Der Gargano, Süditalien: 9 Dinge, die ich über den Stiefelsporn gelernt habe

Süditalien habe ich im letzten September für mich entdeckt. Vor allem den Gargano, den Sporn des Stiefels, die nördliche Spitze Apuliens. Hier sind tatsächlich die Uhren stehen geblieben, und das ist kein nostalgischer Blick von außen, das sagen selbst die Einheimischen.

Das Einfache und Schrullige, das diese Halbinsel versprüht, mag ich gerne. Und gelernt habe ich auch so Einiges: 9 (teilweise kuriose) Fakten über den Gargano – und teilweise auch über ganz Italien.

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Die Frage „Was hast Du heute gegessen?“ ist gleichzusetzen mit „Wie geht es Dir?“ Nirgendwo anders hat das Essen einen so hohen Stellenwert wie in Apulien, und so kann man schon mal zu Beginn eines Gesprächs gefragt werden, was man denn heute bereits gegessen habe. Auf dem Gargano kommt die Familie zum Essen zusammen, man teilt, man isst und isst und isst… die regionale Küche hat einen sehr hohen Stellenwert: Den wilden Rucola kann man beim Spazierengehen pflücken, ebenso wie sämtliche Pilze, aus den Oliven wird Öl hergestellt, der Fisch gefangen und frisch serviert und sehr vieles alles wird mit Knoblauch angereichert. Super lecker, super üppig – und für die Menschen hier super wichtig.
Wissenswert: Wer in Süditalien wenig Geld hat, der kocht Gemüse und übergießt altes Brot mit dem Sud und dem Gemüse. So quillt es auf und man hat eine warme Mahlzeit.

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Apuliens Pasta: Orecchiette, hier in einer Parmesankruste und Sahne-Weißweinsoße.

 

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Apropos Essen: Wer in Italien ins Gefängnis wandert, darf sich trotzdem von Mama oder Nonna bekochen lassen. Die bringen das dann vorbei, denn egal, was man angestellt hat – eine gute Mahlzeit ist überlebensnotwendig.

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Der Weg von der Olive zum Olivenöl dauert nur einen Tag. Es gibt verschiedene Ernte- und Herstellungsprozesse, was letztendlich mit der Qualität des Öls zusammenhängt. Je schneller der Prozess, desto niedriger der Säuregrad, desto leckerer ist es am Ende. Ein Grad zwischen 0-0.8 wird als „extra nativ“ eingestuft und macht das Öl hochwertig. Der Kern wird übrigens mitgepresst.

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Die Halbinsel Gargano fühlt sich vom Rest Italiens etwas abgetrennt. Hier leben viele von der Landwirtschaft, der Dialekt kann sehr hart und für andere Regionen teilweise unverständlich sein. Das macht den Ort allerdings auch so besonders, wie ich finde. Gerade im Winter hatte ich nicht immer das Gefühl, tatsächlich in Italien zu sein, vor allem, wenn der Wind tobte und das Meer aufgeschäumt gegen die Kalksteinfelsen stieß.

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Keine besonders schöne Sache: In vielen Familien kommt es nach wie vor zu einem großen Drama, wenn ein Kind zur Universität gehen möchte – einerseits, weil sich manche Familien wünschen, dass die Nachkommen ebenfalls auf der Halbinsel bleiben, beispielsweise, um den Familienbetrieb zu übernehmen, während anderen das Studieren schlichtweg zu teuer ist (Studieren in Italien ist generell verhältnismäßig teuer). Manche bleiben deshalb auf dem Gargano, um Konflikten innerhalb der Familie aus dem Weg zu gehen.

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Mit dem wirtschaftlichen Nachkriegsboom, der in Italien als Wirtschaftswunder bezeichnet wurde, kam in den 60er Jahren der Tourismus auf den Gargano. Weil es zu diesem Zeitpunkt aber noch kaum ein Hotel gab (in Vieste gab es eins, heute gibt es über 200 Unterkünfte), haben Einheimische ihre Wohnungen vermietet und sind zu Verwandten gezogen. Vielleicht sind auch deswegen heute noch viele Unterkünfte spartanisch und altbacken – weil es mit der eigenen, einfachen Wohnung angefangen und sich nur teilweise weiterentwickelt hat.

anidenkt_vorurteile_afrika8Die Süditaliener bezeichnen die Norditaliener als Polentoni („Polentafresser“, weil Polenta lange zum Grundnahrungsmittel in ärmeren, nördlichen Regionen gehörte), ein Schimpfwort mit Augenzwinkern. Im Umkehrschluss sprechen die Norditaliener, wenn sie die Menschen im Süden beleidigen wollen, von den Terroni („Erdfresser“, gemeint sind hier ungebildete Menschen, die beispielsweise auf dem Land arbeiten)

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Der Glaube & die Religion im Ganzen ist hier nach wie vor stark im Leben integriert, vor allem jedoch bei alten Menschen. Die Jungen sind weniger religiös, erwähnen das aber in keinster Weise ihren Großeltern gegenüber und spielen teilweise den Glauben vor. Im Sommer finden mehrere Prozessionen statt, zum Beispiel im Juli für die Patronin der Stadt Peschici, die vor allem von Frauen angebetet wird, die schwanger werden wollen. Über vielen Haustüren sind Steinfiguren angebracht, beispielsweise Abbilder des Erzengel Michael, der in dem Bergdorf Monte Sant‘ Angelo einem Hirten erschienen sein soll, das wiederum zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Das schöne Städtchen Monte Sant' Angelo
Das schöne Städtchen Monte Sant‘ Angelo

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Zurück zum Essen, das ist hier einfach urwichtig. Ein relativ unspektakulärer Ablauf beim Essen ist Folgender, sowohl zuhause als auch im Restaurant: Man startet mit Brot, das sowieso immer dazu gereicht wird, und einer Vorspeise, beispielsweise Bruschetta (ja, das ist nochmal Brot). Dazu getrunken wird oftmals Rotwein, auch mittags. Dann geht es zum ersten Gericht (Primi Piatti), beispielsweise Orecchiette (Pasta) mit Gemüse, danach das zweite Gericht (Secondi Piatti), ein (großes) Stück Fleisch oder Fisch. Man rundet ab mit einem Dessert (oftmals Schokoladenkuchen, aber auch die Klassiker Tiramisu oder Panna Cotta), danach ein caffè, ich habe einmal sogar dazu noch Plätzchen gereicht bekommen. Am Ende wird eine Flasche Likör, beispielsweise hausgemachter Limoncello auf den Tisch gestellt und als ich im Winter dort war, gab es zur Abrundung Nüsse und Mandarinen. Die Siesta macht also Sinn.

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