Vier Schritte bis zum Sprung

Ich bin aus 3000 Metern Höhe aus einem Flugzeug gesprungen, mitten in die russische Steppe, alleine. Alleine.

Die Worte sind einfach geschrieben, der Satz klingt so furchtbar leicht. Und vielleicht war auch die ganze Geschichte nur eine konsequente Abfolge von skurrilen Begebenheiten, so wie bei den meisten Lebenskünstlern auch.
Wie dem auch sei, dies ist die wahre Geschichte, wie ich mich in vier Schritten aus einem sowjetischen Flieger gewagt habe.


 

Schritt 1: Lass dir das Herz brechen

Als ich damals in Orenburg gelandet war, war ich glücklich verliebt. Ein paar Wochen später vielbeschäftigter Single, mal mit Freizeitstress, mal mit Heulkrampf. Im Ernst, ich habe noch kaum ein Land erlebt, in dem Liebeskummer so leicht heilen kann, in dem ein gebrochenes Herz dir alle Türen öffnet. Denn zum einen bekommt frau ständig Komplimente und Avancen. Auf den Trümmern meines Selbstbewusstseins wurde die Illusion einer exotischen Liebesgöttin aus Deutschland gebaut.

Außerdem verdankt man es eisgekühltem, sanft schmeckenden Wodka, dass sich die Grenzen zwischen Normal und Abgefahren dezent verschieben. Wäre mir nicht das Herz gebrochen worden, hätte das Telefon wahrscheinlich niemals an diesem Abend im Oktober geklingelt.

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Schritt 2: Verabschiede dich von deinen Plänen

Es liegt in der Idee von Plänen selbst, dass sie nicht aufgehen müssen. Pläne sind wage Konstrukte, Vorstellungen, Hoffnungen – mit der gegebenen Wahrscheinlichkeit, dass man sich von ihnen verabschieden muss.

Mein Plan an diesem Abend war, die Nacht zum Tag werden zu lassen, die Korken knallen zu lassen und wie Cinderella ihren Schuh zu verlieren. Aber ich lasse mich nur zu gerne von Abenteuern verführen und gehe bereitwillig diesen zweiten Schritt.

Deswegen breche ich – im Nachhinein wohl etwas naiv – mit Ivan um zwei Uhr morgens aus dem Wohnheim aus. Ich bin bepackt mit einer Flasche Wasser, einer pinken Daunenjacke und einer Portion süßer Unbefangenheit. Denn ohne (vor allem ohne die Jacke, es war damals schon ziemlich kalt) würde ich wohl nicht in tiefster Dunkelheit in ein Auto steigen, um mit sieben Männern drei Stunden gen Osten nach Orsk zu fahren.

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Schritt 3: Sei dir bewusst, dass du dir die Beine brechen wirst

Absurde Selbstkontrolle und absoluter Wahnsinn geben sich an diesem Tag die Hand. In Ivans Kamera wimmere ich nur, dass ich mir wohl alle Beine brechen werde. Wir üben gerade das Landen. Das Abrollen klappt bravourös schlecht.

Denn es ist kein Tandemsprung, ich werde mich alleine aus dem Flugzeug aus 3000 Metern Höhe werfen und dementsprechend ohne fremde Hilfe landen müssen. Na zdrovje!

Wenige Minuten vorher habe ich in einem „Fallschirmsprungprungsimulator“ auf Deutsch nachgebrabbelt, was ich von den russischen Instruktionen meine verstanden zu haben. Wie ich aus dem Flugzeug springe, wie lange ich frei falle, was ich mache, wenn der Fallschirm nicht aufgeht. Dvadzat-odin, dvadzat-dba, dvazat-tri – nach drei Sekunden die erste Leine ziehen – dvadzat-četire, dvadzat-pjat – die zweite.

Dieser dritte Schritt ist ganz schön schmerzhaft. Denn wer konfrontiert sich gerne mit den Risiken und Nebenwirkungen, die nicht auf dem Beipackzettel stehen? Sich bewusst zu machen, dass man eventuell scheitert und obendrauf für dieses Scheitern die volle Verantwortung trägt, ist … es gibt noch kein Wort, das diesen Mix aus Bitterkeit, Trauer, Zweifeln, Angst, bodenloser Angst, Wahnwitz, Schwere, Beengung, Weite, Ahnungslosigkeit, Menschlichkeit fasst.

Ich schreibe meiner Familie, dass ich sie liebe, und steige trotzdem in den karg eingerichteten Flieger, der vielleicht auch schon im Kalten Krieg in Betrieb war. Aber das ist nur eine vage Vermutung aufgrund des hübschen Außenanstrichs.

 

Schritt 4: Sei ehrlich-gut zu dir

Mein Lebensmotto lautet nicht „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“. Das kann stimmen, muss aber nicht. Dass ich diesen vierten Schritt trotzdem gehe, ist also mehr als dass ich meine Angst in die Schranken weisen möchte. Dass ich irgendjemandem irgendetwas beweisen will. Dass ich schlicht blöd sein kann.

Ich bin mir einfach, und ich weiß nicht, ob man das nachvollziehen kann, bewusst über mich selbst. Und damit meine ich nicht die Momente, in denen ich wie jede andere Frau am Ideal unserer Zeit verzweifle. Das gehört ja fast zum guten Ton.

Aber in Momenten, in denen es um mich als kompletten, komplexen Menschen geht, weiß ich mehr über meinen Wahnsinn, meine Zerbrechlichkeit, meinen Charakter, meine Stärke als jeder andere. Auch einmal ehrlich-gut zu sich zu sein, ist ein Schritt, der gegangen werden muss.

Das Gefühl, vollkommen bei sich zu sein, verspürte ich oft an diesem Tag:

Als die Sonne den Acker in rosinenfarbenen Morgentau tauchte, als die Weite sibirischer Steppe mich in 1500 Metern Höhe wie ein Meer zu verschlingen schien, als in 2500 Metern tiefes Glück über die Wundersamkeit des Lebens sich in meiner Brust ausbreitete, bevor ich den Sprung ins Nichts wagte – und die ichbejahende Lebendigkeit nach drei Sekunden freien Falls.

 

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