Ein Herbst in Schweden – Lund & das Licht.

ein Gastartikel von Isabelle Karlsson

Als das Flugzeug aus Zürich in Kopenhagen gelandet ist und ich den ersten Schritt auf dänischen Boden gemacht habe, hat sich mein Puls ein bisschen verlangsamt. Jedes Mal, wenn ich meine Familie in Småland besuchte, war das so.

Vom Flughafen bringt einen der Zug über die Öresundsbrücke nach Malmö in Schweden – auch wenn später noch wunderschöne Wälder kommen werden, ist das hier mein Liebslingsabschnitt der ganzen Strecke. Zu meiner Familie hätte ich ab Malmö noch drei Stunden. An diesem Dienstag Mitte August endet meine Reise jedoch nur kurz hinter Malmö.

Es ist Montagnachmittag, die Uni ist fertig für heute. Letzte Woche ist es über Nacht ziemlich kalt geworden und bis acht Uhr morgens ist die Welt in Nebelschwaden gehüllt. Am Fenster des Øresundszugs zieht die flache skånische Landschaft vorbei. Riesige Windräder stehen verstreut auf den weiten offenen Feldern, ab und zu sieht man einen roten Bauernhof oder in der Ferne das Blau des Öresunds aufblitzen. Meistens kommt der Zug, der uns in Helsingborg vom Campus aufsammelt, aus Göteborg und fährt weiter über Lund und Malmö nach Kopenhagen und Helsingør – das dänische Pendant zu Helsingborg. Ich studiere an der Universität Lund auf dem Campus Helsingborg, wohne aber in Lund, wo auch der Hauptcampus der Uni liegt.

Die Kathedrale ist die Wiege der Universität
Die Kathedrale ist die Wiege der Universität und war früher der wichtigste, religiöse Knotenpunkt des Nordens.

Es klingt vielleicht anstrengend, mehrmals die Woche den Zug zu nehmen, um in einer anderen Stadt Vorlesungen, Seminare und Workshops zu besuchen, aber in jeder Großstadt wäre eine halbe Stunde U-Bahn nicht der Rede wert. Außerdem bin ich gerne unterwegs und da wir meistens eine Gruppe an Leuten aus meinem Studiengang sind, die zusammenfahren, ist die Zugfahrt reines Entertainment-Programm. Es gefällt mir, mein Leben auf zwei Städte auszudehnen – vor allem, weil ich eigentlich Großstädte und Distanzen gewohnt bin. Falls ich mal Lust auf genau das habe, ist Malmö – die drittgrößte Stadt Schwedens – nur zehn Minuten von Lund entfernt. Und obwohl Malmö im schwedischen Maßstab als Großstadt zählt, ist es wirklich süß und schön und gemütlich und vor allem am Meer.

Aber das wahre Goldstück an Städtchen, an das ich in dem Moment, als ich zum ersten Mal aus dem Zug gestiegen bin, mein Herz verloren habe, ist Lund.

Ich wollte immer mal testen, wie es ist, in einer kleineren Stadt zu wohnen. Natürlich muss da dann schon was abgehen, sonst vermisse ich die Großstadt zu sehr – aber nach meinem Europahopping im letzten Jahr hatte ich plötzlich Lust auf einen gemütlichen Ort, an dem man Leute auf der Straße wiedertrifft und wo ich mich schnell einleben kann. Lund als Unistadt, in der ungefähr die Hälfte der Einwohner studiert und die im „Greater Copenhagen“ liegt – perfekt. Und einen super Studiengang gibt es dazu für mich.
Mittlerweile finde ich mich in den meisten der kleinen Straßen und Gässchen zurecht, weiß ungefähr, wo ich abbiegen muss, um nach Hause zu kommen. Wenn ich mal aus Versehen falsch gelaufen bin, ist das nicht weiter schlimm, weil mir jeder Anblick einer neuen Straße, eines kleinen Häuschens oder eines der schönen Unigebäude Endorphinstöße versetzt.

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Als ich im August angekommen bin, hatte ich eineinhalb Monate Sommer vor mir. Ziemlich großartig, ich hatte mir nämlich einen schwedischen Sommer gewünscht, aber ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass ich im September noch in kurzen Kleidern ohne Strumpfhose rumlaufen kann. Trotzdem habe ich mich unglaublich gefreut, als es letzte Woche über Nacht Herbst wurde. Der Gedanke an einen schwedischen Sommer ist so wunderbar romantisch und sofort denkt man an die Kinder aus Bullerbü oder Michl aus Lönneberga.

Insgeheim bin ich aber der Meinung, dass diesem Land der Herbst am besten steht. Hier sind die Menschen recht ruhig und ausgeglichen, alles scheint ein bisschen gemütlicher zu sein.

Selten sieht man gehetzte Menschen, viel eher trifft man am Dienstagvormittag Papis an, die ihre Kinderwägen durch die Straßen schieben und es genießen. Man sieht seine Freunde oder Studienkollegen zum Fika (Kaffee und Kuchen) – selbst in der Uni haben wir Kaffeepausen – oder kocht bei jemanden und unterhält sich. Überhaupt sind die Schweden gerne zu Hause. Das hat etwas unglaublich Friedliches und Aufrichtiges. Ich habe noch nie an einem neuen Ort so schnell so enge Kontakte geknüpft wie hier, was ich auch darauf zurückführe, dass ich viel mehr aus meiner Zeit mache. Ich lebe in der Gegenwart und nicht ständig mit meinem Kopf bei Zukunftsplänen, ich unterhalte mich lange und ausführlich und habe das permanente Multitasking hinter mir gelassen. Vielleicht bin ich einfach nur etwas erwachsener geworden. Vielleicht ist es aber auch die Atmosphäse und Mentaltiät in Schweden. Oder vielleicht ist es auch die omnipräsente Gemütlichkeit, die mich – besonders jetzt, da es endlich Herbst ist – zu einem glücklicheren jungen Menschen gemacht hat.

Eine Frauenstimme hallt in angenehmer Lautstärke und mit starkem skånischen Akzent durch den Øresundszug und kündigt an, dass wir bald in Lund sind. Ich bin zu Hause. Dass ich das sein würde, wusste ich bereits, bevor ich hier Mitte August zum ersten Mal aus dem Zug gestiegen bin.


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Kaffee wird konsumiert wie Wasser, dazu noch eine obligatorisches Chokladboll (Schokokugel, vorne im Bild) und fertig ist der perfekte Nachmittag
Kaffee wird konsumiert wie Wasser, dazu noch eine obligatorisches Chokladboll (Schokokugel, vorne im Bild) und fertig ist der perfekte Nachmittag

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Meine Mitbewohnerin auf dem Weg zur Yogastunde
Raucher sieht man eher selten, umso beliebter: Snus, ein Kautabak.
Raucher sieht man eher selten, umso beliebter: Snus, ein Kautabak.

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Bei den Straßen kann man sich nur gerne verlaufen…
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Das Herbstlicht in Schweden ist besonders schön.
... und mit so einer Uni-Bibliothek macht es gleich viel mehr Spaß, Texte zu lesen.
… und mit so einer Uni-Bibliothek macht es gleich viel mehr Spaß, Texte zu lesen.

 


Tipps

Spazieren:

  • Überall in der Altstadt (Gamla Stan)
  • Der botanische Garten (Botaniska Trädgården)
  • Der Stadtpark (Stadtsparken)

Fika (Kaffee und was Süßes):

  • Ebbas Skafferi (Bytaregatan 5)
  • Inkognito (Lilla Fiskaregatan 23)
  • Café Botan im Botanischen Garten (hat nur im Sommer geöffnet, dann ist es aber wunderschön)

Anschauen:

  • Die Kathedrale, vor allem auch die Krypta!
  • Das Historische Museum (Historiska Museet)

 

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