gemeinsam ein paar Flaschen Wein (und Schnaps) und lernt Menschen und Mythen aus der ganzen Welt kennen:

  • Da war beispielsweise ein Mann, der mit seiner Gitarre samt Gitarrenkoffer über die im Schneesturm versinkenden Pyrenäen gelaufen und einfach völlig irre war
  • Das Paar aus Südamerika, das jahrelang auf diese (Hochzeits!-)reise gespart hatte
  • Und Dani, der Spanier, der dafür verantwortlich war, dass ich ein paar Tage später wieder Boden unter den Füßen hatte.

 (im zweiten Teil geht es um meine schockierende Ankunft in Santiago de Compostela, eine schwierige Entscheidung und meinem Fazit inkl. Packtipps)

was zurück bleibt...
was zurück bleibt…

welcome to the mid-ages!
welcome to the mid-ages!
Trotz Höhenangst - es gab einfach keinen anderen Weg.
Trotz Höhenangst – es gab einfach keinen anderen Weg.

Merken

6 comments

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.