Vor mir nur noch Meer. | Bis nach Finisterre

Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ohne Erwartungen in Santiago de Compostela eingelaufen zu sein. Und man weiß ja, dass je höher die Erwartungen, desto nichtiger das Ereignis. Beim Jakobsweg hätte ich aber nie gedacht, dass das passieren würde. Doch als ich um die Kathedrale herumlief und schließlich vor ihr stand, passierte einfach nichts. Ich starrte sie an und absolut nichts geschah mit mir. Keine Erleichterung, keine Tränen, kein Glück, kein Stolz. Ich schaute mich um und sah Menschen, die sich weinend in den Armen lagen oder wie bekloppt durch die Gegend hüpften und Fotos von sich und ihren Weggefährten schossen. Dani kam auf mich zu und ich vertraute ihm an, dass ich keine Ahnung hatte, ob ich noch weiterlaufen sollte oder nicht (der Weg geht offiziell noch 100 Kilometer weiter bis ans Meer, nach Finisterre). Er meinte, er würde weiter laufen, was mir aber in dem Moment nicht weiterhalf.

Einlaufen in Santiago.
Einlaufen in Santiago.
das macht man so, wurde mir gesagt.
das macht man so, wurde mir gesagt.

Absolut enttäuscht (auch wiedermal von mir selbst und meiner neuen Unfähigkeit zu Emotionen, wenn deren Ausbruch eigentlich normal wäre) suchte ich mir erst mal ein Hotel und zog mich um. Später stand ich mit meinen Lieblingssandalen wieder auf dem Platz vor der Kirche, als bei einem Schritt mein Sohle in der Mitte durchbrach und ich realisierte, dass mir damit nur noch meine ebenfalls halb durchgebrochenen Wanderschuhe blieben. Dani lachte und meinte nur: „See, that’s the answer! You ain’t got shoes for your normal life anymore. Your hiking boots are all you got! Walk on.“

Daraufhin checkte ich seufzend meine E-Mails im Internetcafé und las erstaunt, dass wenige Tage zuvor eine Casting-Einladung hereingeflattert war. Hin- und hergerissen, ob ich nicht doch nach Hause fliegen sollte, versaute ich mir den kompletten Abend in Santiago. Ich hatte schlechte Laune, war hin- und hergerissen und dementsprechend genervt, auch und vor allem, weil alle so begeistert von ihrer Leistung waren und ich einfach nichts fühlte außer Unsicherheit. Die halbe Nacht lag ich wach und stand bei Sonnenaufgang auf. Das folgende Bild schoss ich, als ich beschloss weiterzulaufen.

Es war leider keine eindeutige Situation und es kam auch kein weiser Guru vorbei, der mir irgendeinen erleuchteten Satz hinklatschte und verschwand, nein, ich war mir weiterhin unsicher und das Einzige, was mich antrieb, war der Wille, den Stolz fühlen zu können, den die anderen fühlten.

Die folgenden Tage wurden schlagartig anders. Nur eine kleine Gruppe der vielen verschiedenen Leute, die zeitgleich angekommen waren, liefen weiter nach Finisterre. Meine persönlichen Lieblingsmenschen, darunter Dani und Gordon, mit denen ich viele Gespräche führte und immens viel lachen konnte. An zwei Tagen liefen wir jeweils knappe 35km und ich hatte noch nie solche Schmerzen am Körper. Gleichzeitig fühlte ich mich allerdings auch noch nie so lebendig. Es war irre, einerseits so unbeschreiblich glücklich zu sein und andererseits nach einer heißen Dusche auf allen Vieren ins Restaurant zu kriechen. Absurd, völlig absurd.

sprach mir aus der Seele
sprach mir aus der Seele

Der Weg zum Ende war unbeschreiblich schön. Die Umgebung wurde mediterraner und als nach drei Tagen das Meer in Sicht war, lag bei jedem Schritt das Salz in der Luft.
Doch durch ein unnötiges und sehr unangenehmes Missverständnis kam es an einem der letzten Tage leider dazu, dass Gordon sich von mir abwand und ich nicht die Möglichkeit und richtigen Worte fand, die Situation aufzuklären. Und so lief ich mit einem schweren Päckchen namens Schuldgefühl zusätzlich auf dem Rücken die letzten Kilometer zum Ziel. Die Sonne brannte und meine Beine waren noch nie so schnell – ich wollte endlich, dass alles von mir abfiel und ich glücklich in den Horizont blicken konnte.
Den Stein mit den 0 Kilometern zu sehen, war ein atemberaubendes Gefühl. Ja, da war er endlich. Der Stein. Und der Stolz. Ich blendete aus, was daheim schlief gelaufen war und war einfach nur verdammt stolz. Und befreit. Und alle positiven Gefühle, die es sonst noch so gibt.

Das Ziel war eine Felswand hinter einem Leuchtturm. Hier ging es definitiv nicht weiter und diese Endgültigkeit war ein wunderbares Gefühl. Dani stand neben mir und scherzte, dass sein Vater gemeint hatte, er solle an der Felswand stehen bleiben und nicht auch noch mit einem Boot weiterfahren. Die Vorstellung war verlockend.

Wir tranken alle gemeinsam Champagner aus Plastikbechern und sonnten uns, während manche nach unten ans Wasser kletterten und Martina ihre Buxe verbrannte. Jeder hatte sein eigenes Ritual.
Gordon, der nach einer halben Stunde ins Taxi stieg, um seinen Bus nach Portugal zu erwischen, nahm mich in den Arm und meinte irgendetwas mit vergeben und vergessen. Ich heulte, natürlich. Dann knipsten wir super coole und lässige Triumphfotos und verbrachten daraufhin den Abend und einen langen Teil der Nacht mit Picknick am Strand.

Gordon
Gordon

Einen Tag später fuhr ich mit Dani zurück nach Santiago, von wo aus mein Rückflug ging. Es war ein perfekter Tag vollgepackt mit angenehmem Schweigen, stundenlangen Lachanfällen und einem Nickerchen auf dem Platz vor der Kathedrale – die zwar wieder nichts mit meinen Gefühlen anstellte, aber ich war ja schon immer der Typ Mensch, der ans Meer muss, damit das Herz hüpft.

Am nächsten Morgen traf ich am Busbahnhof im Café eine Frau, der ich sofort ansah, dass sie noch keinen Meter gelaufen war. Sie sprach mich an und fragte nach Tipps. Ihre Unsicherheit lag nicht nur in der Körpersprache, sondern auch in ihrer Stimme und ich frage mich noch heute manchmal, was sie wohl dazu gebracht hatte, einen Stück des Weges zu gehen. Ich schaute auf ihren Rucksack und meinte zu ihr, dass das so nicht klappen würde. Sie packte drei dicke, gebundene Bücher aus und ich riet ihr, sie in dem Café zu deponieren. Und überhaupt sich von allem trennen, was sie zu viel dabei hatte. Dabei bemerkte ich etwas ganz Entscheidendes für mich, etwas, was nicht viele Menschen können:
Reisen mit leichtem Gepäck. Das kann ich. Das ist doch was.

Zurück zu Hause hatte sich nichts geändert. Wie immer, wenn man ein Weilchen weg war und meint, man hätte so viel verpasst. Dabei merkt man oftmals erst sehr viel später, dass die Veränderung nicht außen, sondern innen stattfindet. Genau das war passiert. Weil der Weg halt einfach das verdammte Ziel ist.

mein Freund, der Baum.
mein Freund, der Baum.
Sonnenaufgang
Sonnenaufgang
(c) Daniel Landa
(c) Daniel Landa
moi. (c) Daniel Landa
moi. (c) Daniel Landa
(c) Daniel Landa
(c) Daniel Landa
leave nothing but footprints.
leave nothing but footprints.

Tipps:

  •       1 1/0 deines eigenen Körpergewichtes sollte der Rucksack insgesamt wiegen. Bedenke, dass du ihn jeden Tag zwischen 5-8 Stunden trägst
  •       lasse Dinge mit materiellem Wert zuhause. Briefe und Bilder reichen, alles andere macht dich nicht glücklich, das wirst du merken
  •       Die Schuhe sind das A und O. Kauf dir superbequeme Wanderschuhe und lauf sie vorher ein!
  •       Abgesehen von der nötigen Funktionskleidung: Ziehe billige oder alte Sachen an. Ich hatte drei Unterhosen von C&A dabei, die ich danach weggeschmissen habe. Deine Spitzen-Dessous tun dir keinen Gefallen und interessieren auch niemanden
  •       Plane genügend Geld ein, damit du nicht sparen musst. Ein Kaffee am Wegesrand und ein Wein am Abend können dich glücklicher machen als vieles andere. Gönnen heißt die Devise! Und: das meiste ist sowieso sehr billig
  •       Du musst nicht die knappen 900km laufen, um dir etwas zu beweisen. Steige da ein, wo du möchtest. Oder lauf den Weg über Jahre hinweg, Etappe für Etappe
  •        Für die Frauen: Lass die Schminkutensilien daheim. Die frische Morgenluft ersetzt jedes Rouge und die Natur zaubert die glatteste Haut, die du dir vorstellen kannst
  •       Bestehe auf deine Stempel in den Herbergen. Das ist wie 1er sammeln für’s Fleißheftchen und sieht todschick aus…
  •        …im Gegensatz zur Urkunde im Rathaus von Santiago: Völlig überbewertet. Wenn du unbedingt eine möchtest, dann hüte dich allerdings, nur sportliche Gründe für deinen Weg anzugeben, sonst bekommst du sie nicht oder nur mit viel Glück
  •       Setz dich niemals unter Druck. Du bist dein bester Freund!

Walk on.

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12 comments

  • … und es ist wie immer Leben, wohl das LEBEN selbst .. das sich offenbart wenn der Zeitpunkt dazu da ist, und es ist nicht festzumachen, an einem Platz, anderen Menschen oder gar den eigenen Erwartungen.

    Ich hab deinen Bericht mit GENUSS gelesen und finde ihn schön und inspirierend. DANKE.

    Mit lieben grüße aus Kitzbühel’s BERGEN
    Daniela
    (◠‿◠)

    • Liebe Daniela,

      ich habe DEINEN Kommentar ebenfalls mit Genuss gelesen und finde ihn schön und inspirierend. 🙂
      Danke dafür und nur das Beste!

  • Ein wunderschöner Bericht, den ich mit viel Freude gelesen habe. Ich bin den Jakobsweg noch nicht gewandert, glaube jedoch, dass mich das Meer auch glücklicher gemacht hätte.

  • Sehr schöner Bericht! Alles ginge besser, wenn man mehr ginge 🙂

  • Sehr schöner Bericht! Und klasse Bilder dazu. =)

  • <3

    Das Meer ist (eigentlich immer) ein so viel schöneres Ziel als eine überlaufene Stadt. Ich hätte vermutlich direkt eine Arschbombe gemacht. 😀

  • Jawohl! Super Story! Da kommt gleich ein Gefühl des Aufbruchs auf!

    Und die Geschichte mit dem Mädchen, das dir nach deiner Ankunft geholfen hat (im 1. Teil des Berichts) gefällt mir auch. Ich liebe diese „random acts of kindness“!

    • Danke, so solls sein!

      „random acts of kindness“, das ist ein schöner Begriff. Den merk ich mir.

  • […] mit Couchsurfing-Gastgebern unter den Tresen zu saufen) und neun Monate später bin ich einen Teil des Jakobsweges gelaufen (was ebenfalls hilft, wenn alles scheiße ist, obendrauf gesünder als die erste […]

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