Mein Buch

„Ich gehe, um irgendwann einmal irgendwo bleiben zu können. Vielleicht hier, vielleicht am Ende der Welt. Aber bis ich wirklich irgendwo bleibe, schaue ich mir alles an. Und ist es nicht kostbar zu wissen, dass es abseits dessen, was man kennt, eine vielleicht noch schönere Alternative gibt?“

 

>>Zu den aktuellen Lesungen geht es hier entlang.<<

Gehen um zu bleiben von Anika Landsteiner

 

Warum dieses Buch?

Mit jedem Land, das ich bereist habe, verbinde ich bestimmte Erfahrungen und damit auch Emotionen. Schon vor längerer Zeit hatte ich die Idee, einige dieser Geschichten in einem Buch zu veröffentlichen, jede unter ihrem eigenen Schlagwort; nur um ein paar zu nennen: Freiheit, Voruteile, Frieden, Scheitern, Enttäuschung, Wut oder Grenzen. Ich wollte nicht einfach ein Buch mit gesammelten Texten meines Blogs veröffentlichen, denn vieles habe ich nie aufgeschrieben, geschweigedenn veröffentlicht. Deshalb habe ich mich auf eine Zeitreise begeben, von vorne angefangen, die Erlebnisse sortiert und einzelne Passagen, die es bereits auf dem Blog gab, überarbeitet.

Worum geht es?

Um das Gehen, um das Bleiben, um das Zurückkommen. Ich war nie auf einer Weltreise gewesen, mein längster Aufenthalt im Ausland (am Stück) hat drei Monate gedauert. Danach bin ich immer zurückgekommen, nach Hause, nach Deutschland, nach München, in meine Dachgeschosswohnung, die ich liebe. Der rote Faden all dieser 15 Geschichten ist also: Warum gehen? Was unterwegs lernen, woran scheitern, in was sich verlieben? Um dann auch wieder nach Hause zu kommen, das Erlebte in einen eigenen Kontext zu setzen, erst Heimweh, dann Fernweh zu verspüren, um dann schlussendlich wieder loszuziehen – der Kreis des Reisens.

Der Markt ist voll mit Büchern, die sich ums Thema „Reisen“ bzw. „Selbstfindung auf Reisen“ drehen – warum sollte ich nun dieses Buch kaufen?

Meine Geschichten decken sehr viele verschiedene Themen ab. Ich war alleine unterwegs, mit meinem Partner oder mit Freunden, beruflich und privat. Mir war beim Schreiben sehr wichtig, neben leichten und unterhaltenden Themen auch ernste Töne anzuschlagen – ich berichte vom Bereisen mehrerer Entwicklungsländer, davon, wie es war, alleine als Frau durch die ehemals gefährlichste Stadt der Welt zu laufen, aber auch, zu welchem Land ich keinen Bezug gefunden habe und warum ich nach alledem daran scheiterte, mich in Italien einfach zu entspannen. Es sind persönliche Geschichten mit einem literarischen Anspruch und ich hoffe sehr, dass es mir gelungen ist, nicht nur das Reisefieber zu wecken, sondern gleichzeitig den Wunsch, sich mit allen Facetten des Reisens locker und gleichzeitig ernsthaft auseinanderzusetzen.

Was ist deine Lieblingsgeschichte?

Immer wieder habe ich mir diese Frage selbst gestellt, um dann festzustellen, dass ich sie nicht beantworten kann. Es kommt auf die eigene Stimmung an, in der man gerade ist, was man sucht, was man erwartet. Die Geschichte, die aber jedes Mal ein Kribbeln auf der Haut verursacht, ist die erste. Kalifornien 2010, eine Woche alleine in Los Angeles, darauffolgend ein Roadtrip mit einer Freundin nach San Francisco. Wir beide mit gebrochenem Herzen zwischen zwei urbanen Schmelztiegeln, mit Salz auf der Haut und Sonnenbrille auf der Nase – unter der Überschrift „Freiheit“ ist so viel mehr passiert, als ich mir damals erhofft hatte, dass ich mich wahnsinnig über diese Geschichte als Opener freue.

Kann man mal reinlesen?

Na klar. Es folgen zwei Ausschnitte, einmal der Prolog und ein Ausschnitt aus dem Indien-Kapitel.


Prolog

Das ist meine Stadt.

Ich war sicherlich nicht die Erste, die das beim Anblick New Yorks dachte, und ich wage zu behaupten, dass kaum jemand, der einmal hier oben auf dem Empire State Building stand, sich dem Sog dieser Stadt entziehen konnte.

Das war nicht nur ein Haken auf meiner „Bucketlist“, einer Liste der Dinge, die ich in meinem Leben auf jeden Fall einmal tun oder sehen wollte, das war auch kein scheiß Herzklopfen, zumindest nicht nur. Das war ein riesiger Plan, der sich auf einmal wie selbstverständlich vor mir entfaltete. Er erschien mir ganz klar und genauso strukturiert wie das Straßennetz unter mir: Irgendwann, wenn ich älter war, würde ich hier leben. Ich würde morgens mit meinem Coffee to go durch die Straßen hetzen, ich würde bei Regen in Dreiviertelhose und Ballerinas über Pfützen springen, ich würde im Sommer auf den Dächern sitzen und mit Freunden grillen, denn ich würde, ganz einfach, eine von ihnen sein und ich würde die Zeit meines Lebens haben.

New York und ich, wir waren wie füreinander gemacht. Und es war mir ziemlich egal, dass ich mich mit dieser Feststellung in eine Schlange hoffnungsloser Großstadtromantiker einreihte, die bereits im Flugzeug über Manhattan glaubten, hierherzugehören.

Einen Tag nach meiner Rückreise, als ich vom Jetlag geschlaucht auf dem Sofa lag und schlief, kollidierte das erste Flugzeug mit dem Nordturm des World Trade Centers. Ein paar Minuten später rief mich meine Tante an und sagte mir, ich solle den Fernseher anschalten. Ich sah zu, wie das zweite Flugzeug in den Südturm flog. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich dabei weinte, ob ich an die Eintrittskarte auf meinem Schreibtisch dachte, oder ob ich meine Freundin anrief, die vor ein paar Tagen mit mir dort oben gestanden hatte. Ich war damals vierzehn Jahre alt, doch was diesen elften September im Jahr 2001 angeht, klafft in meinem Gedächtnis eine große Lücke. Auch an den Tag, an dem das World Trade Center auf dem Sightseeing-Plan stand, erinnere ich mich heute kaum noch. Nur noch an dieses Gefühl, als ich dort oben auf der Plattform stand, während der Wind des Spätsommers durch mein Haar fuhr und ich mich unsterblich in diese Stadt verliebte.

Sechzehn Jahre später blicke ich auf viele bereiste Länder zurück. Auf Nachtzugfahrten durch China und einen Roadtrip durch Kalifornien. Auf zwei Monate Leben in Kolumbiens ehemaliger Drogenhochburg Medellín und knapp drei Monate Auszeit im Warm Heart of Africa, Malawi. Und manchmal, wenn ich ins Flugzeug steige, frage ich mich, welches Leben ich führen würde, hätte ich nach diesem Tag im September einen anderen Weg eingeschlagen. Meine Träume weggepackt, meine Reiselust nie aufkeimen und stattdessen meine Ängste überwiegen lassen.

Zwei Tage vor dem Einsturz des World Trade Centers habe ich New York verlassen, kurz vor den Attentaten in Paris bin ich mit Freunden in der Herbstsonne entlang des Kanals Saint-Martin flaniert und vier Wochen vor den Anschlägen in Brüssel habe ich dort mit einer Freundin in der Innenstadt belgisches Bier probiert.

Was ich damit sagen möchte: Das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn Menschen, die reisen wollen und Spaß daran haben, in andere Kulturen einzutauchen, sich von ihren Ängsten davon abhalten lassen. Die Welt ist nicht zu einem gefährlicheren Ort geworden – wir bekommen tragische Ereignisse in Zeiten von Social Media nur heftiger, schneller und hautnaher mit.

Statt zu Hause zu bleiben, sollten wir genau das Gegenteil tun: Wir sollten noch viel mehr rausgehen. Internationale Freundschaften knüpfen und kulturelle Unterschiede nicht nur verstehen lernen, sondern zwischen ihnen Brücken bauen. Neue Geschmäcker mit der eigenen Zunge entdecken und der Nase nach durch stinkende Metropolen laufen. Auf einem Hochplateau oder am Meer zur Ruhe kommen und Tuk-Tuk-Fahrer nach ihrem Lieblingsort fragen. Die Arme ausbreiten, einfach mal atmen, denn so trivial das klingen mag, wir vergessen es viel zu oft, das Atmen. Und, schlussendlich: mehr über uns selbst erfahren.

Reisen ist lehrreich, Reisen wirft uns in Ausnahmesituationen, ohne vorher zu fragen, Reisen macht Spaß, Reisen ist ungemein bereichernd. Im Endeffekt ist Reisen Leben im Schnelldurchlauf. Alles, was man erlebt, ist konzentrierter und intensiver. Ein Schatz an Erfahrungen, der bleibt.

Die fünfzehn Geschichten in diesem Buch stehen für fünfzehn Länder, die mich geprägt und verändert, und, ja, mir beim Erwachsenwerden ordentlich unter die Arme gegriffen haben. Die Auswahl dieser Erzählungen war gar nicht so einfach, doch schlussendlich war zurückzublicken, Fotoordner zu durchwühlen und ehemalige Reisepartner zu kontaktieren, genau die Zeitreise, die es brauchte, um dieses Buch zu schreiben. Und jetzt, so viele Jahre nach meinem ersten großen Abenteuer, kann ich sagen: Ich würde alles noch mal genau so machen. Denn die Momente, in denen ich mich auf dem Jakobsweg mit mir selbst überfordert gefühlt oder die unfassbare Armut anderer Menschen in Benin erlebt habe, sind genauso wichtig wie die Ruhe, die ich beim Tauchen auf Mauritius verspürte oder die Sehnsucht in Indien, jeden Winkel des Landes erkunden zu wollen. Heute verstehe ich diese Reisen als einzelne Puzzleteile, die ineinandergreifen und ausschließlich zusammen mein Bild auf die Welt geformt haben. Warum ich durch das Reisen zu dem Menschen wurde, der ich heute bin. Und vor allem, warum diese eine Reise nie zu Ende sein wird.

(…)

Der beste Zeitpunkt, um wieder aufzubrechen? Immer jetzt. Alles auf Anfang – alles von vorne.


Sehnsucht oder: Warum die Welt gut ist und ihre Menschen es ebenfalls sind.
Indien, März bis April 2013

(..)

Neu-Delhi. Extrem laut und extrem voll. Das ganze Land in einer Stadt. Sie riss mich hinein in ihr Chaos, und das mit so einer Heftigkeit und so kompromisslos, dass ich durch die Straßen wankte wie ein betrunkener, aber sehr glücklicher Mensch. Ich war wie ein Schwamm, der alle Eindrücke in sich aufsaugte, und am Abend schrieb ich keine Zeile, weil ich keine Worte übrig hatte.

Das authentischste Bild von Indien fand ich genau dort, in dieser nicht fassbaren Stadt, deren Lebensfreude, Farben und Gesichter mich umwarfen. Irgendwie gelang es Indien, seine Gegensätze zu vereinen und sie miteinander funktionieren zu lassen. Mädchen in Jeans neben Mädchen in Saris. Dreckige Gassen, in denen ausgemergelte Kühe im Weg standen, Parks mit akkurat geschnittenen Rasenflächen. Ich konnte mich von der ersten Sekunde an auf alles einlassen, was meine Sinne wahrnahmen. Das waren nicht nur schöne Dinge, die sich in das bunte und detailverliebte Mosaik meiner Erlebnisse fügten, doch am Ende passte alles zusammen und die Eindrücke dieser ersten Reise nach Indien trage ich bis heute in mir, sodass das Land letzten Endes zu meinem größten Sehnsuchtsort wurde – und mein Aufenthalt dort den Grundstein für den Start meines Reiseblogs legte.

Indien faszinierte mich bis zu meiner Abreise so sehr, dass Heimweh und Vorfreude auf zu Hause keine Chance hatten, und nach meiner Rückkehr rief das Land jedes weitere Jahr nach mir.

„Manchmal ist es die beste Entscheidung, den Rückflug zu verpassen“, hatte Andrew, ein Rastafari, in einem Café in Mumbai gesagt und noch heute fühlt sich dieser Satz für mich an wie eine geheime Nachricht. Wenn ich heute sage, ich müsse zurück nach Indien, und zwar noch dieses Jahr, dann meine ich damit: Ich habe Heimweh.
Kein Land auf dieser Welt ist so anders und hat mir gleichzeitig innerhalb dieser Andersartigkeit das warme Zuhause eröffnet, das Indien seitdem für mich ist. Ein Ort, an dem ich irgendwann einmal leben möchte, zumindest eine Zeit lang. Und diese Sehnsucht, die mit jedem Besuch nur noch schlimmer wird, entstand so:

Das Leben in Neu Delhi, und überall anders auf dem Subkontinent, spielt sich draußen ab. Das war, was ich an Indien unglaublich mochte. Die Menschen sind immer unterwegs. Verkäufer unterhalten sich mit ihren Nachbarn über einer Tasse Chai, Tuk-Tuk-Fahrer kämpfen sich mit stoischer Gelassenheit durch den Verkehr, Familien sitzen im Park und picknicken, Menschen laufen von A nach B, ständig, keine Ahnung, ob sie ein Ziel haben oder nicht. Alle lächeln. Mich faszinierte, wie friedlich das Zusammenleben schien.

Wenn ich dann stehenblieb, auf einem Platz oder vor einem Tempel oder mitten im Gassenlabyrinth, waren das manchmal sehr stille Momente für mich. Zwei, drei Mal wurde es ganz leise in mir drinnen, so leise, dass ich mich darüber nur wundern konnte. Das war wie in diesen hochemotionalen Musikvideos, in denen einer dasteht und sich nicht bewegt, während sich alles um ihn herum in wahnsinniger Geschwindigkeit abspielt. Fast forward, das Leben und ich, regungslos.

Alles war bunt und laut, Gerüche stiegen mir in die Nase, Menschen sprachen mich an, lachten mich an, drückten mir Babys in den Arm, deren dunkle Augen mit schwarzem Kajal umrandet waren, machten Fotos. Kühe, Ziegen, Mäuse, Hühner, alles rannte kreuz und quer, doch ich sprang nicht zur Seite, auch nicht, als ein Tuk-Tuk laut hupte. Die Schleier der bunten Saris wehten im Wind, nicht zu verwechseln mit dem langen, dunklen, glänzenden Haar der Inderinnen, das sich darüber legte, darunter und dazwischen, ein Tanz, alles, einfach alles auf diesen Straßen war ein Tanz und es war irrsinnig, nicht stehenzubleiben und sich das nicht anzusehen.

Das war ein lebenslanger Bollywood-Film, aber live, und viel echter. Die Bewegungen, das Zusammenleben, wie einstudiert, alles spielte zusammen und zerfloss am Ende des Tages in ein Gesamtkunstwerk, das sich wie ein Sari über die ganze Stadt legte. Die Farben des Sonnenuntergangs, verschleiert durch den Smog zu einem pastellfarbenen Schauspiel, so schön, es war fast schon übertrieben.

(…)


Okay, überzeugt. Wo kann ich es nun bestellen?

„Gehen, um zu bleiben“ kann bei allen Buchhandlungen sowie Onlineversandhändlern, beispielsweise Amazon, bestellt werden. Vielen Dank für jeden einzelnen Kauf!

 

Ein paar Fotos zur Einstimmung:

Frankreich, 2011
Indien, 2013
Kolumbien, 2014
China, 2014
Mauritius, 2015
Griechenland, 2015
Benin, 2015
Indien, 2015
Malawi, 2016
Sansibar, 2016
Italien, 2016

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

4 comments

  • Wow, dein Prolog ist schon mega fesselnd! Du schreibst echt toll und man kommt sofort in die Geschichte rein. Du kannst dein Resiefieber echt mit Worten transportieren und ich bin begeistert von all den Orten die du schon besuchen durftest!
    Danke für den Einblick.
    Ahoi, Katharina 🙂

  • Hallo Anika, Dein Prolog ist wirklich sehr interessant und irgendwas hast Du in mir angeschubst. Ich bin wahnsinnig gespannt auf das ganze Buch und dann schau ich mal, was du so angeschubst hast. Ich bin echt neugierig und habe eine riesige Vorfreude auf Dein Buch in mir.
    Danke!!

    Isolde

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.