Prag für Introvertierte oder Wo bitte geht’s hier zu den stillen Örtchen?

Ich hatte viele Bilder und wenig Ideen parat für einen Artikel zu Prag. Die Stadt hat mir unglaublich gut gefallen, doch einen weiteren Guide mit persönlichen Foodtipps und überlaufenen, jedoch schönen Ecken, wollte ich nicht schreiben. Aber dann kam mir ein interessanter Dreh für meinen Text über Instagram zugeflogen.

Melina von Vanilla Mind schlug vor, einen Guide für Introvertierte zu schreiben und das fand ich total spannend, denn manchmal wirken Großstädte (und gerade der meist recht kurze Aufenthalt) sehr überwältigend – und nicht nur auf Introvertierte und Schüchterne, denen Melina ihren Businessblog widmet. Man läuft viele Kilometer am Tag, ist permanent reizüberflutet, schiebt sich mit tausenden Touristen durch enge Gassen und hat oftmals diesen pochenden Druck im Nacken, noch mehr sehen, erleben und damit abhaken zu müssen – meist ja doch nur für Instagram, denn Kopf und Herz sind manchmal schon nach wenigen Stunden randvoll.

Prag ist toll. Ich war an vier heißen Tagen in der Stadt und habe immer wieder versucht, mein Tempo herunterzudrosseln, was mir selten gelang. Trotzdem habe ich Plätze entdeckt, an denen ich durchschnaufen, ein Buch rausholen konnte oder einfach mal die Augen schließen. Die Karlsbrücke, die hübsche Kleinseite, die Ufer der Moldau, den Altstadtgürtel und das jüdische Viertel – das alles werdet ihr sowieso finden, da bin ich ganz zuversichtlich. Doch wo sind vielleicht nicht ganz so viele Touristen unterwegs – und wo ist die Atmosphäre plötzlich ganz ruhig und gelassen?


Im Café Jen frühstücken & durch Vršovice schlendern

Das Jen liegt im Stadtviertel Vršovice und somit ein gutes Stück abseits der Altstadt mit all ihren Sehenswürdigkeiten. Das mittelgroße Café befindet sich im Souterrain eines Altbaus und gerade am frühen Morgen, wenn die Einheimischen sich ihren Kaffee auf dem Weg zur Arbeit holen, kann es trubelig zugehen. Dennoch: Es ist angenehm hier. Bei warmen Temperaturen sitzt man draußen entlang einer schönen Straße und beobachtet die Prager bei ihrem Alltag. Der Service ist nett, das Essen lecker (vor allem das hausgemachte Granola mit Skyr, warmen Früchten und gerösteten Mandeln). Abseits der Altstadt lässt es sich ganz wunderbar in den Tag starten oder am Nachmittag nur einen Kaffee trinken. Wer im Café Jen mal einkehren möchte, kann auch einen ausgedehnten Spaziergang dorthin machen, so lernt man nicht nur die Viertel abseits der Altstadt kennen, sondern entschleunigt schon mal vor, um dann auf einer der Bänke in der Sonne Platz zu nehmen.

 

Picknicken auf dem Burgwall Vyšehrad

Der frühmittelalterliche Burgwall liegt nur wenige Gehminuten von meiner Airbnb-Wohnung entfernt, ansonsten hätte ich ihn wohlmöglich übersehen und das wäre, touristisch betrachtet, eine mittelschwere Katastrophe gewesen, denn: Vyšehrad ist ein wunderschönes Fleckchen und bietet einen 360 Grad Blick über die ganze Stadt. Die Sonne geht hinter der Prager Burg unter, man hat also einen atemberaubenden Blick auf das Lichtspiel, die Moldau und die vielen Brücken der Stadt. An einem richtig heißen und klaren Tag Anfang Juli habe ich das ganze Gelände zum Zeitpunkt des Sonnenuntergangs zwar mit einigen Menschen geteilt, doch die Menge hat sich so gut verlaufen, dass es gar nicht aufgefallen ist, jemanden um sich zu haben.

Wesentlich weniger Touristen kommen hierher als beispielsweise auf die Prager Burg zum Sonnenuntergang gucken. Manche Einheimische hatten ein Picknick und eine Flasche Wein dabei, andere saßen in einer der Bars, wiederum andere setzten sich auf die Bänke entlang des Walls. Hier herrscht keine aufdringliche Stimmung, niemand verkauft Souvenirs oder spricht einen ungefragt an. Also, rechtzeitig kommen, tolles Plätzchen sichern und dann den Blick über die „Stadt der hundert Türme“ schweifen lassen.

 

Im Franz-Kafka-Museum in die Finsternis abtauchen

Wer die Ausstellung im ersten Stock des Hauses betritt, spürt die düstere Atmosphäre sofort. Das Museum ist dem deutschsprachigen, in Prag geborenen Schriftsteller Franz Kafka gewidmet, dessen Werke heute zur Weltliteratur zählen. Zu bestauen und entziffern sind Tagebücher, Zeitungsausschnitte, Manuskripte, Fotografien und der Brief an seinen Vater, das Herzstück der Ausstellung, denn das schwierige Verhältnis zu ihm hat nicht nur sein Leben, sondern auch sein Schaffen maßgeblich geprägt. Ein Besuch hier ist kurzweilig, die dunklen Räume geben der Ausstellung die finstere Atmosphäre, die auch Kafkas Bücher ausstrahlen, demnach ist es hier ziemlich still und man kann sich gut auf die Exponate konzentrieren. Für mich war die Stunde, die ich dort verbracht habe, wie ein Eintauchen in eine (kühle) Parallelwelt. Grundsätzlich ist zu raten, Museen unter der Woche vormittags zu besuchen, dann hat man sie meist fast ganz für sich.

Auf den Laurenziberg steigen und unter Obstbäumen liegen

Ein bekanntes Naherholungsgebiet für die Prager ist der Petřin, auch Laurenziberg genannt. Hier gibt es eine Sache zu tun, nämlich nichts. Trotz des Sommertags habe ich wenige Menschen angetroffen und wenn, dann lagen sie entspannt unter Obstbäumen und schliefen oder lasen. Fantatische Atmosphäre für alle, die mal einen Gang runterschalten wollen. Und wer im Winter herkommt, der kann hier sicherlich gut durchatmen und hat das Gefühl, obwohl sich der Park an die Kleinseite anschließt, richtig außerhalb zu sein. Übrigens: Sich am Denkmal des Poeten Karel Hynek Mácha zu küssen, soll Glück bringen!

P.S. Es gibt hier nicht nur Obstbäume, sondern auch dem Eiffelturm nachempfundenen Petřin, eine Miniaturausgabe dessen sowie eine Standseilbahn. Außerdem ist hier die Hungermauer zu finden, die im 14. Jahrhundert erbaut wurde. Wer also nicht faulenzen mag, kann sich trotzdem einiges ansehen.

 

An der Prager Burg nicht umdrehen, sondern Nový Svět durchschlendern

Das Viertel Nový Svět liegt hinter der Prager Burg und da spätestens dort alle Touristen wieder umdrehen und sich zurück in Richtung Altstadt aufmachen, lohnt es sich, einfach etwas weiter zu gehen, um schließlich in Nový Svět, zu deutsch „Neue Welt“ zu landen. Ein pittoreskes Viertel aus dem 14. Jahrhundert, das den Namen noch heute trägt, weil es damals außerhalb der gegründeten Stadt Hradschin lag. Die Gassen sind malerisch, es gibt schöne Cafés zum Einkehren und ruhiger als die Altstadt ist es allemal. Hier haben übrigens viele Maler ihre Ateliers.

Copyright: Roman Boed

 

 

 

 

 


Foto Nový Svět: Roman Boed (flickr) via CC 2.0 (mit Lightroom bearbeitet)

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