Am Place de la Bastille: Eine Liebesgeschichte aus Paris

Ich stehe an einer der vielen Kreuzungen am Place de la Bastille und warte darauf, dass die Ampel auf Grün schaltet, als er mich anlächelt.
Ich erwidere das Lächeln, etwas unsicher, bin ich gemeint?

Dann laufe ich los, ihm entgegen, und als ich merke, dass er auf der anderen Seite stehenbleibt, fängt mein Herz an zu schlagen.

„Das ist ein tolles Outfit, das du da trägst“, sagt er auf Englisch und mit unverkennbarem französischen Akzent. War es so offensichtlich, dass ich Touristin war? Ich lache, natürlich aus Verlegenheit, und bleibe stehen. Er lädt mich zu einer Halloweenparty am Abend ein und gibt mir seine Telefonnummer. Ich sage „sure“, nicke, laufe weiter und denke mir: So was mache ich normalerweise nicht.

Er holt mich an der vereinbarten U-Bahn-Station ab und hat einen Freund im Schlepptau, der sich binnen Sekunden als einer der witzigsten Menschen, die ich bisher getroffen habe, herausstellt. Wir laufen zu dritt durch die Gassen, steigen eine steile Treppe hinauf in den sechsten Stock eines Altbaus und werden von einem Mädchen empfangen, der offene Wunden ins Gesicht gemalt sind, so echt, dass ich für einen kurzen Moment denke, sie sei wirklich verletzt. Ich setze mich, bekomme ein Bier in die Hand gedrückt und erspähe den blinkenden Eiffelturm durchs Fenster, einige Häuserblöcke weiter. Wir reden, trinken, lachen und werden von ihr, einer Visagistin, professionell geschminkt. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ihn beobachte, ihn mustere, und mich dabei frage, was ich eigentlich hier mache.

Wir ziehen los, in einen ganz neuen, angesagten Club, dessen Preise meinen Geldbeutel sprengen würde, wenn ich es hätte bezahlen müssen. Aber er regelt das, ganz selbstverständlich bin ich die Frau an seiner Seite, zumindest für diesen Abend, und sein Kumpel drückt mir einen Kuss auf den Mund, bevor ich bis drei zählen kann. Ich denke mir, naja, so ist das eben hier, und lache.

Wir nehmen Platz in einer Lounge und kommen zum ersten Mal dazu, uns wirklich zu unterhalten.

Ich sage, ich möchte alles wissen, er sagt, in Ordnung, du hast fünf Fragen, ich beantworte jede.

Er ist arrogant, aber auf charmante Weise, eben so, wie der Franzose zu sein pflegt, und ich kann mich seiner Ausstrahlung nicht entziehen. Was ich erfahre ist, dass er der Sohn indischer Einwanderer ist, für die Luft- und Raumfahrt arbeitet, dabei Dinge tut, die ich nicht verstehe und beruflich viel reist.

Um halb drei verabschieden wir uns auf der Straße und er pfeift mir ein Taxi heran. Ich will dich wiedersehen, sagt er, und schmeißt die Tür zu. Und ich, ich fahre glückselig durch das nächtliche Paris, während der Taxifahrer mich fragt, ob ich etwas über die einzelnen Sehenswürdigkeiten wissen möchte. Ich taumele innerlich, rufe ja, ja bitte!, lasse die Lichter an mir vorbeiziehen und falle sanft in die weißen Laken.

Am nächsten Tag sitze ich am Flughafen und warte auf das Boarding, als mein Handy klingelt.

„Ich muss nächste Woche nach Bangalore fliegen und kann übers Wochenende einen Stop in München machen. Soll ich?“

Fünf Tage später steht er vor mir, wir umarmen uns, gehen mit Freunden aus, ich kann es nicht abwarten, bis er mich endlich küsst, aber er tut es nicht. Noch nicht, sagt er, der erste Kuss ist besonders, das mache ich nicht vor deinen Freunden, und ich befinde mich mitten in einer Liebesgeschichte, wie sie nur in Paris beginnen kann.

Die folgenden Wochen besucht er mich mehrmals in München. Wir gehen frühstücken mit Freunden, schlendern durch die Straßen, küssen uns im Schatten der Häuser und sitzen in der Sonne, eng umschlungen.

„Du kannst mich in Paris besuchen kommen. Ich kann dich nicht zu mir nach Hause einladen, das weißt du hoffentlich, ich wohne bei meinen Eltern. Dafür müssten wir verlobt sein. Aber ein Freund von mir ist nicht in der Stadt, wir können in seinem Apartment wohnen“. Meine Fragen, meine Unsicherheiten, meine Skepsis fangen an zu wachsen. Er erzählt niemandem von mir, seine Eltern wissen nichts von mir, seine Freunde auch nicht. Ich möchte mehr, möchte Antworten auf meine Fragen, und fange an, sie zu stellen. Was er sagt, sagt er so klar, dass meine verschwommenen Augen schmerzen.

„Du möchtest einen Freund. Das kann ich nicht sein. Wir haben keine Zukunft, du gehörst nicht meiner Religion an. Wir werden irgendwann an eine Grenze kommen, dann geht es nicht weiter.“

Die Worte hallen in meinem Kopf, als ich erneut nach Paris fahre. Es ist der 26. Dezember und die Stadt ist in Romantik und klirrende Kälte gebettet. Am Morgen essen wir warme Croissants im Apartment, verbringen den Tag im Louvre und die Nacht in Bars. Es ist unwirklich und anders, als alles, was ich kenne. Er gibt den Ton an, entscheidet alles, und bestimmt das Tempo unserer Bewegung. Dazwischen trägt er mich auf Händen. Ich stoppe es nicht, obwohl es nicht zu mir gehört und ich nicht so ein Mädchen bin. Eine, die spürt, dass keine Zukunft in Sicht ist und sich trotzdem auf alles einlässt.

Am Abreisetag hetzen wir zu einer Fastfoodkette, noch schnell etwas essen, bevor ich in den Zug steige. Wir sind gestresst, stehen unter zeitlichem Druck und fühlen den Abschiedsschmerz in der Brust hämmern, naja, zumindest ich.

Die Schlange ist lang und ich werde ungeduldig, wir überlegen mehrmals, ob wir das Essen lieber mitnehmen. Als wir uns genervt setzen, sage ich beiläufig, dass er vielleicht doch eine Tüte holen solle, damit ich den Zug nicht verpasse. Er funkelt mich an und sagt dann, leise und beschwörend, dass ich es nicht wagen solle, ihn zu kommandieren, ihm überhaupt irgendetwas zu befehlen. Wütend packt er das Essen ein und ich keuche seinen schnellen Schritten hinterher. Wir reden kein Wort, bis wir am Gare du nord angekommen sind, und warten dort auf den Zug, schweigend und unversöhnlich. Die Fastfoodtüte in der zitternden Hand und mit warmen Tränen auf meinen kalten Wangen, sage ich ihm, dass alles ein Missverständnis sei. Doch er, er kann sich kaum noch halten.

Ich steige in den Zug, setze mich ans Fenster und blicke hinaus. Da steht er. Kein Kuss. Ich wische mir die Tränen weg, genauso wie den letzten Rest meines Stolzes. Da winkt er, winkt mich aus seinem Leben raus, und ich sehe Erleichterung über sein Gesicht huschen. Keine Reue, keine Einsicht, sie fährt, und sie wird nicht wiederkommen, besser ist es.

Vier Stunden liegen vor mir, bis ich am Frankfurter Bahnhof einfahre. Vier Stunden, die ich damit verbringe, mich entgeistert zu fragen, wann diese Geschichte vollkommen aus dem Ruder gelaufen war. Was ich falsch gemacht hatte. Und wie jemand so Schönes einen so hässlichen Kern verbergen kann.

„Er ist ein Idiot. Komm nach Hause“, steht in leuchtenden Buchstaben auf meinem Handydisplay. Nicht die Nachricht einer Frau, sondern die meines besten Freundes. Ich schniefe und lache und fange an zu schreiben, ich schreibe meine Verwirrung nieder. Vier Stunden später bin ich über ihn hinweg. Das ist eine dreiste Lüge.

Ich habe ihn nie wieder gesehen.

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9 comments

  • Ich mag deinen Schreibstil einfach sehr, sehr, sehr! Ich habe beim Lesen richtig mitgelitten und mitgefeiert. Eine schöne und trotzdem irgendwie schlimme Geschichte :/

  • Das klingt sehr vertraut …Manchmal möchte ich mich auf die Suche begeben, nach Menschen, die Schmerz oder Verstörung hinterlassen haben. Einfach nur um herauszufinden, ob das Gefühl tatsächlich überwunden ist.

  • Wow, eingefangen haben mich die tollen Fotos von Paris, aber wirklich mitgenommen hat mich deine Geschichte. Schön und traurig zugleich. Vielen Dank dafür. Jetzt freue ich mich noch ein wenig mehr auf meinen persönlichen ersten Kontakt mit der Stadt der Liebe in wenigen Wochen.

  • Ich finde es total schön, dass du diese persönlichen Erlebnisse mit uns teilst. Ein wirklich schöner, aber trauriger Artikel <3

    • Danke, Maria. Und: Gerne. Für mich ist Paris, was die Geschichte widerspiegelt: traurig, launisch, romantisch, anstrengend, wunderschön, leider zu kompliziert, um wirklich dort zu bleiben : )

  • […] Ani gibt es ja oft geniale Texte, aber bei dieser Liebesgeschichte habe ich wirklich mitgefiebert. Toll […]

  • […] trieb mich etwas dort hin, oder jemand zog mich hin und dann wieder weg. Aber immer war ich wieder da, und immer waren wir ein bisschen anders. Paris […]

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